Ein indischer Dokumentarfilmer zeigt, wie sinnvolle Hilfe für Frauen in Armut aussieht

Der Dokumentarfilmer Nawneet Ranjan lehrt Mädchen aus dem Slum das Programmieren. Ihre Apps sind bereits erhältlich.

Die Tech-Girls von Dharavi, wie sie bereits im Viertel genannt werden. © Screenshot Facebook

Kameras fliegen über die bunten Dächer, durch die dreckigen Straßen. Kinder wühlen in den Bergen aus Müll. Danny Boyle zeigt in seinem Film Slumdog Millionaire Ausschnitte des Alltags im Slum Dharavi in Mumbai.

Ursprünglich war die Armensiedlung einmal außerhalb der Stadt, mittlerweile wurde sie aber regelrecht von Mumbai umwachsen. Dharavi zählt zu den größten Slums Asiens. Schätzungen zufolge leben dort derzeit bis zu einer Million Menschen. Im Viertel etablierte sich ein ganzer informeller Wirtschaftssektor, der nach Angaben des World Economic Forums eine Milliarde US-Dollar jährlich umsetzt und beispielsweise 4.000 Leder-Fabriken beinhaltet. Trotzdem sind die Menschen in Dharavi unfassbar arm, viele können weder lesen noch schreiben und gerade Mädchen wird Bildung nach wie vor oft verwehrt.

Ein Slum-Innovationsprojekt für Mädchen

Nawneet Ranjan drehte 2012 die Dokumentation Dharavi Diary über den Alltag im Slum. Den Dokumentarfilmer entsetzte die Situation an den indischen Schulen so sehr, dass er 2014 begann mit seinem gleichnamigen Projekt dagegen anzukämpfen. Auf der Website beschreibt er sein Projekt so: „Ein Slum-Innovationsprojekt, das sich an Storytelling und Technologie bedient, um aus der Slum-Community Change Makers zu machen.“

Ranjan gab 30.000 Dollar aus seinem eigenen Ersparten aus, um einen Veranstaltungsort zu finden, Laptops zu kaufen, Internet zu installieren, Ausflüge in der Nachbarschaft, Sportveranstaltungen und Urban Gardening zu starten. Seither bringt er den Mädchen in einem Raum Mathematik, Englisch, Programme wie Powerpoint und Excel sowie Grundkenntnisse des Programmierens bei. Um die Sprachkenntnisse zu verbessern, werden dort jeden Samstag englische Filme gezeigt. Mittlerweile wird das Projekt von mehreren Organisationen und durch Crowdfunding finanziell unterstützt.

Posted by Dharavi Diary on Thursday, May 21, 2015

Viele fragten ihn, warum er das tue

Ursprünglich startete Ranjan sein Projekt mit 45 Mädchen. Mittlerweile besuchen über 200 Kinder aus der Nachbarschaft die Kurse. Nach wie vor sind 60 Prozent davon Mädchen. Ranjan konzentrierte sich bewusst von Beginn an auf die Mädchen im Slum. Das hat einen Grund: Sie werden in der indischen Gesellschaft nach wie vor benachteiligt und diskriminiert. Besonders in Haushalten mit niedrigem Einkommen müssen Mädchen eher auf Bildung verzichten, um den Haushalt zu führen oder sich um ihre Geschwister zu kümmern, wie ein Bericht von Save the Children von 2014 zeigt. Auch der Mangel an Toiletten für Mädchen, die Stigmatisierung ihrer Periode und fehlende hygienische Mittel würden dazu führen, dass Mädchen in Indien die Schule eher abrechen würden.

Zu Beginn seien viele Menschen skeptisch gewesen, warum er bereit sei, so viel für diese Mädchen zu tun, erklärt Ranjan Quartz. „In Haushalten mit niedrigerem Einkommen gehen alle Ressourcen an die Jungen. Wir wollen diese Gewohnheiten brechen und den Mädchen etwas bieten.“

„Mädchen gehen nicht mehr raus, weil sie Angst haben.“ Video-Pitch, 2014

Seine Arbeit zeigt bereits die ersten großen Erfolge. Die heute siebzehnjährige Ansuja Madival war eines der ersten Mitglieder von Dharavi Diary. Sie wollte sich die Gefahr auf den Straßen nicht mehr gefallen lassen und entwickelte gemeinsam mit anderen Mädchen die App Women Fight Back. Diese kann in Notfällen ausgelöst werden und sendet einen Not-Alarm sowie SMS-Warnungen oder einen Anruf aus. Sie ist im Google Play Store erhältlich.

Übersicht der Apps der Tech-Girls. © Screenshot qz.com

Madival ist nur eine der Tech-Girls von Dharavi, wie sie bereits im Viertel genannt werden, erzählt Ranjan gegenüber Quartz stolz. Immer mehr Kinder wollen mitmachen, darum ist Ranjan bereits auf der Suche nach einem neuen Raum. Auch beständige Mentor*innen zu finden, sei nicht einfach. Denn nicht nur technische Themen werden in seinem Zentrum behandelt, sondern beispielsweise auch Workshops für Töchter und Mütter zur Periode und dem Tabubruch darüber zu sprechen.

„Mein Traum ist es, dass Menschen aus der untersten Kaste Produkte produzieren und Unternehmen bauen, von denen ihre Gemeinschaft mehr profitiert, als wenn sie von außen kommen würden“, sagt Ranjan gegenüber The Hindu.