Eingemauerte Nazi-Akten zeigen, wie im Dritten Reich zwangssterilisiert wurde

Bauarbeiter stießen auf verborgene Dokumente des NS-Regimes. Der Fund zeigt vor allem, wie kreativ die Nazis waren, wenn es darum ging, ihrer gestörten Ideologie ein System zu geben.

© Stadtarchiv Erfurt

"Unfruchtbarmachung": Farbige Klammern zeigte den Nazis, wem die Fähigkeit zur Fortpflanzung genommen werden sollte. © Stadtarchiv Erfurt

In einem Hohlraum eines Gebäudes in Erfurt lagerten über Jahrzehnte unentdeckte Nazi-Dokumente. Bauarbeiter fanden sie bei einer Gebäudesanierung und haben die Arbeit sofort eingestellt. Die eingemauerten Dokumente sind aus den Jahren 1933 bis 1945. Sie zeigen, mit welchem bürokratischen Aufwand das perverse Zuchtprogramm der NS-Regierung durchgeführt worden sein muss.

Die „Volksgenossen“ der Nazis sollten genau nach ihren Vorstellungen sein. Also mussten sie systematisch ausrotten, was nicht in diese Vorstellung passte. Um das zu erreichen, griffen sie zu perfiden Methoden – auch der „Unfruchtbarmachung“.

Menschen mit diversen Krankheiten wurden dabei unter Zwang sterilisiert, damit sie keinen Nachwuchs mit dem vermeintlich unreinen Erbmaterial zeugen konnten. So sollte nach Auffassung der Nazis der „Volkskörper“ gereinigt werden. Die nationalsozialistische „Rassenhygiene“, wie es genannt wurde, führte während der Euthanasie schließlich zum Massenmord an Kranken und Menschen mit Behinderung.

© Stadtarchiv Erfurt
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Die Bauarbeiter hatten Geschichtsexperten des Stadtarchivs zum Fundort geholt. Diese haben herausgefunden, dass die Akten in den 1950-er Jahren in dem Hohlraum versteckt worden sein müssen und damit über 60 Jahre unentdeckt geblieben sind.

Ihre Stichproben zeigten, dass auch Akten der Abteilung für „Erb- und Rassenpflege“ unter den Unterlagen sind. Diese Abtei­lungen wurden um die Jahreswende 1933/34 in allen städtischen Gesund­heitsämtern eingerichtet, um personenbezogene Daten zu sammeln. Datenschutz und Privatsphäre wurden dabei nicht nur vernachlässigt, sondern gezielt verletzt, schreibt das Stadtarchiv in der Pressemitteilung.

„Insgesamt wurden zehn laufende Meter Akten sichergestellt“, sagt Inga Hettstedt, Sprecherin des Archivs zu ze.tt. Verpackt sind sie in 50 Umzugskartons. „Die metallenen Reiter geben Auskunft über erbliche Krankheiten und mögliche Gründe für eine Zwangssterilisation.“ Ab 1934 war diese per Gesetz „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ möglich.

© Stadtarchiv Erfurt
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Diese metallenen Reiter sind kleine bunte Klammern, mit denen die Nazis auf den Dokumente markiert hatten, wer unter welcher Behinderung oder Krankheit litt. Diejenigen Patienten, bei denen Klammern angebracht worden waren, waren dann quasi zur Sterilisation verurteilt.

Die Nationalsozialisten nahmen offensichtlich an, dass Behinderungen wie Taub- oder Blindheit vererbt werden. Auch Alkoholismus zählte das NS-Regime zu ihrer Liste, als eine zwar nicht erbliche Krakheit – aber dennoch als eine, die eine Zwangssterilisation rechtfertigte.

Hettstedt gibt weitere Auskunft über die Bedeutung der verschiedenen Farben:

  • Rot: „Angeborener Schwachsinn“.
  • Gelb: „Schizophrenie“.
  • Blau: „Zirkuläres Irresein“ (Anm.: manisch-depressive Erkrankung).
  • Grün: „Erbliche Fallsucht“ (Anm.: Epilepsie) .
  • Weiß: „Erbliche Veitstanz“ (Anm.: Chorea Huntington, eine unheilbare Hirnerkrankung).
  • Rosa: „Blindheit“.
  • Braun: „Taubheit“.
  • Graublau: „Alkoholismus“.
© Stadtarchiv Erfurt
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Ab 1935 benötigten Heiratswillige ein „Ehetauglichkeitszeugnis“ des Gesundheitsamtes. Dieses bekam nur, wessen Akte ohne die farbigen Klammern versehen war. Die in Erfurt gefunden Dokumente werden historisch geprüft und archiviert, danach stehen sie der Forschung zur Verfügung.

Erst vergangene Woche war in Moskau das jahrzehntelang verschollene Tagebuch des SS-Chefs Heinrich Himmler gefunden worden. In seinem Dienstkalender mischen sich Politik, Privatleben und der Tod von Millionen Menschen. Himmler war Organisator der Konzentrationslager und des Massenmords an den europäischen Juden. Für den Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Moskau, Nikolaus Kratzer, ist das ungerührte Nebeneinander von Privatem und mörderischen Befehlen das Erschreckende an Dokumenten wie diesen. „Das ist eine Monstrosität, die sich da zeigt“, sagte er im Interview mit der Sächsischen Zeitung.