Ein Ex-Mitglied von Scientology packt aus

Chris Shelton war 27 Jahre lang Mitglied bei Scientology. Auf Reddit sprach er über seine Erfahrungen aus dieser Zeit.

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Das sogenannte "Super Power"-Gebäude in Florida. © picture alliance / ZUMA Press

Scientology wurde in den Fünfzigerjahren vom Schriftsteller L. Ron Hubbard gegründet und versteht sich offiziell als religiöse Organisation. Der Status wird ihr allerdings nicht überall zuerkannt. Prominente Mitglieder sind Tom Cruise, John Travolta und Kirstie Alley. Wie andere Anhänger auch verfolgen sie den Traum vom Übermenschen, den Scientology propagiert.

Auch Chris Shelton war lange Zeit Mitglied der Organisation. Er wuchs innerhalb der Scientology-Kirche auf, seine Eltern traten bei, als er vier Jahre alt war. Im Alter von 15 Jahren ging er in den Dienst der Scientology-Kirche in Santa Barbara; von 1995 bis 2012 war er offizielles Mitglied bei der Sea Org in Los Angeles. Als er Scientology im Dezember 2012 verließ und sich in der Öffentlichkeit gegen die umstrittene Glaubensgemeinschaft aussprach, wurde er von ihr zur „Supressive Person“ und somit zur Gefahr und zum Feind erklärt.

Auf seinem eigenen Blog und Youtube-Kanal veröffentlichte Shelton bereits mehr als 100 kritische Videos zum Thema. Reddit-User hatten vergangenen Montag die Möglichkeit, ihn mit ihren Fragen über Scientology zu löchern. Die vollständige Diskussion gibt es auf Reddit nachzulesen. Hier ist eine Auswahl seiner Antworten.

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Chris Shelton in einem seiner Youtube-Videos. © Screenshot: Youtube

Der User trainercatlady fragte Chris, ob er während seiner Zeit bei Scientology physische, emotionale oder mentale Gewalt miterlebt hat.

Seine Antwort: Ja. Nach eigener Aussage musste Chris viele emotionale und physische Misshandlungen durchmachen – vor allem Schlafentzug und körperliche Arbeit. Einmal brach er sich den Finger und erhielt erst nach 18 Stunden medizinische Betreuung. Dazu wurde er einmal von einer Führungsperson körperlich angegriffen. Wer das war, verrät er nicht. Außer, dass es nicht L. Ron Hubbards Nachfolger, David Miscavige, war, der Scientology heute leitet.

tallyrue fragte: „Wie war deine Familiendynamik? Waren deine Eltern glücklich?“

Laut Chris waren seine Eltern die meiste Zeit glücklich. Der Großteil ihres Geldes ging an Scientology, es hat ihm allerdings nie an etwas gefehlt. Chris bekam gutes Essen, Kleidung und ein gebrauchtes Auto zu seinem 16. Geburtstag. Seine Eltern waren ehrlich, liebe- und vertrauensvoll, und hätten ihm Scientology nie aufgezwungen. Es war seine eigene Wahl. Nachdem Chris die Organisation verlassen hatte, ließen sich seine Eltern scheiden und traten später unabhängig voneinander aus Scientology aus. Beide Elternteile heirateten später Nicht-Scientologen.

no_sir_yes_sir fragte Chris danach, wie er sich als ehemaliges Mitglied das Leben außerhalb der Scientology-Kirche vorstelle und ob es etwas gäbe, das er bedauere oder vermisse.

Chris sagte, das Leben außerhalb von Scientology ist weit freier, die Menschen viel freundlicher als er dachte. Er bedauert nur, dass er damals elf Personen für die Sea Org rekrutiert hat. Einige davon sind immer noch dabei und dafür fühlt er sich verantwortlich. Ein paar seiner Freunde vermisst er. Chris hofft, sie werden irgendwann zur Vernunft kommen und austreten. Er würde sie gerne wiedersehen.

Derselbe User fragte, wer nach Chris‘ Meinung die echten „bad guys“ bei Scientology wären, wer den kultischen Aspekt vorantreibt und ausnützt.

Das sind laut Chris eindeutig L. Ron Hubbard und sein Nachfolger David Miscavige. Chris nennt sie auf Reddit „schreckliche Personen“, die schreckliche Dinge tun, um krankhaft mehr Geld, Macht und Ansehen zu erlangen. Außerdem schreibt er von Special Affairs- und Rechtsexperten innerhalb des Systems, die vorsätzlich das Leben anderer Menschen ruinieren. Das Böse sei in diesem System institutionalisiert. Nicht jedes Mitglied sei sich dessen Bösartigkeit bewusst. Andere allerdings sehr wohl: Laut Chris reißen sie bewusst Familien auseinander, sie stalken und belästigen Ex-Mitglieder und koordinieren illegale Tätigkeiten.

WillzSkills wollte wissen, ob es einen bestimmten Wendepunkt gab, der Chris dazu brachte, auszusteigen.

Den gab es. Im Jahr 2011 wurde er sich bewusst, dass er den größten Teil seines Alltags damit verbrachte, Lügen zu erzählen. Nur so konnte er sein Leben bei Scientology vor anderen rechtfertigen. Er hatte jedes Mal das Gefühl, sein Gegenüber täuschen zu müssen. Davon hatte er irgendwann genug.

Auf die Frage von tallyrue, ob es Wege gäbe, Leute beim Austritt aus Scientology zu unterstützen, meinte Chris:

„Ja, die gibt es. Wir können alle mithelfen, die Verbrechen von Scientology aufzudecken. Die Menschenrechtsverletzungen und Schikanen gegenüber ihren Mitgliedern, wie sie Familien zerreißen und ihnen ihr Geld bis zum völligen Bankrott wegnehmen. Je mehr solche Geschichten an die Öffentlichkeit kommen, desto höher sind die Chancen, dass Mitglieder das System in Frage stellen und austreten.“

drDOOM_is_in wollte wissen, ob es bald ein mögliches Ende von Scientology geben könnte.

Chris meint: „Ja. Die organisierte Scientology-Kirche wird früher oder später zusammenbrechen. Wann genau das passiert, hängt von den vielen Gerichtsverfahren ab, die derzeit gegen die Kirche geführt werden. Und davon, was David Miscavige anordnet.“