Ekstase beim Tanzen: Was Musikfans in den Moshpit zieht

Auf der Bühne schreien wilde Menschen ins Mikro, vor der Bühne schlagen schwitzende Menschen um sich. Das Treiben auf Hardcore-Konzerten wirkt auf viele verstörend. Aber: Wer noch nie im Moshpit war, kann nicht wissen, wie schön es sein kann. Ein Erklärungsversuch.

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Schlagen um sich, sind verschwitzt und glücklich – Menschen im Moshpit. © Flickr | Ralph Arvesen | CC BY 2.0

Was ist hier los? Wie vermeide ich es, eine dieser unzähligen Fäuste in die Fresse zu bekommen? Wie umgehe ich schmerzhafte Stürze auf den Boden? Wohin weiche ich aus, wenn ich nicht möchte, dass irgendwelche Füße in meiner Magengrube landen?

Ich stehe am Rand eines gigantischen Moshpits bei einem Konzert der Hardcore-Band Hatebreed. Und all diese Fragen schießen mir gleichzeitig in den Kopf. Aber ich merke, dass sie mich nur blockieren. Sie haben hier keinen Platz. Ich muss mich jetzt ganz auf dieses Gefühl einlassen, dass ich mich dort, im Pit, auf nichts verlassen kann. Oben ist da drin unten und rechts ist links. Scheiß auf Logik, weg mit der Kontrolle, fallen lassen. Ich beginne, meine Arme um mich zu werfen, zu springen, mich in diesen Sog aus wilden Bewegungen zu begeben.

Das muss es sein, wonach sich so viele sehnen: Die reinste Form des Kontrollverlusts, ein Ort, an dem es keinen Alltag gibt, kein Denken, kein Wissen. Der ultimative Reset-Knopf für den Kopf.

PIT. #wildthingsinthemoshpit #impericonfestival #munich #northlane

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Der Moshpit ist ein Phänomen in der Musikszene. Ein pulsierendes Menschenknäuel, das meist völlig spontan entsteht. Auf der Bühne: oft gutturaler Gesang, harte Riffs, drückende Drums. Die Musik treibt an, ficht an. So entsteht ein kreisförmiger Bereich unmittelbar vor der Bühne – manchmal auch weiter weg, manchmal sogar mehrere nebeneinander –, in dem die Menschen sich zu einer Masse formieren und tanzen.

Allerdings würden die wenigsten das, was dort geschieht, wirklich „Tanzen“ nennen. „Mosh“ oder „moshen“ ist ein Kunstwort, das erstmals von der New Yorker Thrash-Metal-Band S.O.D. verwendet wurde und seither ein gängiger Begriff in der Metal-, Hardcore und Punkszene ist.

Man tut dabei de facto nichts anderes, als um sich zu schlagen und sich gegenseitig zu schubsen. Hin und wieder entsteht auch die Wall of Death, eine Variation des Moshpit, bei der sich das Publikum in zwei Teile splittet. Auf Ansage – oder wenn die Musik es etwa durch einen Breakdown befielt – rennen alle aufeinander zu, als wären sie Kämpfer in einer mittelalterlichen Schlacht.

Ja, das ist durchaus gefährlich – auf Wacken, dem größten Metal-Festival in Deutschland, ist die Wall of Death mittlerweile sogar verboten. Auf dem Impericon-Festival in München vergangenes Wochenende war das den Besuchern des Konzerts der kanadischen Deathcore-Band Despised Icon aber schnuppe:

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„Ich versteh‘ einfach nicht, wieso Menschen sowas machen.“ Diesen Satz dürften Fans der härteren Musik in ihrem Umfeld schon öfter gehört haben. Ja, das alles mag für den ein oder anderen befremdlich oder sogar verstörend klingen. Trotzdem gibt es da etwas, was die Menschen antreibt, mitzumachen.

Aber was genau passiert da eigentlich im Kopf, wenn man sich dazu entscheidet, sich durch einen Moshpit zu kämpfen?

„Das beste Ventil nach ’ner beschissenen Woche“

Ich frage User der Facebook-Gruppe „Beatdown/Hardcore„, warum sie moshen. Christian schreibt dazu: „Das beste Ventil nach ’ner beschissenen Woche. Außerdem ein unvergleichliches Gefühl von Zusammenhalt und Freundschaft.“

Das mag sich paradox anhören: Tatsächlich aber kann man auf Hardcore-Konzerten und vor allem im Moshpit eine starke Verbindung und sogar Fürsorge zwischen den Teilnehmern spüren, die bei anderen Musikstilen so nicht unbedingt zu finden sind. Das äußert sich beispielsweise darin, dass jemand, der stürzt, selten länger als wenige Sekunden auf dem Boden liegt. Wer am Boden liegt, dem wird ohne Wenn und Aber aufgeholfen. Das gehört zu einer der ungeschriebenen Regeln eines jeden Pits – wie auch der Verzicht auf Glasflaschen und Nietenarmbänder.

„Man hat den Kopf einfach frei von Problemen, während man wild umherspringt. Du fühlst dich auch nicht affig oder so – weil du unter Gleichgesinnten bist“, schreibt Vincent. Vanessa sieht das ähnlich, sie fasst das so zusammen: „Befreiung, Abschaltung.“

Für einige ist der Pit ein Raum, in dem sie sich nicht verstellen müssen. „Der Moshpit ist einer der Orte, an denen du mit deinen besten Freunden zusammen einfach so sein kannst wie du wirklich bist – ohne von der Gesellschaft abgestempelt zu werden. Du kannst einfach alles vergessen und zu der Musik abgehen. Es ist eine Art Familie“, beschreibt Nino seine Gefühle.

Gemeinsam haben ein Großteil der Hardcore-, Metal- oder Punk-Bands in ihren Songtexten die kritische Einstellung zu Politik und Gesellschaft, aber auch den Fokus auf Zusammenhalt untereinander. So appelliert beispielsweise die Beatdown-Band (ein härteres, langsameres Subgenre des Hardcore) Nasty: „Got love for each other, ‚cause this world got none.“

Got love for eachother, cause this world got none #nasty @impericonde

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Das macht für Nico die Faszination Moshpit aus: „Es interessiert niemanden, was für Kleidung du trägst, ob du reich oder arm bist, ob man das beste Handy hat. Äußerlichkeiten wie Größe, Gewicht und Aussehen spielen überhaupt keine Rolle. Man wird akzeptiert, wie man ist.“

Knut sieht im Moshpit eine Reaktion auf die Textinhalte: „Am fettesten sind Bands, die die Vielzahl an Problemen in unserer Gesellschaft aufgreifen. Dann ist der Pit quasi das Ablassventil für die Wut, die dadurch entstanden ist.“

„Da kann ich Freude aufbauen, Frust ablassen und einfach ich sein. Alle Sorgen und Ängste sind vergessen“, beschreibt Patric seine Emotionen.

Mir selbst geht es ähnlich wie Patric. Eine gemeingültige, wissenschaftliche Erklärung oder Theorie über die Entstehung des Moshpits oder die Emotionen der Teilnehmer gibt es aber nicht, wie Reinhard Kopiez, Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, sagt. Erklärungsversuche hingegen schon.

Alle machen ihr Ding – aber am selben Ort

 

Jesse Silverberg, der an der Harvard University forscht, schreibt in seiner Arbeit „Collective motion of humans in mosh and circle pits at heavy metal concerts“ ganz konkret über Eigenschaften und Anziehungskraft eines Moshpits. „Dort kann jeder sein eigenes Ding machen – aber an ein und demselben Ort.“

Das Impericon Magazine zitiert Silverbergs wissenschaftliche Erklärung zur Entstehung eines Moshpits so: „Warum Menschen sich entscheiden, auf einem Metal-Konzert herumzurennen und rauflustig zu werden, ist eine ganz individuelle Entscheidung. Aber eines ist klar: Menschen auf einem Metal-Konzert tanzen, weil wir eben tanzen, wenn wir Musik hören. Und dieses Metal-Show-Tanzen beinhaltet nunmal, rauflustig zu werden. Wenn diese zwei Zutaten gegeben sind, übernimmt die Physik und sagt uns, was als nächstes passiert.“

Instinkt, Adrenalin – oder einfach nur der Spaß am Tanzen

Ein weiterer User der Beatdown/Hardcore-Facebook-Gruppe, Nico, stimmt dem zu. Und mehr noch: Er werde von Adrenalin in den Pit gezogen und dazu getrieben, sich zu bewegen.

Manuel, ein guter Freund, der schon länger Teil der Hardcore-Szene ist, beschreibt mir im Gespräch, dass moshen für ihn schon beinahe etwas von einem Sport hat. „Natürlich macht es eben auch einfach Spaß sich zu bewegen und zu tanzen“, sagt er.

Vielleicht ist es also auch nur das, was die Faszination eines Moshpits ausmacht – der Spaß am Tanzen. Ganz sicher geht es dabei aber um mehr, als nur um sich zu treten.