Endlich wieder Schule: Syrische Jugendliche bauen sich im Libanon ein neues Leben auf

Im Libanon leben über eine Million Flüchtlinge. Die Französin Maguelone Giradot ist mit einer Hilfsorganisation dort, die Bildung für syrische Kinder organisiert. Ihre Fotos zeigen die Situation in den Lagern.

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Geflohene Kinder aus Syrien spielen in einem Flüchtlingslager im Libanon. Die informelle Schule Al Ihsan im Dorf Meniara in der Nähe der Stadt Halba bemüht sich um sichere Spielplätze. © R&R Syria

Maguelone Girardot ist 23 Jahre alt und kommt aus Frankreich. Sie hat Politikwissenschaften in Paris, Rennes und Eichstätt-Ingolstadt studiert und sich auf humanitäre Hilfe spezialisiert. Seit drei Monaten lebt sie im Libanon, ungefähr zwölf Kilometer südlich der syrischen Grenze. Sie arbeitet dort für die NGO Relief & Reconciliation for Syria.

Isra (21), Suleiman (28) und Abdelmalek (30) kommen aus Qusair, südlich von Homs. 2013 flohen sie in den Libanon. Heute leben sie im Norden des Landes in der Nähe der Stadt Halba. Die Geschwister sind drei von rund einer Million Flüchtlinge im im Land. Manche Schätzungen gehen gar von 1,5 Millionen aus. Rund ein Drittel von ihnen wohnt in informellen Lagern, neben Müllbergen und ohne Privatsphäre, in unmittelbarer Nähe zu Verwandten und Nachbarn. Täglich müssen sie sich um Grundbedürfnisse wie sauberes Leitungswasser oder Strom bemühen.

Die Situation der jungen Syrer ist paradox. Einerseits müssen sie sich vorübergehend ein Leben im Libanon aufbauen und Verantwortung übernehmen, zum Beispiel Geld verdienen oder Kinder, Kranke und Alte betreuen. Andererseits wissen sie nicht, wie lange sie bleiben werden. Ob sie eine Aufenthaltsgenehmigung, eine Studiums- oder Jobperspektive in einem Drittland bekommen, hängt von willkürlichen Verwaltungen und undurchsichtigen Arbeitsmärkten ab.

Und so geht ihr improvisiertes Leben im Libanon erst einmal weiter. In den Flüchtlingslagern entstehen Freundschaften und Beziehungen, manche der Menschen kannten sich bereits in Syrien. Im Lager unterstützen sie sich jetzt gegenseitig. Suleiman arbeitete zunächst ehrenamtlich für mehrere NGOs. Jetzt unterrichtet er mit Isra in der informellen Lagerschule Al-Ihsan im Dorf Meniara in der Nähe von Halba, während seine Geschwister in der Landwirtschaft, in Restaurants oder als Automechaniker in der umliegenden Gegend ihr Geld verdienen.

Etwa ein Drittel der syrischen Flüchtlinge im Libanon wohnt in Lagern mit wenig Privatssphäre. © Sonnenuntergang über einem Flüchtlingslager im Libanon. © R&R Syria
Kinder im Flüchtlingslager Tal Abbas im Norden des Libanons.  © R&R Syria

Von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen

Was denken die syrischen Flüchtlinge im Libanon über das Ausland und die Haltung der internationalen Gemeinschaft? Sie sind enttäuscht, dass die demokratischen Staaten den Aufstand in Syrien nicht unterstützt haben und nun die Flüchtlinge nicht anständig empfangen. Sollte Baschar al Assad trotz des Todes von hunderttausenden Menschen und der Vertreibung der Hälfte der syrischen Bevölkerung im Amt bleiben, dann verliert die internationale Gemeinschaft ihre Glaubwürdigkeit, meinen sie.

Für Kinder sind die Lager Wohnort und Spielplatz in einem. © R&R Syria
Flüchtlingslager Riyhaina: Für Kinder sind die Lager ein schmutziger und oftmals gefährlicher Wohnort und Spielplatz. © R&R Syria

Besonders schlimm finden viele, dass die internationale Gemeinschaft nur dann zu intervenieren scheint, wenn eigene Interessen auf dem Spiel stehen, wie zum Beispiel der Zugang zu Rohstoffen. Auf die Nöte der lokalen Bevölkerung würden westliche Staaten nur wenig hören. Die Hilferufe des syrischen Volkes würden nur mit warmen Worten und ein paar Hilfspaketen abgespeist. Die Jugendlichen, die sich Emanzipation und ein menschenwürdiges Leben wünschen, sind besonders frustriert. Sie haben das Gefühl, das niemand für ihre Lebensbedingungen und ihr Zukunft interessiert.

Der sogenannte Islamische Staat ist ein weiteres Übel, das die Situation noch komplizierter und gewalttätiger macht. Viele Syrer sagen, dass erst die Brutalität und das Kalkül Assads den IS haben haben entstehen lassen. Armut, Unwissenheit, Propaganda und ein Wille zur Revanche am syrischen Regime hätten dann die Spirale der Gewalt und Radikalisierung vorangetrieben. Der friedliche Aufstand der Syrer gegen Folter und Unterdrückung, in dem Jugendliche eine besondere Rolle gespielt haben, ist so zu einem Flächenbrand geworden, in dem das Leben der Zivilbevölkerung nicht mehr viel zählt.

Was wünschen sich Libanesen und Syrer für die Zukunft? Zunächst ein normales Leben, in dem sie ganz einfache Ziele verwirklichen können: wieder studieren, einen Abschluss machen, Familien gründen. Suleiman und Isra wollen in die syrische Stadt Qusair zurück. Dafür brauchen sie die Gewissheit, dass sie in ihrem Land in Frieden und Sicherheit leben können. Die Lehre aus ihrer Fluchterfahrung wird keiner von ihnen jemals vergessen: Ein bewaffneter Konflikt trifft jeden, vor allem die Ärmsten.

Kinder gehen wieder zur Schule, nachdem manche von ihnen seit Jahren keinen Unterricht hatten. © R&R Syria
Klassenzimmer in Tal Abbas: Kinder gehen wieder zur Schule, nachdem manche von ihnen seit Jahren keinen Unterricht hatten. © R&R Syria
Schülerinnen machen ihre Hausaufgaben in der Schule, dort ist es ruhiger als zu Hause. © R&R Syria
Schule in Al-Ihsan: Schülerinnen machen ihre Hausaufgaben in der Schule, dort ist es ruhiger als zu Hause. © R&R Syria
Isra (21) und ihr Bruder Selim (7) wohnen mit ihren Eltern und Geschwistern in einem inoffiziellen Lager im Libanon. © R&R Syria
Isra (21) und ihr Bruder Selim (7) wohnen mit ihren Eltern und Geschwistern in einem inoffiziellen Lager Meniara im Libanon. © R&R Syria
Im Tal Wadi Qadischa: Ousay (6) und sein Großvater Abdelaziz sind zusammen aus Homs geflohen, Qusays Eltern sind dort geblieben. © R&R Syria
Im Tal Wadi Qadischa: Qusay (6) und sein Großvater Abdelaziz sind zusammen aus Homs geflohen, Qusays Eltern sind dort geblieben. © R&R Syria
Sonnenuntergang über einem Flüchtlingslager im Libanon. © R&R Syria
Sonnenuntergang über einem Flüchtlingslager im Libanon. © R&R Syria