Eine Yogalehrerin über ihre Arbeit: „Der Kommerz ist im Yoga angekommen“

© Romy Geßner

Yogaposition Schneidersitz. © Romy Geßner

Nicole Schröter ist Yogalehrerin. Früher hat sie mal als kaufmännische Assistentin gearbeitet. Irgendwann hat sie sich daran erinnert, dass sie als Kind – ohne Grund von außen – OMs gesungen hat. So begann ihr eigener Yogaweg. Ein Gespräch über verloren gegangenen Halt, die Grenzen der eigenen Yogamatte und die eigene Authentizität.

40 Stunden portraitiert Menschen in ihrem Beruf. Auf ze.tt sind bisher Interviews mit einer Sexologin, einer Bestatterin und einem Neurochirurgen erschienen.

Was macht eigentlich eine vorbildliche Yogalehrerin, wenn andere Leute morgens Kaffee trinken?
Die vorbildliche Yogalehrerin geht auch ihren Weg und hört, was ihr gut tut. Und im Zweifel ist das eben auch der Kaffee.

Gut, dass wir das geklärt haben. Dann können wir ja jetzt seicht einsteigen: Was ist aus Yogasicht der Sinn des Lebens?
Ich glaube, den muss in erster Linie jeder für sich selber finden. Jeder muss seine Aufgabe in dieser Welt finden. Ein sinnvolles Leben ist für mich eins, wenn man sein eigenes Potential entfalten kann und etwas in die Welt rein gibt.

Und was bedeutet Yoga für dich?
Yoga ist irgendwie alles für mich und steht mit ganz vielen Sachen in Verbindung. Yoga findet nicht nur auf der Matte statt, sondern es geht vor allem um die Philosophie dahinter.

Wie würdest du diese Philosophie zusammenfassen?
Im Christentum gibt es die Zehn Gebote. Im Yoga gibt es Yamas und Niyamas, nach denen man lebt. Yamas sind die Gebote für den Umgang mit unserer Umwelt und unseren Mitmenschen. Niyamas sind Richtlinien im Umgang mit uns selbst. Die wichtigste Regel ist das Ahimsa, also das gewaltfrei Miteinander. Das bezieht sich nicht nur auf die körperliche Ebene sondern auch auf das mentale Miteinander. Man kann auch mit Worten verletzen. Und dazu gehört auch, nicht über andere zu urteilen. Denn urteilen bedeutet oft auch, zu verurteilen und das fängt schon dabei an, wenn einem die Hose vom Gegenüber in der Bahn nicht gefällt. Yoga ist also so betrachtet ein riesiges Lernfeld.

Und wenn du Yoga als Ganzes betrachtest: Wie viel davon ist Sinnsuche und wie viel ist Körperarbeit?
Also die meisten Menschen kommen über das Körperliche zum Yoga. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass die körperlichen Aspekte, also Beschwerden oder Dinge, die man optimieren möchte, nur die Spitze vom eigentlichen Eisberg sind.

Also liegt die wahre Tiefe dann wieder in der Sinnsuche?
Ja.

© Romy Geßner
© Romy Geßner

Glaubst du, dass die Leute heute mehr Sinn im Leben suchen als früher?
Ich denke schon.

Aber warum?
Ich glaube, gerade in unseren Breitengraden fehlt es an familiären Strukturen. Man lebt einfach nicht mehr so eng zusammen. Viele Leute sind jobmäßig von ihren Familien getrennt. Da fehlt es an Halt im Leben. Und früher gab es noch die Religionen. Aber eine religiöse Praxis wird in unseren Breitengraden kaum noch wirklich gelebt, also z. B. morgens und abends ein kleines Gebet sprechen. Feste Strukturen und Rituale haben den Menschen schon immer Halt gegeben. Heutzutage ist aber alles schnelllebig und wirr und ich glaube die Menschen spüren die Sehnsucht nach etwas, an dem sie sich dran lang hangeln können.

Und an Yoga kann ich mich wirklich festhalten?
Yoga ist das zur Ruhe kommen der Gedanken und des Geistes. Nur wenn das Gedankenkarussell mal wieder zur Ruhe kommt, kannst du auch wieder bei dir selber sein und runter kommen. Yoga ist immer auch diese Innschau in sich selbst. Es geht darum, sein wahres Ich zu finden und sich selber zu spüren und wahrzunehmen.

Es scheint zu funktionieren, denn Yoga ist ein riesen Hype in unserer Gesellschaft geworden. Glaubst du, dass das auch noch mal kippt?
Im Moment haben die Leute das Gefühl, fragen zu dürfen, ja fast zu müssen, wer sie eigentlich selber sind. Viele Leute rutschen in Depressionen oder in ein Burnout. Viele Leute spüren sich selber nicht mehr. Es wird alles von einem abverlangt und man funktioniert einfach nur noch. Das möchte keiner. Eigentlich möchte jeder ein selbstbestimmtes Leben führen. Yoga hat das Ziel nach einem authentischen Leben. Man soll sich besser kennen lernen. Ich hoffe nicht, dass diese Ansicht noch mal kippt. Nichtsdestotrotz empfinde ich manche Dinge als sehr kritisch, die so in der Yogabranche passieren.

Was fällt dir da auf?
Ich finde die Branche wächst in einer ungesunden Art und Weise. Es gibt mittlerweile so viele verschiedene Stile, dass die Leute ganz verwirrt sind. Außerdem finde ich es absolut verwerflich, dass über Medien wie z. B. Instagram ein Wettkampfgedanke ins Yoga Einzug erhält. Da posen die Leute rum. Handstand hier. Kopfstand da. Sich mit anderen zu messen, hat nichts mit Yoga zu tun. Die Yogapraxis findet ihre Grenzen an den Rändern der eigenen Matte. Und letztlich finde ich die Ausbildung auch bedenklich. Es gibt mittlerweile so viele Yogalehrer. Die müssen auch erstmal alle Schüler finden. Es entsteht enorm viel Konkurrenzdenken, gerade in den Großstädten. Der Kommerz ist im Yoga angekommen.

Und das ist ein Widerspruch zur eigentlichen Lehre. Was macht das mit dir?
Ich versuche tief auszuatmen und authentisch zu bleiben. Ich wähle für mich sehr genau aus, was ich mitmache und was nicht. Ich möchte mich nicht kaufen lassen. Ich möchte frei sein. Aber es ist schon auch richtig, dass man sich eben nicht ganz vom Kommerz frei machen kann. Ich muss Preise berechnen und mir überlegen, was ich mit dem Unterricht verdienen muss. Ganz klar. Man muss da irgendwie die Balance finden. Der Fokus muss darauf bleiben, Yoga weiter zu geben.

Was würdest du sagen, bedeutet in deinem Beruf Erfolg?
Wenn ich es schaffe, authentisch zu sein und dennoch zu existieren. Es macht mich einfach glücklich und dankbar, Yoga vermitteln zu dürfen und so Menschen helfen zu können.

Aber glaubst du, dass Yoga wirklich jedem Menschen helfen kann?
Ja, ich glaube schon. Aber es setzt voraus, dass sich jemand dafür öffnet. Wenn jemand dicht macht, kann man ihn ja nicht zwingen.

© Romy Geßner
© Romy Geßner

Ich empfinde es so, als ob es keine halben Sachen im Yoga gibt. Entweder du magst es oder eben nicht. Die Leute, die Yoga ablehnen: Was denkst du, mögen die daran nicht?
Dass man sich mit sich selber beschäftigen muss. Das ist für viele das größte Hindernis. Man muss bereit sein, mal nach innen zu schauen und zu gucken, was da so los ist. Es kann Angst machen, was man da möglicherweise entdeckt. Es ist ein Blick ins Ungewisse. Man hat einfach nicht nur positive Seiten. Es erfordert Mut, sich auch den Schattenseiten zu stellen.

Hattest du ein besonders schönes Yogaerlebnis? Vielleicht gar die Erleuchtung?

Ich kann kein besonderes Ereignis benennen. Es sind eher kleine, erleuchtende Momente. Ich mag es zu spüren, dass Yoga mir gut tut und es mir damit besser geht.

Was lehrt dich dein Beruf?
Dankbarkeit. Ich bin dankbar diesen Job machen zu dürfen und andere Menschen auf ihrem Weg zu begleiten. Es gab schon einige Menschen, die zu mir ins Yoga kamen, um körperliche Beschwerden zu lindern. Und plötzlich fangen die an und krempeln ihr ganzes Leben um. Es ist für mich das Schönste, anderen Menschen helfen zu können, ihren Weg zu finden.

Wir haben ja eben über Yogamuffel gesprochen und darüber, dass gerade morgens es auch schon mal an Energie mangelt. Verrate mal eine Übung, die einfach jedem hilft.
Ganz simpel: Hinsetzen, Augen schließen und dreimal tief durchatmen. Das führt dich ganz in den Moment und du bist automatisch im Hier und Jetzt.

© Romy Geßner
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Kontakt zu Nicole Schröter: www.elbyogis.de

Von Julia Kottkamp auf 40 Stunden. Fotos: Romy Geßner

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