Eminems ‚White America‘ ist nach 15 Jahren leider wieder relevant

Der drastische Song eröffnete damals das Album The Eminem Show. Hört man ihn heute, wirkt es, als habe der Rapper die Zukunft der USA vorausgesehen.

Die Endsequenz aus dem 15 Jahre alten Video zu "White America" zeigt ein Schwein als US-Präsident, getrieben von Geld. Im Hintergrund geht die Welt unter. © Screenshot | Youtube | EminemVEVO

Eminem, einer der erfolgreichsten Musiker unserer Zeit, hatte eigentlich nur Glück. Er selbst weiß das besser als alle anderen, es wurde zu einem Grundthema seines Schaffens. In seiner Vergangenheit erlebte der heute 44-Jährige so einige Ungerechtigkeiten mit. Das führte zu den wutentbrannten, zynischen und dystopischen Liedern, mit denen er bekannt wurde. Sein Werk, mit dem er sich mit Talent und auch Glück zum Erfolg hocharbeitete, ist seine ganz persönliche Art der Abrechnung mit den USA, in denen er heranwuchs: für ihn ein Land des Fremdenhasses, der Zensur und der Heuchelei.

Einer dieser wütenden Songs heißt White America. Es ist der Eröffnungstitel von The Eminem Show, seinem dritten und bis heute erfolgreichsten Studioalbum. In drei Monaten wird es 15 Jahre alt. Der Longplayer entstand um die Jahrtausendwende, als die USA gerade den War on Terror erklärte. Viele Menschen waren stark patriotisch, wenn nicht sogar nationalistisch gestimmt.

In diesem Tenor beginnt das sozialkritische White America: Es sind Düsenjets zu hören, Rockgitarren und Eminem, der „America“ jault, gefolgt von einem leisen „we love you“. Eminem spricht davon, dass einerseits Soldat*innen für die Freiheit des Landes Opfer bringen und ihr Leben verloren und dass andererseits die Redefreiheit der Einzelnen von den Machthabern mit Füßen getreten wird.

Als hätte Eminem die ersten Zeilen Trump gewidmet

© Screenshot | Youtube

Was dann folgt, gewinnt im aktuellen Kontext, mit Donald Trump als Präsident und einem aufflammenden Nationalismus, beängstigenderweise wieder an Bedeutung. Die folgenden ersten Textzeilen des Songs müssen nichtmal paraphrasiert werden; sie passen perfekt zur Bewegung, die Trump in Gang setzte:

„I never would have dreamed in a million years I’d see
So many motherfucking people, who feel like me,
Who share the same views and the same exact beliefs –
It’s like a fucking army marching in back of me.
So many lives I touched, so much anger aimed
In no particular direction, just sprays and sprays
And straight through your radio waves it plays and plays
Till it stays stuck in your head, for days and days.“

Eminem rappt etwas später noch: „And now they’re saying I’m in trouble with the government – I’m loving it!“ Das könnte so auch einem Trump-Tweet entnommen sein, schließlich glorifiziert der US-Präsident seinen Zwist mit dem politischen Washington bekanntlich selbst sehr gerne. Was noch gut zu Trump und der neuen Tonalität passt: Der Song transportiert eine martialische Grundstimmung. Er ist laut und der Bass dröhnt. Die US-Army hat White America womöglich gerade deshalb zweckentfremdet: Sie nutzte es für eine perfide Foltermethode, bei der sie Menschen ihres Schlafs beraubten. Der 45. US-Präsident kündigte kürzlich an, er wolle derlei extreme Folter wieder legalisieren. So weit, so Trump.

[Außerdem auf ze.tt: „This is where Hip Hop came from“]

Aber eigentlich geht es in White America nicht um Krieg und freilich nicht um Trump. Viel eher ist der Song eine Momentaufnahme der frühen Nullerjahre in den USA. Eminem störte sich schon immer am Rassismus im Land. Im zweiten Vers misst er das Land an dieser Haltung vieler Menschen und arbeitet so den Kern seines eigenen Erfolgs auf. In der amerikanischen Popkultur hat er einen besonderen Stellenwert, weil er der erste erfolgreiche Rapper mit weißer Hautfarbe war. Und genau das ist für ihn das Problem.

„Let’s do the math: if I was black, I woulda sold half
I ain’t have to graduate from Lincoln High School to know that
But I could rap, so fuck school, I’m too cool to go back
Gimme the mic, show me where the fuckin‘ studio’s at
When I was underground, no one gave a fuck I was white

„Wäre ich schwarz, ich hätte nur die Hälfte verkauft“: Seinem Erfolg dankt er vor allem seiner Hautfarbe und den Käufern seiner CDs, unter anderem der weißen Mittelschicht. Um die Bedeutung seiner Musik für diese Menschen zu verstehen, muss man ein Stück in Eminems Geschichte zurückgehen, denn er war lange Zeit einer von ihnen.

Die Hautfarbe als Erfolgsmotor

In den 2000ern gehörte Eminem zu denen, die sich als politisch Abgehängte bezeichnen: Marshall Mathers, so sein bürgerlicher Name, durchlebte seine Jugend in Detroit. Zu dieser Zeit galt die Stadt als die ärmste in den USA, sie war stark von der massenhaften Deindustrialisierung im Land gebeutelt.

Mathers bekam dort die volle Härte des Lebens zu spüren: mies bezahlte Jobs und Armut. Seine Mutter war alleinerziehend, gewalttätig und litt laut Mathers an dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, einer Form der Kindesmisshandlung. Sie mussten vorher oft umziehen, Mathers wechselte entsprechend oft die Schule. „Der Neue“ wurde gemobbt, lag einmal nach einer Prügelattacke sogar fünf Tage mit Hirnblutungen im Koma. Eine Klage gegen die Schule wurde abgelehnt. Mathers galt als white trash – und er fühlte sich auch so. Er war am Abgrund, fühlte sich von der US-Regierung verlassen. Seine konstante Wut und Frustration führten zu dunklen Gedanken, einem Suizidversuch, Drogensucht.

In Warren, einer Vorstadt von Detroit, lebte er als Weißer in einem überwiegend von Schwarzen bewohnten Gebiet. Das prägte ihn: Vor allem die Rap-Gruppe N.W.A. wurde zu einem musikalischen Vorbild. Mit 14 begann er selbst zu rappen, konnte sich in der Underground-Szene durch seine hervorragende Technik einen Namen machen: Eminem war geboren.

Aber ein weißer Junge, der schwarze Musik macht? Für die meisten Plattenfirmen war das in den 1990ern und frühen 2000ern ein Hohn, sie sahen keine Chance, das gewinnbringend zu vermarkten. Es bedurfte eines Dr. Dre, einem in der Szene einflussreichen Produzenten, der eine Kopie der Slim Shady EP in die Hände bekam. Eminem schuf Slim Shady als eine Kunstfigur und als Alter Ego, unter dem er fortan unbeschwerter und vor allem politisch unkorrekt rappen konnte. Dr. Dre nahm Eminem unter Vertrag und produzierte mit ihm The Slim Shady LP. Es war Eminems erstes kommerziell erfolgreiches Album – und die Veröffentlichung glich einem Paradigmenwechsel für den Hip-Hop.

„No labels wanted to sign me, almost gave up I was like, „Fuck it“
Until I met Dre, the only one to look past
Gave me a chance and I lit a fire up under his ass
Helped him get back to the top, every fan black that I got
Was probably his in exchange for every white fan that he’s got
Like damn; we just swapped: sitting back, looking at shit, wow
I’m like my skin is just starting to work to my benefit now?“

Eminem gelang Unvorstellbares: Er brachte Hardcore-Hip-Hop in die breite Gesellschaft, in Wohnzimmer weißer Vorstadtkinder und überführte die bis dahin schwarze Kunstform in eine neue Ära. Er gab ihr dadurch neue Bedeutung und machte sie auch für die schwarzen Vertreter*innen wieder profitabler. Dr. Dre, der in dieser Zeit einiges von seiner frühen Popularität verloren hatte, konnte an seinen alten Stellenwert anknüpfen. Die zwei Künstler befruchteten sich gegenseitig. Das ist auch der Grund, wieso Eminem heute eine so tiefe Verbundenheit zur schwarzen Kultur nachgesagt wird: seine kulturellen Held*innen, seine besten Freund*innen und seine größten Wegbereiter*innen – sie alle waren schwarz.

[Außerdem auf ze.tt: Harvard huldigt dem Hip Hop]

Das weitete den Blick des Künstlers, was die Ungerechtigkeit gegenüber der People of Colour in der USA anging. Nach dem Release der Slim Shady LP offenbarte sich Eminem eine seltsame Doppelmoral. Er erkannte, wie sehr die USA bislang wegschaute, wenn es um die schwarze Bevölkerung ging. Wie sehr sie deren Probleme und Leben von sich schob – und ihre eigenen als wichtiger betrachteten.

„The Divided States of Embarrassment“

Der dritte und letzte Vers von White America handelt genau davon. Konservative Politiker*innen versuchten um 2000 mit allen Mitteln und sogar kleineren Erfolgen, Kunst zu zensieren. Vor allem Kunst, wie Eminem sie verstand: In seinen Texten ging es oft um Gewalt, Sex und Drogen. Natürlich ging es das: Wie er selbst sagt, gab er dadurch ja nur die Kultur wider, die er täglich auf der Straße sah und erlebte. Eminem sah und sieht als Beobachter, als Spiegel, nicht als Sprachrohr. Doch für diese Erkenntnis erfordert es, dass man sich eingängiger mit seinen oft satirischen und bissigen Texten beschäftigt. Für viele Eltern jedoch entstand damals folgendes Bild: Dieser Kerl im TV, der ekelhafte Sprache nutzt und unsere Kinder verrohen lässt, der muss weg.

„See the problem is, I speak to suburban kids
Who otherwise woulda never knew these words exist
Whose mom’s probably woulda never gave two squirts of piss
‚Till I created so much motherfuckin‘ turbulence
Straight out the tube, right into your living rooms I came
And kids flipped, when they knew I was produced by Dre
That’s all it took, and they were instantly hooked right in
And they connected with me too because I looked like them“

Eminem prangert das als ein Symbol für die große Doppelmoral in den USA an. Seine Texte wurden genau unter die Lupe genommen. Alles, was er in seinen Songs sagte, war plötzlich interessant. Man versuchte 2001 durch Proteste sogar, seine Konzerte zu verhindern. Dabei ging es laut Eminem aber immer nur um seine Person, nicht um das Hip-Hop-Genre an sich, das seinen Ursprung ja ganz woanders hatte. Er, als Weißer, war den Weißen natürlich ganz wichtig – sie konnten ihn als Zielscheibe nutzen. Aber die Probleme, die er ansprach, die Straßenkultur, die er durch seine Sprache transportierte, die Kritik am Rassismus und dem politischen System, die blieb ungehört.

That’s why they put my lyrics up under this microscope
Searching with a fine tooth comb, it’s like this rope
Waiting to choke, tightening around my throat
Watchin‘ me while I write this, like I don’t like this note
All I hear is: lyrics, lyrics, constant controversy, sponsors working
Round the clock to try to stop my concerts early, surely
Hip hop was never a problem in Harlem only in Boston

„In Harlem war Hip-Hop nie ein Problem. In Boston schon.“ Das überwiegend weiße, konservative Boston habe riesige Probleme mit Eminems expliziten Texten. Überwiegend schwarze Gemeinden wie etwa Harlem nicht, weil die Menschen dort an die Sprache gewöhnt seien und wüssten, dass Texte in Rap-Songs nicht wörtlich zu nehmen sind und oft satirisch und überspitzt.

Dieser ganze Zirkus um ihn, den weißen Rapper, repräsentiert laut der Plattform Genius die Bigotterie und doppelte Standards in den USA. Eminem bringe in diesem Lied die wahren Farben der heuchlerischen weißen Eltern hervor: Sie kümmerten sich nie um die Wirkung von Rap auf schwarze Kinder, aber waren plötzlich entsetzt, als ein weißer Rapper ihre eigenen zu beeinflussen schien. Insofern spiegelt Eminem durch seine kontroversen und harten Texte auch nur die Werte des weißen Amerika wider, von dem er selbst nie ein Teil sein wollte. Das zeigt auch der Refrain: „White America, i could be one of your kids.“ Könnte. Aber er ist es nicht. Am Ende des Songs macht er aus den „United States of America“ noch die „Divided States of Embarrassment“ und nennt die Regierungsform im Land eine „Demokratie der Heuchelei“, um sein Statement hervorzuheben.

[Außerdem auf ze.tt: Kennst du den echten Hip-Hop-Titel?]

Und heute? Polizeigewalt gegen die schwarze Bevölkerung auf einem Höchststand. Ein Präsident, der verspricht, Amerika wieder groß zu machen, aber mit Zensur der Kunst liebäugelt und damit die Redefreiheit einschränken will. Der Mauern bauen will und davon spricht, die Industrie wieder ins eigene Land zu holen, gegen China hetzt, aber seine eigenen Kappen der Wahlkampagne genau dort herstellen lässt. Ein Wahlsystem, das undemokratischer nicht sein könnte. Der Song White America, in all seinen Aussagen, wird durch aktuelle politische Entwicklungen im Land wieder relevant – obwohl 15 Jahre seit der Veröffentlichung vergingen.

Es bleibt zu hoffen, dass Eminem in seinem kommenden Album wieder zu alter Meinungsstärke zurückfindet. Und die tief verwurzelten Probleme der Gesellschaft in der Art und Weise anspricht, wie er es mit The Eminem Show und White America tat. Genug Stoff ist ja leider dafür da.

Außerdem auf ze.tt