Zu viel Empathie macht das Leben zur Hölle

Wer erkennt, was andere fühlen, hat es manchmal schwer. Und wer sogar fühlt, was andere fühlen, ist in der Hölle. Ein Statement gegen zu viel Empathie.

Empathie? Much feeling, many hurt.

Empathie? Much feeling, many hurt. © evali / photocase.de

Schon klar: Empathie ist für ein gemeinschaftliches Leben in der Gesellschaft unabdingbar. Wir brauchen sie, um unsere zwischenmenschlichen Beziehungen einzuschätzen. Wir passen unseren Umgang verschiedenen Menschen und sogar Tieren an, nehmen Rücksicht auf andere, bla bla bla. Ich verstehe das alles. Und es ergibt auch Sinn, solange es in einem gesunden Rahmen bleibt.

Doch nicht umsonst beschreiben viele extrem empathische Menschen ihre Fähigkeit als Fluch. Denn zu viel Mitgefühl kann das Leben ganz schön schwer machen.

Echtes mitleiden

Vergangenes Wochenende hatte ich Besuch aus der Heimat. Sonntagabend saßen wir aus bestimmten grünen Gründen mit schweren Körpern auf der Couch im Wohnzimmer und führten die tiefgründigsten Gespräche der Welt („Wer kam eigentlich das erste Mal auf die kranke Idee, eine Kuh zu melken?“).

Irgendwann später, nachdem wir mit solchen Brainfucks nicht mehr klarkamen, stellte er eins dieser Fail-Videos auf Youtube ein. Eine zwanzigminütige Kompilation, die Menschen zeigt, wie sie sich auf jede erdenkliche Art verletzen. Sie stürzen von Hausdächern, haben Autounfälle oder kotzen irgendwas voll.

In den Kommentaren unter dem Video stehen Dinge wie „Loooool“ oder „Ich kann nicht aufhören zu lachen“, auch mein Freund prustete sich die Lunge aus dem Leib.

Ich hingegen hatte Phantomschmerzen, hielt mir diverse Körperteile und musste sogar ab und zu die Augen schließen. Mir machte es überhaupt keinen Spaß.

© Giphy
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Fremde Gefühle werden meine

In diesem Fall ist das noch relativ harmlos. Richtig anstrengend wird es aber, wenn mir zu viele Freund*innen zu viele ihrer privaten Probleme anvertrauen.

Klar – ich freue mich, eingeweiht zu werden, eine Vertrauensperson sein zu dürfen und versuche, ihnen so gut wie möglich weiterzuhelfen. Der Haken an der Sache ist, dass ich die Emotionen anderer nicht nur nachvollziehe und mitfühle, sondern hart mitleide.

Es fällt mir schwer, mich emotional abzugrenzen und ich schleppe fremde Gefühle wie eine Fußkette mit. Ich bin dann schlecht gelaunt, mir ist übel, manchmal werde ich sogar krank. Mein Kopf macht den Frust der anderen zu meinem eigenen und vergisst dabei, dass ich eigentlich gar nichts anderes tun kann, als jemandem mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Dass mein Kopf das nicht versteht, ist nicht die Schuld der anderen – sondern meine eigene.

[Außerdem auf ze.tt: Warum wir 2016 mehr Zusammenhalt und Mitgefühl brauchen]

Wer würde das verstehen?

Das Schlimmste dabei ist, dass ich mit niemandem darüber sprechen kann.

Wenn ich in der Arbeit gefragt werde, warum ich schon wieder so schlecht gelaunt bin, stecke ich augenblicklich in einem Dilemma. Zum einen kann ich die Probleme anderer nicht einfach ausplaudern und so ihr Vertrauen missbrauchen. Zum anderen sollte es mir selbst eigentlich gut gehen, ich habe genau genommen keinen Grund, schlecht drauf zu sein. Was also antworten?

„Alles ok, habe nur einen schlechten Tag“ ist der Klassiker – während das Herz laut schreit. Die Gefühlszustände anderer sind für mich wie ansteckende Krankheiten. Ohne ausreichendes Abwehrsystem fange ich sie mir ein, muss im Anschluss selbst damit klarkommen und gleichzeitig auch noch aufpassen, niemanden anderen damit anzustecken.

Weniger ist mehr

Die andere Seite: Manchmal springen mir die Gefühle meiner Mitmenschen ins Gesicht, ohne dass sie das wollen. In manchen Situationen möchte mein Gegenüber gar nicht, dass ich es bemerke, er oder sie gibt aber trotzdem entsprechende Schwingungen ab.

Dann drängt sich mir jedes Mal die Frage auf: Ansprechen oder sein lassen? Manche fühlen sich ertappt und werden sogar wütend, andere sind dankbar und lassen ihre Gefühlen frei raus (die ich dann wieder übernehme).

© Giphy
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Sich zu stark auf andere einzupendeln, macht fremdabhängig. Der Verstand ist vernebelt. Das Einzige, was zählt: Helfen und Bemuttern. Die eigenen Bedürfnisse bleiben auf der Strecke. Und das schlechte Gefühl sitzt solange fest, bis es der ursprünglichen Quelle selbst wieder besser geht.

Das kann im Extremfall so weit gehen, dass ich mich sogar ausgenutzt und manipuliert fühle. Wie absurd ist das denn? Da vertraut mir jemand seine*ihre Sorgen an und was tu ich? Ich grabe mir einen Tunnel in die Hölle. Das raubt nicht nur mir massiv Kraft, sondern ist auch der anderen Person gegenüber unfair.

Ich kann nichts dafür

Die Sache mit der Empathie ist, dass sie keinen festen moralischen Überzeugungen folgt – bei mir zumindest nicht. Es ist kein rationales Gefühl, es hat nichts mit Köpfchen zu tun. Wenn ich im Empathie-Modus bin, schwirren mir fast willkürlich Eindrücke und Informationen entgegen, die ich willenlos verschlucke und auf mich selbst münze.

Die Folge: Ich engagiere mich entweder zu stark oder isoliere mich völlig.

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Was tun?

Meine neue Taktik: Mich trauen, auch mal nein zu sagen. Hilfe anbieten und warten, ob sie angenommen wird. Emotional abgrenzen, ohne die Rücksicht zu verlieren. Ein Gespür für die Sorgen meiner Mitmenschen hat sich immer noch als nützlich erwiesen. Ich muss nur lernen, mich ein bisschen mehr der Situation anzupassen und meinem Umfeld adäquat zu begegnen, übertriebene Anteilnahme durch angemessene zu ersetzen und hilfsbereit zu bleiben. Klingt kompliziert, ist aber besser für alle Beteiligten.

Befinde ich mich gerade in der Gefühlsspirale, hilft mir auch die Flucht in die Welt der Musik. Die Formel ist simpel: Guter Beat besiegt schlechte Laune. Trotzdem heißt es aufpassen, denn traurige Musik kann das Elend genauso gut potenzieren. Es heißt also: Klug auswählen und wirken lassen.

[Außerdem auf ze.tt: Der Dalai Lama hilft dir mit einer Website, Emotionen zu verstehen]

Trotzdem gebe ich natürlich weiterhin gerne meine Ohren zum Reinheulen und meine Schultern zum Anlehnen her. Gerade Freund*innen und Familie spüren, dass da jemand ist, bei dem sie sich öffnen können. Mein Einfühlungsvermögen ist dabei aber nicht unerschöpflich. Doch immerhin habe ich inzwischen Strategien, wie ich mich abgrenzen und besser damit umgehen kann.

„Schlechte Angewohnheiten, wie der Konsum von Genussmittel, sind nicht untypisch für Empathen, die sich einen Weg suchen, dem Alltag zu entfliehen“, schreibt ein gewisser Erik auf seinem Blog.

Na, wenigstens habe ich dafür eine Ausrede.

Ob Fluch oder nicht, auf jeden Fall besser als das andere Extrem. Ich bin trotz allem lieber ein Gefühlsmensch als ein Arschloch mit einem Herzen aus Eis.