Ein Burnout beginnt anders, als die meisten denken

Wer höher steigt, kann tiefer fallen. Burnout entsteht nicht über Nacht, auch nicht innerhalb weniger Wochen. Warum alles meist ganz großartig anfängt und warum nicht hinter jeder Erschöpfung ein Burnout steht.

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Zum Burnout gehört mehr als körperliche Erschöpfung. © Photocase.com/rolleyes

Was steckt hinter dem Begriff?

„Ich bin echt kurz vor dem Burnout”. Wer hat das nicht schon oft gesagt oder gehört? Auch wenn oder gerade weil sich die Medizin nach wie vor uneinig ist, was genau ein Burnout ist und wie und ob er sich von anderen Krankheitsbildern (vor allem Depression) unterscheidet, bin ich der Meinung, dass der Begriff oft falsch und eindeutig zu oft verwendet wird.  Eine bessere Abgrenzung zu normalen Erschöpfungszuständen ist wichtig. Obwohl das Thema in aller Munde ist, gibt es immer noch viele Missverständnisse. Und dadurch suchen sich manche vielleicht zu spät Hilfe.

Das Burnout-Syndrom beschreibt den Zustand der totalen psychischen und physischen Erschöpfung am Ende eines langen Prozesses. Burnout ist nicht ausschließlich das Resultat von zu viel Arbeit und von der Erschöpfung der eigenen Ressourcen. Burnout fängt viel früher an. Und zwar paradoxerweise mit einem hohen Maß an Motivation und Erwartungen an eine Situation.

Phase 0 – Die Vorfreude

Ein neuer Job, eine neue Ehe, das neue Kind, eine neue Stadt. Der Beginn eines neuen Lebensabschnitts geht oft einher mit viel Energie, viel Hoffnung und viel Tatendrang. Bereits vor Beginn entstehen Bilder im Kopf, die einen Idealzustand beschreiben. Und mit diesen Bildern sind positive Gefühle verbunden und deshalb freut man sich ja auch auf das Neue.

Phase 1 – Der Frühling

Nun beginnt das neue Kapitel offiziell. In den ersten Tagen und Wochen ist die Welt meistens noch in Ordnung, aber man unterschätzt oft, dass der Energieverbrauch auch sehr hoch ist. Sich an neue Situationen zu gewöhnen kostet Kraft. Und auch wenn alles eigentlich toll ist, findet meistens nach einigen Wochen das erste Low statt.

Exkurs Nr. 1 (vor allem an alle Arbeitgeber da draußen):

Zyklische Leistungskurven von 8-12 Wochen sind ganz normal. Selbst im „Normalmodus“ gibt es Phasen, in denen man aufnahme- und leistungsfähiger ist, und es gibt Phasen, in denen das nicht so ist. Um in diesen Phasen allerdings die gleiche Leistung zu bringen, muss man tiefer in seine Energiereserven greifen. Kurzfristig ist das ok, langfristig nicht, weil man theoretisch immer mehr braucht um diese Reserven wieder aufzufüllen, praktisch dies aber nicht tut. Nochmal: Konstante Leistung zu erbringen erfordert Kraft. Regenerationsphasen, in denen man nicht das normale Leistungslevel erreicht, sind normal und zum Wiederauftanken extrem wichtig.

Phase 2 – Der Realitätscheck

Nach dem ersten Low erreicht man meist nicht und nie mehr das High der allerersten Phase. Das ist im Job genauso wie in der Liebe. Die Realität setzt ein und auf einmal sind alle möglichen Dinge im Blickfeld, die mit dem Idealbild nicht ganz überein passen. Jetzt beginnt der Konflikt zwischen eigenen (intrinsischen) Bedürfnissen und von außen an einen herangetragenen (extrinsischen) Anforderungen.

Exkurs Nr. 2: 

Die beste Definition von Stress, der ich bislang begegnet bin, lautet: „Stress ist das subjektive Empfinden, dass die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, um eine Situation zu bewältigen”. Heißt also: Nicht jede Situation ist für jeden stressig, es geht um das Verhandeln von innen und außen, nicht um viel Arbeit per se. Und: Es fehlt etwas, sonst wäre das Verhandeln kein Problem.

Stress fängt also langsam an, verursacht durch einen Konflikt zwischen dem was intrinsisch gebraucht und extrinsisch gefordert wird. Und was wir brauchen ist eigentlich ganz einfach.

Exkurs Nr. 3: 

Kleinkindern zuzusehen ist süß und vor allem hochgradig interessant, und sagt uns viel über die menschlichen Grundbedürfnisse. Neben Schlaf und Essen brauchen Kinder:

  • Sicherheit und Geborgenheit,
  • menschliche Zuneigung,
  • Raum zum Erforschen und Gestalten, und
  • Entwicklung und Ausdruck der eigenen Individualität.

Diese Bedürfnisse ändern sich im Laufe eines Lebens nicht. Sie werden allerdings durch Sozialisation in Formen gedrängt, die Anpassungen und Kompromisse erfordern – sonst funktioniert Gesellschaft nicht. Das heißt aber eben auch Unterdrückung.

Auf den erwachsenen Menschen übertragen heißt das, er braucht Entwicklung und Gestaltungsmöglichkeiten und Anerkennung / Feedback zur eigenen Arbeit. Dies verleiht einem Umfeld das Gefühl von Sicherheit. Und wenn dies nicht gegeben ist, geht die Schere zwischen intrinsisch und extrinsisch immer weiter auf, und die meisten Menschen geben eher ihre Bedürfnisse als das Umfeld auf, passen sich an, unterdrücken eben ganz tief verwurzelte Notwendigkeiten. Und sehen dabei oft nicht, dass das Umfeld einiges dazu beiträgt.

Ein ungesundes Umfeld (und damit Burnout-Beschleuniger) zeigt meist die folgenden Kriterien: Keine Gestaltungs- und Entscheidungsräume, keine Entwicklungsmöglichkeiten, kein konstruktives Feedback. Konkret kann das bedeuten, dass man andauernd seinen eigenen Zeitplan und Prioritäten den Anforderungen anderer unterordnen muss, dass man Leistung erbringt, diese aber nicht „gesehen“ und daher nicht gewürdigt wird und im schlimmsten Fall von anderen als die eigene Leistung verkauft wird. Dass man Entscheidungen fällen möchte, diese von anderen aber ignoriert werden – das führt zum Verlust der eigenen Wirkungsfähigkeit und des Selbstvertrauens (Vertrauen in sich Selbst). Dadurch sinkt natürlich die Motivation, welche wiederum die Leistungsfähigkeit nach unten zieht. Um aber weiterhin Leistung zu zeigen, muss also wieder tiefer in die Energiereserven gegriffen werden, um nach außen weiterhin zu „funktionieren“.

Und gerade wenn die Erwartungen am Anfang sehr hoch waren, oder man sich doch eigentlich in einer von außen betrachtet tollen Situation befindet, fällt es schwer das so zu sehen und sich das einzugestehen. Das führt zu ersten Zweifeln am eigenen Wertesystem, und zur ersten Sinnkrise, da das Vertrauen ins eigene Urteilsvermögen zu wackeln beginnt.

Aber das ist der kritische Moment. Wer es hier schafft, für sich selbst zu handeln, der kann sich selbst retten. Wenn positive Änderungen an dieser Stelle geschaffen werden können, kann eine weitere negative Entwicklung abgewendet werden.

Achtung Arbeitgeber!

Hier ist man oft am Ende der Probezeit! Ein offenes Gespräch ist hier also absolut von Nöten und bestimmt den weiteren Verlauf des Arbeitsverhältnisses.

Anpassungsschwierigkeiten innerhalb der ersten Wochen / Monaten sind völlig normal. Sich auf eine neue Situation einzulassen bedeutet eben auch, ein Maß an Unvorhersehbarkeiten mitzunehmen. Man kann noch so viele Bücher über Babys lesen, wie man selbst drauf reagieren wird, findet man in keinem Buch. Dafür sind wir alle doch zu einzigartig.

Phase 3 – Verleugnung

Wer hier allerdings bei aufkommendem Stress nicht handelt, tritt meist folgende Entwicklung los: Man arbeitet mehr und mehr und geht über die eigenen Grenzen hinaus. Die Energiereserven werden immer leerer und man ignoriert seine eigenen Bedürfnisse. Kopf- und Rückenschmerzen werden genauso übergangen und mit Tabletten „kuriert“ wie Schlaflosigkeit – dabei sind das Signale und Hilferufe des Körpers. Freundschaften, Beziehungen und Hobbys werden unterversorgt. Man wird zum Roboter und zehrt sich aus.

Andere treten die Flucht nach innen an und gehen in den Verweigerungsmodus. Das klassische Absitzen ersetzt jegliche konstruktive Arbeit. In beiden Modi (zu viel oder Verweigerung) entfernt man sich immer mehr von sich und man vernachlässigt sich selbst. Und um die quälende Leere, den emotionalen Hunger und die nervenden Gedanken abzustellen, greifen viele zu Kompensationsmitteln: Essen, Alkohol, Drogen, Sport, Sex, mehr Arbeit etc. Diese sind (außer harte Drogen) in gewissen Maßen okay, nicht aber im Missbrauchsmodus.

Phase 4 – Rückzug

Das eigene Denken schränkt sich ein und man fokussiert nur noch auf das Negative. Wer zu diesem Zeitpunkt noch soziale Kontakte hat, setzt sie oftmals aufs Spiel, da permanentes Jammern irgendwann einfach für die meisten Freunde zu viel ist. Diese wenden sich ab oder man zieht sich selbst zurück, in der Überzeugung, dass einem eh keiner helfen kann.

Man saugt seine Energiereserven leer, man pflegt einen ungesunden (und zusätzlich belastenden) Lebensstil und man macht dies im vermeintlichen Alleingang. Gleichgültigkeit macht sich breit und suizidale Gedanken können aufkommen.

Phase 5 – Zusammenbruch

Den Zusammenbruch empfinden nicht alle als solchen, eher diejenigen, die vorher im manischen und künstlich aufrecht gehaltenen Overdrive-Modus waren, da der Unterschied zwischen gestern und heute dramatisch unterschiedlich ist. Wer sich vorher schon in den Verweigerungszustand begeben hat, kommt auch irgendwann gar nicht mehr aus dem Bett, aber dies kann eher wie eine langsame Entwicklung aussehen.

Das Endresultat ist das selbe: Ein geschädigter, erschöpfter, sinn-entleerter Mensch, der so weit von sich selbst entfernt ist, dass er keine Ahnung hat, wer er ist und was er tun soll und sich oftmals selbst die Schuld für alles gibt. Und je nachdem, wie weit der Schaden fortgeschritten ist, kann er selbst noch nicht mal um Hilfe bitten. Die Sinn- und Identitätskrise hat ihren Hochpunk erreicht und die Person braucht professionelle Hilfe von außen.

Warnsignale erkennen lernen

Dieser klassische Burnoutverlauf, der sich meist über Monate oder sogar Jahre hinziehen kann, entwickelt sich wie in den oben beschriebenen Phasen. Natürlich findet er nicht immer genauso statt und vor allem passiert er nicht nur in der Arbeitswelt. Junge Mütter, Rentner, Singles in einer neuen Stadt – jeder neue Zustand, der mit einem hohen Erwartungswert beginnt, trägt das Potential zu solch einer Entwicklung, die in vollem Maße dramatische Auswirkungen haben kann. Neben dem oben beschriebenen persönlichen und gesundheitlichen Verfall können dabei Beziehungen kaputt gehen, Kontostände leer gefegt werden und andere Schäden entstehen, die nur schwer oder gar nicht mehr zu korrigieren sind.

Burnout umfasst eine tiefe Identitätskrise, die oftmals ihren Ursprung in zu hohen Erwartungen an eine Situation hatte. Die letztendliche Totalerschöpfung ist das sozial akzeptierte Zeichen nach außen, dass etwas nicht stimmt. Burnout ist allerdings mehr als Erschöpfung, die auch entstehen kann wenn man wegen Termindruck drei Wochen durcharbeitet oder fünf Freunden am Stück beim Umzug hilft. Burnout entsteht früher und geht tiefer. Wer selbst noch in der Lage ist, die Reißleine zu ziehen und aktiv Dinge zu tun, die einem gut tun, ist zum Glück noch ein Stück vom Burnout entfernt.

Aber egal wo man sich auf der Skala befindet. Es lohnt sich immer genauer hinzuschauen wenn Dinge passieren, die sich nicht gut anfühlen. Traurigkeit, Motivationsverlust, Bauchschmerzen oder Schlafprobleme entstehen meist aus gutem Grund. Gedanken wie „Ist doch eigentlich eh alles egal“ oder „Wenn ich mich zusammenreiße, geht’s schon“ können Warnsignale sein.

Wenn man sich ihnen offen stellt und sie hinterfragt, gibt man sich die beste Chance rechtzeitig einzulenken und gegebenenfalls nach Hilfe zu suchen.


Von Fabienne Riener auf EDITION F.

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