Ehrliche Trennungsgründe sind die Abrissbirne meines Selbstwertgefühls

„Es liegt nicht an dir, es liegt an mir”, wie oft habe ich diese Worte schon zu hören bekommen. Ich wollte sie wissen, die Gründe für meine Abservierung. Aber hätte mir das wirklich geholfen? 

Es tut weh, die echten Gründe der Trennung zu hören. Foto: Pexels | CC0 Lizenz

Ich bin eine Lügnerin. Ich habe nicht die Wahrheit gesagt. Und das oft. Vielleicht öfter, als den meisten Menschen lieb ist. Nein, ich habe nicht auf „Wie geht’s dir?“ mit „Super!“ geantwortet, obwohl mir zum Heulen zumute war. Ich lüge, wenn es um Trennungsgründe geht.

„Erzähl doch mal, warum deine letzte Beziehung in die Brüche ging“, fragte mich die Videoredakteurin eines Magazins, während wir gerade einen kurzen Einspieler zum Thema Liebe drehten. In meinem Kopf schossen die Dinge, die mich an meinem Ex nervten, wie ein Feuerwerk in die Höhe. Doch ich blieb stumm. „Wir haben uns einfach auseinandergelebt“, kam mir gerade so über die Lippen. Der 08/15-Trennungsgrund, an dem 90 Prozent aller Beziehungen zu scheitern scheinen.

Tragisch klingend, niemandem die Schuld zuschiebend, ein fairer Trennungsgrund. Damit kann ich ziemlich gut leben. Als mir jedoch weiterhin bohrende Fragen zu den Gründen meiner Singlewerdung gestellt wurden, dachte ich darüber nach, einfach mal die nackte Wahrheit auf den Tisch zu legen. Doch was würde das auslösen? Wie würde mein Exfreund reagieren, wenn er diese Worte plötzlich brühwarm auf einem Bildschirm zu sehen bekäme? Ich begann, mich in seine Lage zu versetzen. Würde ich wissen wollen, woran die Beziehung wirklich gescheitert war? Also abgesehen von den vorgeschobenen Es-liegt-nicht-an-dir-es-liegt-an-mir-Gründen. Plötzlich kam mir die Aussage eines Bekannten in den Sinn, die mich lange beschäftigt hatte.

„Du warst mir damals einfach zu dick“

Er war vor knapp zehn Jahren der Inhalt meiner feuchten Teenagerträume, wenn ich das mal so frei sagen darf. Sobald ich ihn sah, hüpfte mein Herzchen schneller und die Knie begannen zu zittern. Ich baggerte und baggerte und baggerte. Ich fühlte mich, als hätte ich in kürzester Zeit die halbe Wüste von rechts nach links gebaggert. Mehr als ein kleiner Flirt kam jedoch nicht dabei heraus. Jahrelang habe ich mich gefragt, was ich denn wohl falsch gemacht hatte. War ich zu jung? Vielleicht steht er ja auf Männer? Es brannte mir regelrecht unter den Nägeln, dass mir nicht bewusst war, warum er mich abgelehnt hatte.

Als wir uns vor Kurzem zufällig in meiner Stammbar trafen, bekam ich sie dann endlich, die Antwort: „Ganz ehrlich, du warst mir damals einfach zu dick“, sagte er mir nüchtern ins Gesicht. Bääähhm, das hatte gesessen. Mir fiel mein Lächeln aus dem Gesicht, als hätte ich gerade einen Geist gesehen. „Dir ist schon bewusst, dass ich damals nur zwei Kilo schwerer war als jetzt?“, schmetterte ich ihm nach kurzer Schockstarre entgegen. Ich sprang auf und verließ den Laden. Seine Aussage hatte mich schwer getroffen.

Eigentlich hätte ich ihm dankbar sein sollen, dass er die Fakten auf den Tisch brachte und mich aus meiner Unwissenheit erlöste. Aber er bewirkte damit etwas, auf das ich gerne verzichtet hätte. Er nahm mir ein Stück meines Selbstwertgefühls. Es war zehn Jahre her, dass ich auf ihn stand, das Ding war durch. Trotzdem machte mir seine Ablehnung zu schaffen. Hätte er gesagt: „Das passte einfach nicht zwischen uns“, oder „Wir sind als Freunde besser als als Paar“, wäre meine Welt noch in Ordnung gewesen.

Liebe macht uns angreifbar

Wir Menschen wollen immer, dass unser Gegenüber ehrlich ist. Aber was passiert, wenn wir mit dieser Ehrlichkeit nicht umgehen können? Mal angenommen der*die langjährige Ehepartner*in wirft nach einer Trennung Fakten auf den Tisch, wie „Du warst nicht gut genug im Bett“. Wollen wir das wirklich hören? Würden uns solche Aussagen helfen?

Ich würde mich direkt in das nächste Loch verkrümeln, Chipstüten leeren und hoffen, dass mich so bald niemand findet. Wenn wir eine Person lieben, machen wir uns angreifbar. Die emotionale Barriere, die uns vor Verletzungen durch andere Menschen schützt, lassen wir in einer Beziehung fallen.

Es ist eben ein Unterschied, ob wir durch eine*n Fremde*n als fett bezeichnet werden, oder von unserem*r Partner*in beziehungsweise Expartner*in. Das Selbstwertgefühl, was durch die, wenn auch nicht böse gemeinte, Ehrlichkeit zerstört wird, muss erst einmal wieder aufgebaut werden.

Ehrlichkeit als Abrissbirne für mein Selbstbewusstsein

Ich fühle mich in solchen Situationen wie der halbfertige Berliner Flughafen. Ist der eine Schaden beseitigt, kommt der nächste Kran mit seiner Abrissbirne. Ich will einfach nicht hören, was an mir alles falsch zu sein scheint. Ich will nicht wissen, warum ich das Herz eines Mannes nicht gewinnen konnte. Mir sollte man einfach sagen, dass es nicht gepasst hat. Das reicht.

Es ist schließlich schon schlimm genug, wenn man abserviert wird. Ich brauche keine Abrissbirne, die mit durchbrechender Ehrlichkeit genau die Punkte in meinem Selbstbewusstseins-Mauerwerk findet, die schon leicht marode sind. Ein Einschlag mag noch zu verkraften sein, aber wie geht es wohl den Menschen, die regelmäßig von der Ehrlichkeit ihres Gegenübers erschlagen werden? Es dauert seine Zeit, bis die Schäden beseitigt sind und das Mauerwerk stark genug ist, um das emotionale Dach zu tragen. Wollen wir das Risiko eines Einsturzes wirklich eingehen? Können wir uns nicht mit 0-8-15-Trennungsgründen zufrieden geben, unserer selbst wegen? Was bringt es, wenn wir uns durch unsere Gier nach Ehrlichkeit selbst zerstören?

„Alles okay?”, riss mich aus meinen innerlichen Dialogen. Die Videoredakteurin hatte noch immer keine ordentliche Antwort von mir erhalten. „Weißt du, wenn man zum tausendsten Mal gemeckert hat, weil er …“, ich biss mir auf die Lippen, um die Worte zu stoppen, die da aus meinem Mund kommen wollten, während ich vor der Videokamera saß. „Ich habe einfach gesehen, dass er eine andere Frau braucht. Eine, die ihn glücklicher machen kann als ich“, fuhr ich fort. „Denn er war gut so wie er war. Vielleicht nicht für mich, aber für einen anderen Menschen.“

Ein Lächeln legte sich auf mein Gesicht, als diese Worte in meinem Kopf nachhallten. Sie waren vielleicht nicht ganz ehrlich, aber mit Kuscheltieren schmeißen ist definitiv besser, als das emotionale Haus mit einer Abrissbirne zu zerstören.