Einmal Gangster sein: Mein Wochenende bei der Mafia

Beim Live-Action-Rollenspiel Miezen, Mafia und Moneten schlüpften die Teilnehmer*innen ein Wochenende lang in die Rollen von Alkoholschmuggler*innen und Mafiosi. Was fasziniert Leute daran, zu Gangstern zu mutieren?

Einmal wie Marlon Brando in "Der Pate" alle Fäden in der Hand halten? Ein Traum von vielen Rollenspieler*innen. © Hulton Archive

Es kommt mir komisch vor, dass der Pfarrer mich alleine sprechen möchte. Mit wehender schwarzer Robe geht er voran, die Treppe herauf, weg von den anderen Partygästen. Erst in einer dunklen Ecke im dritten Stock dreht er sich um und fängt an zu sprechen.

Er habe gehört, ich wisse wo das geheime Büchlein sei. Der große Mann mit dem grauen Pferdeschwanz kommt mir näher und legt mir eine Hand auf die Schulter. „Wenn Sie es wissen, dann schweben Sie in absoluter Lebensgefahr. Sobald Sie die Namen aus dem Buch in ihrer Zeitung veröffentlichen, dann kann ich für nichts mehr garantieren. Meinen Auftraggebern wird das gar nicht gefallen“, flüstert er mir mit einem Schweizer Dialekt drohend ins Ohr.

Mir wird unbehaglich zumute, als ich an seine Auftraggeber denke, die zwei Stockwerke unter uns gerade beratschlagen, wer der nächste Pate werden soll, der den Alkoholschmuggel in Jersey City kontrollieren darf. Zur Beruhigung rufe ich mir in Erinnerung, dass der Mann in Kutte, eigentlich gar kein Pfarrer ist. Und seine Auftraggeber keine echten Mafiosi aus den 1930er Jahren.

Ein Wochenende lang Alkohol schmuggeln

Pfarrer Alfonsa, der im echten Leben Christoph heißt, und ich sind Teilnehmer eines LARPS, eines Live Action Role Plays. Zusammen mit circa 35 anderen Teilnehmern*innen tauchen wir ein Wochenende lang in die Welt des Alkoholschmuggels, der Hinterzimmergeschäfte und Mafiosi ein. Drei Tage lang bin ich Carla Columbine, eine intrigante Gesellschaftsreporterin, die sich auch gerne mal mieser Tricks bedient, um an Informationen zu kommen.

LARPS kenne ich bisher nur aus den Medien. Dort sieht man meist mittelalterlich gekleidete Menschen, die sich in Game of Thrones-Manier die Schwerter um den Kopf hauen. Diese sogenannten Boffer-LARPS – weil man dort mit Polsterschwertern aufeinander eindrischt – sind aber nur ein kleiner Teil in der großen LARP-Welt.

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Eingefleischte Larper, wie der 51-jährige Christoph, schlüpfen schon seit mehr als zwei Jahrzehnten in die verschiedensten Charaktere. Über mehrere Tage spielen sie dabei eine bestimmte Rolle, ähnlich wie in einem Theaterstück, nur komplett ohne Publikum und ohne vorgegebenen Text.

Dabei soll natürlich alles möglichst authentisch sein. Nicht nur Christophs schwarzes Pfarrersgewand und das um den Hals baumelnde, silberne Kreuz, sondern auch die in rotes Leder eingebundene Bibel, lassen ihn kaum von anderen Geistlichen unterscheiden. Nur sein Schweizer Dialekt verrät, dass er nicht aus dem Norden der USA, sondern aus der Nähe von Bern kommt. Und auch die Kulissen lassen sich nicht lumpen. Je nach Thema finden LARPS auf Wiesen, in Schlössern oder auch mal auf ehemaligen Kriegsschiffen statt.

„Mich fasziniert es, jemand anders sein zu dürfen“

Ob Ritter, Elfe, Storm Trooper oder Gangster: Live-Rollenspiele ermöglichen es ganz normalen Menschen für eine bestimmte Zeit in einer fremden Haut zu stecken. Doch was begeistert erwachsene Menschen so daran jemand anderes zu spielen? Und das anders als im Theater komplett ohne Publikum? „Mich fasziniert es, auch mal jemand anders sein zu dürfen. Man kann zum Beispiel andere Verhaltensweisen ausprobieren und andere Gefühle erleben als im normalen Leben. Ich denke, so lernt man auch die Welt ein bisschen besser verstehen“, verrät mir Martina. „Man erlebt ständig Neues“.

Für viele Teilnehmer*innen ist es gerade das Fremde, dass sie beim larpen erleben wollen. Einmal böse sein, aus sich selbst herausgehen und seine persönlichen Ängste dabei überwinden. „Mir fällt es schwer, mich zu integrieren, Sachen unter der Oberfläche zu verhandeln und dabei andere zu bescheißen“, sagt Martina. Doch gerade darum geht es an diesem Wochenende, denn sie spielt Ruby Cabrini, die Ehefrau eines Mafioso.

Man sieht es der Frau im eleganten schwarzen Abendkleid nicht an, doch unter der braven Oberfläche brodelt einige kriminelle Energie. Ähnlich wie viele andere Rollen wird auch ihre den Abend nicht überleben, weil sie in zu viele kriminelle Machenschaften verwickelt ist.

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Beim Larpen kann man sein, wer man will. Und trotzdem schlüpfen einige Spieler*innen immer wieder in dieselben Rollen und sind Mitglieder einer festen LARP-Gruppe, erzählt mir die 39-jährige Personalleiterin Andrea. Sie selbst ist schon seit mehreren Jahren fester Teil eines Fantasy-Clans aus der Nähe von Frankfurt am Main und übernimmt dort die Rolle einer hoch angesehenen Feuermagierin. Mehr als ein Jahr ihrer Lebenszeit hat sie bereits diese Figur bespielt. Trotzdem probiert sie auch gerne neue Rollen aus, wie an diesem Wochenende die Figur der Zuhälterin Thekla.

In der Welt des Rollenspiels Miezen, Mafia und Moneten gehört Andrea das ominöse schwarze Büchlein, das ich noch immer suche. Es enthält eine Liste ihrer Kunden, inklusive einer genauen Beschreibung ihrer sexuellen Vorlieben. Diese Namen interessieren mich als Klatschreporterin natürlich brennend, doch entgegen der Annahme des Pfarrers habe ich keine Ahnung, wo sich das Buch befindet. Also mache ich mich auf und durchstöbere die Villa nach dem Buch. Die anderen um Hilfe zu bitten, geht natürlich nicht – denn In- und Out-Time sind beim LARP genauestens getrennt. Sobald das Spiel beginnt, darf man nur im Sinne der Rolle sprechen und handeln (In-Time). So kann es schon einmal sein, dass man mit seinen Freunden oder dem*der Partner*in mehrere Tage nichts zu tun hat, je nachdem wie die Rollen im Spiel zueinander stehen.

Von Hure bis Bodyguard – Du kannst alles sein

Das LARP Miezen, Messer und Moneten gehört zur Gruppe der Nordic-LARPs. Wie auch bei allen anderen Rollenspielen gibt es eine*n Spielleiter*in, die*der die Handlung im Überblick behält. Doch bei dieser Rollenspielart aus dem Norden Europas darf der*die Spielleiter*in in die Handlung eingreifen und so die Geschichte zum Teil mitgestalten. Nach dem ersten Akt bekomme ich deshalb Informationen über eine Mafiatochter zugesteckt.

Sie soll geheime Beziehungen zum Nationalsozialismus haben, eine Tatsache, die ihrer Familie sicher nicht gefallen wird. Meine Versuche, sie damit zu erpressen, zeigen allerdings keine Wirkung. Sie schaut mich abschätzig an, zuckt die Schulter und verlässt den Salon, um sich an der Bar einen weiteren Drink zu holen.

Doch mit der Zeit gewöhne ich mich an die Rolle der intriganten Gesellschaftsreporterin. Wenn sich die Mafiatochter schon nicht von mir einschüchtern lässt, dann vielleicht von dem grimmig aussehenden zwei Meter Mann, der als Bodyguard für die jüdische Mafia arbeitet. Auch er hat Interesse an der Geschichte und, schwups, habe ich meine Infos gegen neuen Tratsch eingetauscht. Doch bevor ich dem nachgehen kann, kommt es schon zum großen Showdown.

Jetzt wird geschrien, geheult, intrigiert und gemordet. Ich komme kaum hinterher alle Tode wahrzunehmen, überall im Haus liegen Leichen herum. Auch ich überlege mir, wie ich reagieren würde, falls mir eine Plastikknarre unter die Nase gehalten wird? Würde ich es schaffen ebenfalls derart aus mir herauszugehen und einen dramatischen Abgang hinzulegen? Ich bin froh, dass es dazu nicht kommt, denn ich überlebe das Wochenende und das ist schon mal viel wert im Reich der Mafiosi.

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