Wie ein 70-jähriges Ehepaar die Lust am Sex wiederentdeckt hat

Ist man für eine halbe Ewigkeit mit derselben Person in einer Beziehung, können Routine und Alltagstrott schon mal die Libido trüben. Ein 70 Jahre altes Ehepaar ist dem entwischt und ist seither heiß aufeinander wie nie zuvor.

© Luiza Puiu

Sex geht immer. Auch mit 70. © Luiza Puiu

Warum hört man über Sex im fortgeschrittenen Alter so wenig? Hören unsere Eltern und Großeltern ab einem gewissen Alter einfach auf, sich gegenseitig sexuell zu befriedigen? Gehen pünktlich zum, sagen wir, 60. Geburtstag die Schranken runter und die Leidenschaft erlischt?

Wir kennen das Bild alter Körper, die sich schwitzend im Bett räkeln, nicht. Unsere übersexualisierte Gesellschaft hat sich an die straffen, jungen Körper aus der Werbung, aus den Hollywood- und Pornofilmen gewöhnt. Die Realität sieht anders aus: Irgendwann beginnt der knackigste Po zu runzeln und der rüstigste Unterarm zu hängen. Aber nur weil die Haut langsam den Kampf gegen die Schwerkraft verliert, heißt das noch lange nicht, dass damit auch die Leidenschaft flöten geht.

Das beweisen Magda und Bernhard Bauer aus Wien. Sie sind beide 70 Jahre alt, seit 46 Jahren verheiratet und haben wohl mehr Spaß im Bett als manche Zwanzigjährigen. Das Sexleben des Paares ist das beste Beispiel dafür, dass auch lang gediente Lenden entstaubt werden können.

Magda und Bernhard haben mit 70 Jahren so viel Spaß im Bett wie nie zuvor. | © Luiza Puiu
Magda und Bernhard haben mit 70 Jahren so viel Spaß im Bett wie nie zuvor. | © Luiza Puiu

Den tristen Routinesex haben Magda und Bernhard bis vor vier Jahren auch noch gelebt. Nach 46 Jahren Ehe brannte die Libido auf Sparflamme, sie lebten teilweise wie Geschwister zusammen. Es waren einfach „gewisse Abnützungserscheinungen im eigenen Liebesleben“ zu bemerken, wie sie es selbst beschreiben.

Doch dann passierte etwas: Magda sah im Urlaub auf Teneriffa eine Dokumentation über einen Swingerclub. Anfangs dachte sie noch, das hätte irgendwas mit Foxtrott zu tun, später hielt sie es für eine Art Indoor-FKK-Strand. Dann fand sie heraus, was in einem Swingerclub tatsächlich geschieht. Die Erkenntnis veränderte sie.

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„Der Bericht hatte etwas geweckt in mir, das ich fast schon vergessen hatte. Das Bedürfnis nach körperlicher Liebe. Das Bedürfnis nach Lusterlebnissen“, sagt Magda. In den darauffolgenden vier Jahren machte das Ehepaar mehr sexuelle Erfahrungen als in den 40 Jahren davor – und das ganz ohne Potenzmittel. Sie kauften sich Dildos, Penisringe und Peitschen. Sie besuchten Swingerclubs, bestellten Callboys und machten bisexuelle Erfahrungen. Diese Ereignisse und wie sie das Erlebte veränderte, schrieben sie in ihrem Buch „Liebes Leben“ auf.

Darin beschreiben sie viele erste Male und wie sie mit ihnen umgegangen sind. Einmal luden sich Magda und Bernhard ein anderes Pärchen zu sich nach Hause ein. Sie hatten Raphaela und Kurt über eine Kontaktbörse im Netz gefunden, die zwei waren zwar halb so alt, aber in sexuellen Belangen weitaus erfahrener. Magda wurde allerdings zu Beginn des Treffens nervös und ließ die drei alleine. Kein Problem für die anderen, das Pärchen führte Bernhard schnell mal in die Welt der vaginalen Penetration mit zwei Penissen ein. Später machte Bernhard Madga durch Erzählungen dieses erste Mal schmackhaft. Später versuchten sie es zu zweit und der Hilfe einer ihrer neuen Dildos.

Ein weiteres erstes Mal war, als sich Bernhard einen Dichtungsring eines Abflussrohrs auf den Penis zog. Er wollte damit seine Erektion verlängern, richtige Penisringe störten Magda beim Sex jedoch. Das Experiment gelang. Doch am nächsten Morgen wachte Bernhard mit einem prallen, knallroten, immer noch steifen Penis und stechenden Schmerzen auf. Er hatte nach dem Sex vergessen, den Dichtungsring abzuziehen und schlief wieder ein. Der Penis konnte dadurch nicht abschwellen, an der Wurzel hatte sich ein dunkelvioletter Bluterguss gebildet. Mit kaltem Wasser und ein wenig Salbe war das Problem glücklicherweise schnell gelöst – und die Bauers waren um eine Erfahrung reicher.

Die Restlebenszeit nutzen

Es ging den Bauers nicht darum, im Alter zu „weißhaarigen Sexmonstern“ zu werden. „Wir sind das nicht und wollten es auch nie sein. […] Wir haben mehr Sex als früher. Aber wir haben keinen Sex, wenn nicht alles passt“, schreiben sie in ihrem Buch. Es ging ihnen einfach darum, nicht unter dem „Schwinden ihrer Restlebenszeit“ zu leiden. Dafür vereinbarten sie folgende fünf Punkte, die sie bei der Erweiterung ihres Sex-Lexikons beachten wollten.

  1. Gegenseitige Offenheit
  2. Jeder tut nur, was er gerne tut
  3. Jeder strebt nach der größtmöglichen Lust. Nicht nur für sich, auch für den anderen
  4. Was immer geschieht, darf nur mit Zustimmung des anderen geschehen
  5. Sind andere außer uns beteiligt, müssen sie unsere Regeln respektieren
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Nun schreiben nicht alle 70-jährigen Eheleute, die ein halbwegs erfülltes Sexleben haben, ein Buch darüber. Magda und Bernhard war es aber wichtig, eine Botschaft zu übermitteln:

„Wir glauben, dass das Schweigen über Themen wie jenes angeblich schicksalhafte Verglühen der Leidenschaft in der Ehe oder über die wahren Sehnsüchte und Wünsche der Ehepartner viel Schaden anrichtet. Denn eine Ehe muss sich entwickeln, im sozialen und emotionalen genau wie im sexuellen Bereich, oder sie scheitert. Wenn Stummheit herrscht, diese fatale stumme Einsamkeit zu zweit, kann eine Ehe nur scheitern.“

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Diese sexuelle Offenheit und der Mut gegenüber Neuem kam spät in ihrer gemeinsamen Zeit. Warum genau, wüssten sie selbst nicht. Vielleicht, weil sie früher ohnehin glücklich mit dem waren, was sie hatten. Der Sex war nicht schlecht, sie kamen sogar meistens gemeinsam zum Höhepunkt. Nur war es eben immer das Gleiche. „Man kommt nicht auf die Idee zu experimentieren, wenn das Einfache eine Sensation ist. Wenn es keine mehr ist, kommt man auch nicht auf die Idee, weil die Lust dazu schon fehlt“, schreibt Bernhard im Buch.

Der Schlüssel zur Neuentdeckung der Lust wäre laut den Bauers „sprechen, sprechen und nochmals sprechen“. Menschen in Beziehungen sollten darauf achten, nie beleidigende Worte zu verwenden und nie zu drohen („Ich lass mich scheiden“). Seine Liebe solle man vor allem durch Handlungen zeigen, indem man zum Beispiel freiwillig Hilfe gewährt, wenn der*die Partner*in sie braucht, ohne darum gebeten werden zu müssen. Es gehe darum, die ganze Person mit allen Vorlieben zu respektieren. Die Bauers raten, „Gespräche zu Sex zu suchen, Antennen zu entwickeln, was dem oder der anderen gefallen könnte – und schließlich versuchen, dem anderen größtmögliche Lust und Befriedigung bereiten.“

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