Der Familienverband fordert das Wahlrecht von Geburt an – das ist Humbug

Mit dem Wahlrecht von Geburt an sollen Eltern für ihre Kinder wählen – bis diese mündig sind. Sinnvoller wäre es, stattdessen das Wahlalter herunterzusetzen. Ein Kommentar.

Eine Kampagne fordert, dass Eltern künftig für ihre Kinder wählen dürfen. © Stocksnap

Das Wahlrecht tritt erst ab 18 Jahren in Kraft – und endet mit dem Tod. Dadurch hat die Jugend einen politischen Nachteil. Hinzu kommt der Fakt, dass Deutschland immer weniger Nachkommen produziert. Die Folge: Die Interessen der Alten bestimmen überdurchschnittlich die Politik – schließlich stellen sie die größte Wählerklientel der Parteien. Wie bekämpft man dieses Ungleichgewicht?

Eine Möglichkeit: Man führt das Wahlrecht ab Geburt ein. Am Montag startete eine Kampagne des Deutschen Familienverbands, die genau das fordert. Da Babys und Kleinkinder nicht eigenständig wählen gehen können, fordert die Kampagne ein stellvertretendes Wahlrecht: Eltern sollen für ihre minderjährigen Kinder wählen dürfen. Die Forderung basiert auf der Annahme, dass die Eltern minderjähriger Kinder eine Politik wählen, die im Interesse dieser ist.

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Dabei wird übersehen, dass auch viele dieser alten Menschen Kinder und Enkel haben, in deren Interesse sie wählen könnten. Das Argument, nur Eltern würden im Interesse der jungen Generation wählen, greift zu kurz. Darüber hinaus sehe ich dasselbe Problem wie bei der Konfessionsbestimmung: Eltern haben oder würden das Recht bekommen, Dinge über die Köpfe ihrer Kinder hinweg zu entscheiden – vielleicht auch gegen deren Willen.

Ein Ansatz, der sinnvoller wäre: Die im Grundgesetz festgelegte Altersgrenze, ab der man wählen darf, heruntersetzen. Kritiker*innen dieses Vorschlags trauen es Min­derjährigen nicht zu, die Verantwortung für politische Entschei­dungen zu tragen, die das gesamte Gemeinwesen berühren. Ähnlich wurde vermutlich 1970 argumentiert, als es darum ging, die Altersgrenze von 21 auf 18 Jahre zu senken. Aber wer sagt, dass nicht auch 16-Jährige ihrem politischen Willen Ausdruck verleihen können?

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Die Meisten beginnen doch erst dann, sich politisch zu interessieren, wenn es konkret darum geht, eine Partei zu wählen. Erst wenn man seine Überzeugungen und Interessen in ein Kreuzchen transformieren soll, setzt man sich mit Inhalten auseinander. Davor haben viele junge Menschen das Gefühl, dass Politik sie eh nicht betrifft. Ich glaube, man kann auch 16-Jährigen das Interesse, den Verstand und die Verantwortung zutrauen, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Man kann ihnen zutrauen, das für sie und die Gesellschaft Sinnvollste zu wählen. Natürlich wird es Jugendliche geben, die sich nicht informieren – aber davon gibt es auch genug Ü-18-Jährige.