Wie ein Leben mit bedingungslosem Grundeinkommen aussieht

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Befreit von finanziellen Sorgen hätten wir mehr Freiheit, die Dinge zu tun, die uns glücklich machen © Pexels / CC0

1000 Euro jeden Monat – ohne Gegenleistung. Das ermöglichte ein Berliner Verein mittlerweile 25 Menschen. Am 3. Februar werden mindestens vier neue Gewinner der Grundeinkommen-Lotterie gelost. Zeit für ein Zwischenfazit.

In der Nacht der Verlosung loggt sich Marc Wander auf Facebook ein. „Ich wollte mir eigentlich nur Ernüchterung abholen und mich für jemand anderen freuen“, sagt er. Selbst als er seinen eigenen Namen in den Kommentaren liest, glaubt der 28-Jährige nicht daran, dass er gewonnen hat. Er schaut sich das Video der Verlosung an und kontrolliert seine Losnummer mehrmals. „Ich hab dreimal zurückgespult und dann konnte ich es erst glauben“, sagt er.

Seit dem Frühjahr hatte er die Spendenkampagne „Mein Grundeinkommen“ unterstützt. Das Konzept funktioniert so: Immer wenn 12.000 Euro durch Spenden zusammengekommen sind, wird das Geld verlost und in zwölf Monatsraten auf das Konto eines glücklichen Gewinners überwiesen. Wer spendet, wird automatisch zum Anwärter auf ein Jahr bedingungsloses Grundeinkommen. Im Juli 2015 gewann Marc das 13. Grundeinkommen.

Klingt wie ein Traum, aber genau darum geht’s beim bedingungslosen Grundeinkommen (BGE): Jeder Bürger erhält ein fixes Einkommen. Jeden Monat, ohne Gegenleistung, ohne Rückfragen. Befreit von finanziellen Sorgen soll ein Freiheitsraum entstehen, aus dem heraus der Mensch für sich lebt und arbeitet – und nicht für das Geld.

Befreit vom Existenzdruck

Das Konzept findet immer mehr Anhänger, darunter auch erfolgreiche Unternehmer wie dm-Gründer Götz Werner  bis zu Telekom-Chef Timotheus Höttges.

In Deutschland ist es bisher nicht mehr als ein Gedankenspiel, andere europäische Länder sind da wagemutiger: im Juni entscheidet die Schweiz über ein BGE. Die dazugehörige Volksinitiative hatte mehr Stimmen als jedes andere Anliegen seit 1891 bekommen. Auch Finnland denkt über ein solches Experiment nach – und will so sein unübersichtliches Sozialsystem aufräumen. Doch Kritiker sind skeptisch. Manche sehen den Sozialstaat gefährdet; andere meinen, dass die Menschen faul werden würden.

„Mein Grundeinkommen“ ist ein Experiment, das genau diese Frage beantworten soll. Michael Bohmyer hat die Initiative im Sommer 2014 gestartet. Für ihn ist das BGE keine Utopie, sondern die Zukunft: „Ich glaube, dass es unabdingbar ist. Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist schon im vollen Gange und unsere Jobs sind nicht mehr sicher.“ Viele Befürworter des BGE gehen davon aus, dass zukünftig mehr Jobs von Maschinen übernommen werden und dadurch Arbeitsplätze verloren gehen.

„Irgendwann wird es eine Trennung von Arbeit und Geld geben müssen.“

Michael Bohmeyer, Gründer von „Mein Grundeinkommen“

Noch sind es freiwillige Spender, die für das Einkommen anderer Privatpersonen aufkommen. Doch Michael Bohmeyer glaubt daran, dass ein staatliches BGE Sozialleistungen wie das Arbeitslosengeld, Kindergeld oder die Rente ersetzen könnte. Für ihn wäre das kein Widerspruch zu unserem Sozialstaat, sondern die logische Fortführung – „nur ohne Willkür. Ohne Prüfung“, sagt er. Jeder hätte somit Anspruch auf finanzielle Unterstützung, unabhängig der Lebensumstände. Keiner müsste sich mehr vor Behörden erklären oder rechtfertigen.

Bedingungslos Menschsein

Marc kennt diese Erklärungsnot. Seit Jahren muss er sich durch den bürokratischen Dschungel von Ämtern und Krankenkassen durchschlagen. 2006 bekam er die Diagnose Morbus Crohn, eine chronisch entzündliche Magen-Darm-Erkrankung. „Die ersten zwei Jahre habe ich versucht, die Krankheit zu ignorieren, aber dann musste ich feststellen, dass es nicht geht. Ich hab dann die Ernährung umgestellt und auf Alkohol verzichtet“, sagt er.

Dadurch geht es Marc besser, aber die Beschwerden verschwinden nicht. 2007 schreibt er sich an der Uni für Architektur ein. Seine Erkrankung schränkt ihn ein, nach zwei Semestern bricht er ab. Gleiches passiert ein Jahr später mit seinem zweiten Versuch im Fach Psychologie. 2010 beginnt er eine Lehre als Bankkaufmann und eine Psychotherapie. Er will den Zusammenhang zwischen seiner Psyche und seiner Krankheit verstehen. Je mehr er seine inneren Abwehrmechanismen abbaut, desto weniger kann er auf Arbeit funktionieren. Er reduziert die Arbeitszeit, erst auf 80 Prozent, dann auf 60. Im Jahr 2014 lässt er sich krankschreiben.

© Marc Wander
© Marc Wander

Der Gewinn des BGE hätte für ihn zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Nach 18 Monaten wäre im September sein Anspruch auf Krankengeld abgelaufen. Nun, ein halbes Jahr später, kann er sich auf sein wichtigstes Projekt konzentrieren: seine Gesundheit. „Mein Alltag sieht für Außenstehende sicher sehr unspektakulär aus. Weil das meiste in meinem Inneren passiert“, sagt er. Er ist oft in der Natur, geht weiter zur Psychotherapie und versucht, die Konflikte zu lösen, die ihn vom Arbeiten abgehalten haben.

Jetzt zahlt er seine Krankenversicherung selbst und muss sich bei keiner Behörde rechtfertigen, über seinen Gesundheitszustand und wann er wieder arbeiten könne. Wie fühlt es sich für ihn an, auf Kosten anderer zu leben und nicht zu arbeiten? „Wenn es mir gelingt, wieder gesund zu werden und das System nicht mehr zu belasten – sondern zu entlasten – dann bin ich ja wieder ein wertvoller Teil der Gesellschaft. Beim Krankengeld habe ich einen ständigen Druck gespürt“, sagt er. Damit meint er den Druck, schnell gesund werden zu müssen, um zurück auf den Arbeitsmarkt zu kommen. Jetzt fühlt er sich freier: „Ohne diesen bin ich nun weit konstruktiver und spüre keine Dankesschuld.“

Zukunft oder Utopie?

Marcs Geschichte könnte Zweiflern des BGE Futter geben: Er arbeitet nicht, trotz Einkommen. Er hat auch kein Startup gegründet oder sich umschulen lassen. Er kümmert sich schlichtweg um sich. Mit dem bedingungslosen Einkommen bekam er die Möglichkeit, sich befreit vom finanziellen Druck um seine Gesundheit kümmern zu können – ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sobald er wieder gesund ist, will er der Gesellschaft etwas zurück geben.

Michael Bohmeyer erzählt von anderen Gewinnern. Ihre Geschichten kann man in Blogeinträgen nachlesen. Manche hätten eine Ausbildung angefangen oder endlich die Selbstständigkeit gewagt, aber nicht alle investierten in ihr berufliches Weiterkommen. „Einer ist erstmal durch Clubs gezogen – nebenbei macht er seine Ausbildung. Ein anderer hat Schulden abbezahlt. Was aber nicht passiert ist, dass jemand gar nichts macht und in der Hängematte liegt“, sagt Michael.

„Es gibt bei allen den Willen, etwas zurückzugeben und sich sozial zu engagieren“

Michael Bohmeyer, Gründer von „Mein Grundeinkommen“

Leistungsdruck, Zukunftsangst, Burnout im Studium oder Berufseinstieg kennen viele junge Menschen. Zwar haben wir in Deutschland so wenig Arbeitslose wie seit 24 Jahren nicht mehr, jedoch bieten befristete Verträge und Zeitarbeit vielen Angestellten kaum finanzielle Sicherheit. Viele wünschen sich auch mehr Selbstverwirklichung und Erfüllung im Job.

Auch Marc möchte einen Job finden, der ihn erfüllt und nicht nur Geld bringt. Er hofft, dass es ihm zum Wintersemester besser geht. Denn will er ein Studium beginnen, Psychologie oder Transformationswissenschaft„Es gibt immer mehr psychosomatische Erkrankungen, das liegt auch an den Strukturen. Ich möchte herausfinden, wie man die Gesellschaft verändern kann“, sagt er. 


Am 3. Februar wird wieder ein Jahr BGE verlost – hier könnt ihr euch für die Verlosung anmelden. Alternativ könnt ihr mit euren Spenden einen anderen Menschen glücklich machen.