Ein Überlebender des Holocaust erzählt, was ihm die Hoffnung zurückgab

Michael Goldmann-Gilead vernahm mit Adolf Eichmann einen der Hauptorganisatoren des Holocaust. Er selbst wäre fast in Auschwitz umgekommen. Lektionen eines Zeitzeugen

Links Michael Goldmann-Gilead, rechts der Gerichtssaal des Eichmann-Prozesses. Collage © Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt / Israel Government Press Office

„Ich stehe nicht allein vor Ihnen. Mit mir stehen sechs Millionen Ankläger. Aber sie können nicht aufstehen, um mit dem Finger auf die Glaszelle zu weisen und zu rufen: Ich klage an.“

Mit diesen Worten eröffnete Chefankläger Gideon Hausner am 11. April 1961 den Prozess gegen Adolf Eichmann, einen der Hauptorganisatoren des Holocaust. Der ehemalige Leiter des Gestapo-Referats für Judenangelegenheiten, auch Eichmann-Referat genannt, saß in einer kleinen Glaszelle. Er verzog keine Miene. Rechts neben dem Chefankläger saß Michael Goldmann-Gilead, Kriminalbeamter, einer der Vernehmer Eichmanns.

Heute ist Goldmann-Gilead 92 Jahre alt. An diesem Tag Anfang September sitzt er vor 200 Menschen in der Magdeburger Domgemeinde zum Zeitzeug*innengespräch.

Eine Geschichte der Flucht und einer unverhofften Fügung

Bevor er seine Geschichte erzählt, entschuldigt er sich für sein schlechtes Deutsch. Er sei Selbstkritiker und würde sich gerne besser ausdrücken können. Sein Sprechtempo ist langsam. Manchmal sucht er nach Worten. Dann guckt er zu seiner Frau, die in der ersten Reihe sitzt. Sie lächelt ihn an, hin und wieder hilft sie aus. Trotz der Sprachbarriere formuliert Goldmann-Gilead lange und wortgewaltige Sätze.

Er wurde 1925 in Kattowitz geboren. Später floh er mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester das erste Mal vor den Nazis nach Przemysl in Zentralpolen. An seinem 17. Geburtstag sah er die drei zum letzten Mal. Sie wurden ins Todeslager Belzec deportiert. Er blieb als Zwangsarbeiter im Ghetto, wurde später nach Auschwitz deportiert. 1945 konnte er während des Todesmarsches fliehen. In Israel fand er schließlich eine neue Heimat.

1960 ist Goldmann-Gilead 35 Jahre alt, lebt in Israel, arbeitet bei der Kriminalpolizei, ist Ehemann und Vater. In diesem Jahr entführte der israelische Geheimdienst, der Mossad, Eichmann aus Argentinien, um ihn vor Gericht zu stellen.

Als ich hörte, dass Eichmann in Israel ist und es zum Prozess kommt, war ich wie elektrisiert“, erzählt er.

Für eine Sonderkommission aus Ermittler*innen wurden deutschsprechende Polizist*innen gesucht. Er meldete sich freiwillig. Neun Monate sah er mit seinen Kolleg*innen Dokumente durch, suchte nach Unterschriften von Eichmann, die beweisen, dass er Befehlsgeber war. Sie sprachen mit Zeug*innen, suchten jene, die fähig waren, Eichmann im Zeugenstand gegenüberzutreten. Dann vernahmen sie Eichmann.

Rachegefühle hatte er keine

Goldmann-Gilead war ihm und seinem System ausgeliefert gewesen: als seine Familie deportiert wurde, als er während 80 Peitschenhieben im Ghetto ohnmächtig wurde, als er in Auschwitz zur Arbeit selektiert wurde und als er beim Todesmarsch Kilometer für Kilometer zurücklegte. Jetzt nicht mehr.

„Ich saß ihm gegenüber und konnte nicht glauben, dass diese miserable Kreatur meine gesamte Familie in den Tod geschickt hat“, sagt er. „Als er das erste Mal den Mund öffnete, um etwas zu sagen, hatte ich das Gefühl, die Tore zu den Gaskammern öffnen sich.“

Rachegefühle hätte er aber keine gehabt, sagt er: „Nur Gott kann Rache üben“. Außerdem waren er und seine Kolleg*innen angehalten, während der Verhöre ruhig zu bleiben, die Stimme nicht zu erheben. Sie sollten Eichmann keinen Grund geben, sich über Druck oder Bedrohungen beschweren zu können.

Das Gefängnis, indem Eichmann einsaß und in dem die Beamt*innen teilweise wohnten, wurde streng überwacht. Es gab den Verdacht, dass eine Gruppe ehemaliger SS-Offiziere plante, Eichmann zu befreien.

Anhaltspunkte für die Vernehmungen gab es genug. In den Nürnberger Prozessen von 1945 und 1946 wurde Eichmann etwa 80-mal von anderen Naziverbrecher*innen erwähnt. Rudolf Höss, Lagerkommandant von Auschwitz, beschrieb beispielsweise, dass er Eichmann einmal fragte, ob man nicht wenigstens die Kinder vor der Gaskammer bewahren könne. Eichmanns Antwort: „Gerade die Kinder müssen sterben, damit sie nicht groß werden und Rache üben.“

Der Vernehmer warf Eichmanns Asche ins Meer

Briefe mit Befehlen und persönlichen Anweisungen wurden gefunden: beispielsweise eine Liste europäischer Länder mit der jeweiligen Anzahl zu deportierender Jüd*innen – unterschrieben von Eichmann. Goldmann-Gilead sucht in einer Mappe voller Dokumente, die er heute nach Magdeburg mitgebracht hat und zeigt schließlich eine Kopie dieser Liste. Er zitiert aus ihr, als säße er im Prozess. Die Dokumente sind auch eine Gedächtnisstütze: „Es ist nicht leicht sich zu erinnern“, sagt er. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Und schwer zu vergessen.“

Außerdem setzte Eichmann sich dafür ein, dass alle Häftlinge in den Lagern sofort liquidiert werden sollten, anstatt sie zur Zwangsarbeit einzuteilen. Trotzdem behauptete er, nur eine kleine Schraube in der Vernichtungsmaschinerie gewesen zu sein.

Es ist nicht leicht, sich zu erinnern. Und schwer zu vergessen.“ – Michael Goldmann-Gilead

Der Prozess bewies letztlich das Gegenteil. Laut Goldmann-Gilead waren die Richter sehr streng und ließen sich nicht von Politik beeinflussen. Sie erkannten nur Beweismittel an, die direkt mit Eichmann in Verbindung standen. Schweiften Zeug*innen etwas ab, wurde sofort gemahnt, nur auf die Frage zu antworten. Die öffentliche Kritik, es habe sich nur um einen Schauprozess gehalten, weist er zurück. „Bis zum Schluss waren wir nicht sicher, wie die Richter entscheiden würden“, sagt er.

Für Nazitäter*innen gab es in Israel nur zwei Möglichkeiten: Freispruch oder Tod. Am 15. Dezember 1961 wurde das Urteil verlesen: Tod durch den Strang. Im Gegensatz zu anderen Nazitäter*innen zeigte er auch hier keine Reue – weder echte noch vorgetäuschte. „Reue ist für kleine Kinder“, soll er gesagt haben. Ein halbes Jahr später, kurz vor der Vollstreckung, fragte der Geistliche des Gefängnisses, ob er Eichmann die Beichte abnehmen soll. Der antwortete, er hätte für solche Dummheiten keine Zeit. Seine letzten Worte waren trotzdem: „Ich war gottgläubig und ich sterbe gottgläubig.“

An was für einen Gott glaubt dieser Mensch, fragte Goldmann-Gilead sich. Außer ihm waren noch neun andere Menschen anwesend bei der Hinrichtung: die Richter, Beamt*innen, Journalist*innen und der Geistliche. Noch in derselben Nacht wurde die Leiche verbrannt. Zusammen mit anderen Beamt*innen fuhr Goldmann-Gilead mit einem Schiff aufs Meer – außerhalb des israelischen Staatsgebietes. „Als ich seine Asche verstreute, musste ich an einen Bibelvers denken: ,Und so sollen alle deine Feinde vernichtet werden, Israel.’“

Von Lektionen, die ein Leben überdauern

In seiner Außenwirkung sei der Prozess besonders für die junge Generation wichtig gewesen, sagt der 92-Jährige heute. Von da an sei klar gewesen, dass sie nie mehr ein Volk ohne Möglichkeit der Verteidigung sein würden. Außerdem hat der Prozess auch eine Debatte über den Holocaust angeregt.

In einem Dokumentarfilm über die Gedenkstätte Yad Vashem berichtet Goldmann-Gilead von dem „einzigen persönlichen Moment des Prozesses“: Ein Arzt berichtete, er habe im Ghetto gesehen, wie dem jungen Goldmann-Gilead 80 Peitschenhiebe gegeben wurden. Er hatte den Arzt zuvor während des Prozesses auf dem Flur getroffen, im Gespräch merkten sie, dass sie beide im gleichen Ghetto waren. In der Pause fragte Chefverteidiger Hausner ihn, warum er nicht früher davon erzählt hatte. Als er einmal jemandem davon berichtete, hätte der ihm nicht geglaubt, meinte Goldmann-Gilead. Das sei der 81. Peitschenschlag gewesen. Im Prozess sagten aber so viele Zeug*innen über das Grauen des Holocaust aus, dass Glaubwürdigkeit keine Frage mehr war.

Jetzt solle die neue Generation lernen, dass so etwas nicht noch mal passieren darf. Den Jüd*innen nicht und keinem anderen Volk, betont Goldmann-Gilead. Dabei sieht er sich im Raum um und legt die Hand auf sein Herz:

Wer die Vergangenheit vergisst, hat keine Zukunft.“

Deshalb ist es für ihn seine moralische Pflicht, über Eichmann und seine Erfahrungen zu sprechen. Dafür fliegt er sogar nach Deutschland, obwohl er mittlerweile nur noch langsam am Stock gehen kann. Verbittert wirkt er nicht, wenngleich man das von jemandem mit seiner Lebensgeschichte erwarten könnte.

Fast hätte er den Glauben an die Menschheit verloren, erzählt er. Aber die Menschen, die im Holocaust Jüd*innen bei sich versteckten, hätten ihm den wiedergegeben. Als er selbst zusammen mit anderen Häftlingen vom Todesmarsch floh, kam er bei einer polnischen Familie unter. Heute engagiert er sich in der Kommission zur Auswahl der Gerechten unter den Völkern, die Ehrungen an Menschen vergibt, die unter persönlichem Risiko Jüd*innen während des Nationalsozialismus halfen: „Das waren die Sterne in der Nacht des Holocaust.“