Empty-Nest-Syndrom: Warum eure Eltern es nicht verkraften, wenn ihr zu Hause auszieht

Eltern sind unsere starken Beschützer*innen – bis wir selbst erwachsen werden und ausziehen. Dass sie plötzlich niemanden mehr zum Kümmern haben, stürzt viele Eltern in ein Loch. Wie geht man als Kind mit dieser Trauer um?

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Wenn die Kinder ausziehen, kann das für Eltern schwierig werden. suze/Photocase

Von zu Hause ausziehen bedeutet Freiheit, Eigenständigkeit und neue Abenteuer. Für Eltern bedeutet es jedoch: leere Zimmer, fehlende Bezugspersonen, Einsamkeit. „Einige Mütter, Väter und Eltern allgemein fallen nach dem Auszug des Kindes oft in ein Loch und müssen sich in dieser Situation erst einmal neu orientieren“, erklärt die Familientherapeutin Bettina Teubert. Diese Übergangsphase im Leben der Eltern nennt man „Empty-Nest-Syndrom“.

Die Symptome reichen von einem vorübergehenden Gefühl von Traurigkeit bis zu Depressionen. Statistisch sind Mütter vom Empty-Nest-Syndrom häufiger betroffen, weil sie nach alten Familienmodellen die meiste Zeit mit den Kindern verbracht haben. Das kann auch für die Kinder der Betroffenen zur Belastung werden.

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Für Paula* war schon immer klar, dass sie nicht zu Hause wohnen bleiben will. Aber nicht, weil es ihr dort nicht gut ging: „Vielleicht genau deswegen: Ich wollte nicht die ganze Zeit Hotel Mama haben und ich hatte auch Lust auf eine neue Stadt“, erzählt die 22-Jährige. „Dabei hat meine Mutter mich auch immer unterstützt.“ Paulas Mutter ist alleinerziehend, zum Vater haben sie beide keinen Kontakt. Seit dem Auszug ihrer großen Schwester wurde das Verhältnis zu ihrer Mutter noch enger als es ohnehin schon immer gewesen war. Paula und ihre Mama waren ein eingespieltes Team.

Doch ein Jahr nach ihrem Abi wusste Paula, dass sie jetzt bereit für ein neues Kapitel in ihrem Leben ist. Kurz vor ihrem einundzwanzigsten Geburtstag packte sie die Kisten und zog aus. 500 Kilometer weit von ihrer Mutter weg, von Köln nach Berlin, um Ethnologie zu studieren. Für sie war das ein tolles Erlebnis – für ihre Mutter der Beginn einer Krise.

Mama, ich schaffe das alleine – und du?

Paula konnte immer und bei allem auf den Rückhalt ihrer Mutter vertrauen. Sie dachte wenig darüber nach, wie es ihrer Mama mit der Tatsache ging, dass sie in Zukunft völlig alleine zu Hause sein würde. Kurz vor und nach ihrem Auszug war Paula sehr mit sich selber beschäftigt: neue Stadt, neue Wohnung, Studium. „Das war alles total spannend und da konnte ich nicht viel an andere Dinge denken.“ Ihre Mutter half bei der Wohnungssuche und beim Umzug, verbrachte die ersten Tage gemeinsam mit Paula in der neuen Stadt. Später kam sie öfter zu Besuch nach Berlin, kochte für ihre Tochter und wohnte in Paulas kleinem Zimmer mit.

Ein solches Verhalten kann laut Familientherapeutin Teubert die Beziehung zwischen Eltern und Kindern gefährden: „Wenn Eltern für ihre Kinder alles machen, dann wird es gefährlich. Wenn sie die komplette Wohnung mit einrichten oder gar zum ersten Tag an der Uni mitkommen. Hier müssen auch die Eltern lernen, dass das Kind im Notfall halt mal in Apfelsinenkisten wohnen muss.“

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Bettina Teubert leitet in Berlin die erste Selbsthilfegruppe für Mütter, die unter dem Empty-Nest-Syndrom leiden. Bei der Familientherapeutin Teubert können sich Eltern über die Probleme und Sorgen austauschen, die diese neue Situation mit sich bringt, und lernen, damit zurechtzukommen. Teubert kennt die Gefühle der Mütter und Väter, hat aber auch ein Auge auf die Kinder und deren Wahrnehmung der Situation.

Für Eltern und besonders für Alleinerziehende kennzeichnet der Auszug des Kindes einen neuen Lebensabschnitt. Plötzlich ist die*der Tochter*Sohn mit vielem Neuen beschäftigt, bei den Eltern fehlt stattdessen plötzlich etwas. Und auch wenn sich die meisten Eltern wünschen, dass ihr Kind selbstständig wird, ist der Abschied eine ungewohnte Situation, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Eltern plagt oft die Ungewissheit darüber, wie das Miteinander in der Familie zukünftig aussehen wird und die Sorge, ob das Kind alleine zurechtkommt.

„Als ich meine Mama in der neuen Stadt am Bahnhof verabschiedet hab, dachte ich, es sei alles gut. Aber sie hat mir erst letztens erzählt, dass sie erstmal um die Ecke gegangen ist und geweint hat. Das habe ich so gar nicht mitbekommen und das wollte sie auch nicht“, erzählt Paula. Ihre Mutter wollte vor der eigenen Tochter nicht zugeben, dass ihr der Abschied sehr schwer fiel. Als Paula dahinter kam, entwickelte sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Mutter, das sich bis heute hält. Sie kann sich dem Gefühl nicht erwehren, ihre Mama im Stich gelassen und zu oft egoistisch gewesen zu sein.

Ich vermisse dich

Über WhatsApp und Skype bleibt Paula mit ihrer Mutter in Kontakt. Diese Form der Kommunikation mache vieles leichter, erklärt Bettina Teubert, denn es sei wesentlich unverfänglicher für die Mutter, einfach per WhatsApp oder andere Dienste eine kurze Nachricht zu schreiben. Als Kind kann man schnell antworten: Alles in Ordnung, aber ich habe grade leider keine Zeit. Oder man schickt eben schnell ein Emoji zurück. „Diese modernen Formen der Kommunikation geben uns eine gewisse Form von Leichtigkeit“, sagt Teubert, „und es ist für beide Seiten einfacher dadurch in Kontakt zu bleiben.“

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Manchmal ist jedoch genau dieser Kontakt schwer für Paula. Besonders abends denkt sie viel an ihre Mutter. Sie weiß, dass niemand zu Hause ist, wenn sie von der Arbeit kommt. 
„Einmal kam eine SMS von ihr: Ich sitze jetzt hier mit meinem Käsebrot auf dem Sofa und vermisse dich. Das tat schon weh. In solchen Momenten wäre ich dann gerne bei ihr und würde ihr einfach Gesellschaft leisten.“

Das leere Nest

Für Bettina Teubert ist klar, dass Alleinerziehende das „leere Nest“ anders wahrnehmen als verheiratete Paare. Sie haben sich mit viel mehr Kraftaufwand um die Kinder gekümmert und dadurch viel von ihrem Privatleben hinten angestellt. So verlernen sie oft unbewusst, alleine etwas zu unternehmen – ohne die Kinder.

Wichtig ist dann, dass Mutter oder Vater sich auch trauen, offen über ihre Gefühle zu sprechen: „Es ist völlig in Ordnung, wenn Eltern auch mal zugeben, dass es ihnen grade schwerfällt und sie ihr Kinder vermissen. Denn wenn wir immer nur aufeinander Rücksicht nehmen und die Dinge nicht aussprechen, dann schadet das der Beziehung.“

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Paula weiß, dass ihrer älteren Schwester der Abschied von zu Hause leichter fiel, weil sie wusste, dass weiterhin jemand für ihre Mutter da ist. Paula hingegen verspürt ihrer Mutter gegenüber eine große Verantwortung und glaubt, durch ihren Auszug das Leben ihrer Mutter erschwert zu haben. 
Es spiele jedoch keine Rolle, ob man das letzte Kind ist, dass das Haus verlässt, so Teubert. Das Empty-Nest-Syndrom kann immer auftreten. Deshalb brauchen sich Kinder nicht verantwortlich fühlen. Sie dürfen sogar sagen: „Das Problem gehört jetzt zu meinen Eltern.“

Teubert rät, sich vorzustellen, dass man seine Sorgen und Schuldgefühle in einen Schuhkarton packt und ihn den Eltern überreicht. „Das bedeutet ja nicht, dass man seine Eltern loswerden will. Aber Kinder haben ein Recht darauf sich ihren eigenen Freiraum zu schaffen.“ Ziel sollte es sein, dass man sich irgendwann auf Augenhöhe begegnet, sodass man sich nicht mehr in den Rollen von Mutter*Vater und Kind begegnet, sondern als zwei Erwachsene.

Die Familientherapeutin erinnert auch daran, dass es schön sein kann, wenn Eltern ein bisschen traurig sind: „Das ist ein Zeichen von Qualität in der Eltern-Kind-Beziehung und zeigt vor allem, dass es eine schöne Kindheit war.“

Meld dich mal wieder

Paula ist es nach und nach gelungen, sich mehr von ihrer Mutter abzunabeln. Zwar hat sie immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr erklären muss, dass sie momentan keine Zeit findet über das Wochenende vorbeizuschauen, aber die nächste Zugfahrt in die Heimat ist schon gebucht. Paula weiß, dass sich ihre Mutter heimlich wünscht, dass sie nicht ganz so weit von zu Hause weg wohnen würde. Beide wissen aber auch, dass es für Paulas Selbständigkeit wichtig ist, dass sie sich ihr eigenes Leben aufbaut. Dass auch ihre Mutter dies mittlerweile immer besser verkraften kann merkt Paula als sie schließlich schmunzelnd feststellt: „Manchmal denke ich sogar schon: Mama könnte sich auch langsam mal wieder melden.“


*Der Name der Protagonistin wurde von der Redaktion geändert.