Er kam, packte seine Sachen und zog aus

Trennung. Und nun? Anna Karolina Stock denkt darüber nach, wie es für Menschen wie sie danach weitergeht.

© Judywie /  photocase.de

Und wieder alleine. © Judywie / photocase.de

Ohne Ankündigung schloss er die Tür unserer Wohnung auf. Ich kam gerade aus dem Bad, wollte mich eigentlich mit Freundinnen treffen und hatte lediglich ein Handtuch um den Körper gebunden. Überrascht sah ich ihn an. Unter normalen Umständen wäre ich ihm zur Begrüßung um den Hals gefallen, doch mein Gefühl hielt mich zurück. Wir hatten uns eine Woche lang nicht gesehen und auch nicht darüber geredet, wann wir uns wiedersehen würden.

Jetzt stand er unerwartet vor mir. Wir wussten beide nicht, was wir sagen sollten. Peinlich berührt standen wir uns gegenüber. Auch wenn ich ein Wiedersehen so herbeigesehnt und mir gewünscht hatte, mit ihm über uns zu sprechen, brachte ich kein einziges Wort heraus. Denn ich wusste, dass es nie wieder so werden würde, wie es mal war. Dass er extra mit dem großen Auto seiner Eltern gekommen war und ohne Rucksack oder Reisetasche vor mir stand, bedeutete nur eins: Er war gekommen, um zu gehen.

Hatte er das Lied von „Wir sind Helden“ etwa missverstanden? „Gekommen um zu bleiben“ heißt das doch. Wer würde schon „Gekommen um zu gehen“ singen? Völliger Unsinn. Anhand zahlreicher Beispiele und meinen eigenen Erfahrungen habe ich im Laufe der Zeit den Eindruck gewonnen, dass Männer um die 30 scheinbar aus Prinzip in eine Sinnkrise verfallen, nicht mehr wissen, wo oben und unten ist und dann das Bedürfnis haben, weglaufen zu müssen, um ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Auf die Idee, sich am Liedtext von „Wir sind Helden“ ein Beispiel zu nehmen, kommen dabei die wenigsten. Hauptsache Ballast abwerfen und sich neu erfinden.

Er sollte es mir ins Gesicht sagen

Ohne überhaupt ein Wort mit ihm wechseln zu müssen, war mir klar, dass der Grund seiner Rückkehr kein anderer war, als Ballast abzuwerfen. Er wollte unsere gemeinsame Wohnung verlassen, uns verlassen, mich verlassen. Eigentlich hätten wir auch schweigen können, in solchen Momenten sind Worte überflüssig. Dennoch wollte ich es von ihm hören. Er sollte es mir ins Gesicht sagen und mitbekommen, wie sehr er mich verletzte.

Wortlos und glimpflich davonzukommen, hatte er nicht verdient. Er suchte nach Worten, fand aber nur die falschen, suchte daher lieber weiter nach seinen Habseligkeiten. Verzweifelt und verletzt warf ich ihm Fotos von unserem Afrika-Urlaub vor die Füße. Bis dahin hatten diese Bilder unsere Wände geschmückt. Ich hielt sie für Zeugnisse unseres Glücks und dass wir etwas Besonderes waren. Während ich ein Foto nach dem anderen aus seinen Rahmen holte, sagte ich zu ihm, er könne sie einfach in den Müll werfen – gleich neben uns, denn mit uns mache er ja nichts anderes.

Was seine Entscheidung für uns bedeutete, verstand ich zu dem Zeitpunkt nicht, konnte es auch gar nicht verstehen. Er zog aus, ohne Vorwarnung, ohne dass wir uns davor gestritten hatten, ohne dass irgendetwas gehörig schief gelaufen war – einfach so. Und ließ mir keine Chance, mich auf seinen Auszug vorzubereiten. So wie man sich in einer Wohnungsgemeinschaft eigentlich auf den Auszug eines Mitbewohners vorbereiten kann. Man schaut sich rechtzeitig nach Ersatz um, führt gegebenenfalls einen Castingmarathon durch und findet so im besten Fall einen noch viel besseren, neuen Kandidaten. Damit die Lücke bereits gestopft ist, bevor überhaupt ein Gefühl von Einsamkeit und Leere entstehen konnte. Wenn allerdings der Partner auszieht, reißt er einem höchstpersönlich den Teppich unter den Füßen weg, rollt ihn samt Selbstwertgefühl ein und nimmt ihn mit.

Kein WG-Casting, kein neuer Kandidat, kein Ersatz. Was bleibt sind leere Bilderrahmen an den Wänden, leere Fächer im Schrank, ein nackter Boden ohne Bedeckung. Eine Trennung haut einen meist einmal richtig um, nämlich genau dann, wenn man erfährt, dass es aus ist. Für mich war das der Moment, als er seine Koffer packte, den Wohnungsschlüssel ans Brett hängte und davonfuhr. Im besten Fall hätte ich danach nie wieder von ihm hören oder ihn sehen müssen, mich von ihm abschotten und ihn für seinen egoistischen Entschluss hassen können.

Bestenfalls. Denn wenn man bereits zusammenwohnt, ein gemeinsames Leben teilt, bohrt ein Beziehungsaus nicht nur tiefe Löcher in Herz und Seele, sondern schlägt dich zusätzlich jeden Tag aufs Neue KO. Rocky wüsste wahrscheinlich, wie man immer wieder aufsteht und weiterkämpft. Aber wer von uns ist für einen Nahkampf in Liebesdingen wirklich gewappnet?

Alleine schlafen, wie soll das gehen?

Ich nicht. Daher wusste ich auch nicht, wie ich mich zuversichtlich und in der Hoffnung auf bessere Zeiten dem Zurückgeblieben stellen sollte: unserer Wohnung. Denn diese schrie mich jeden Tag aufs Neue von allen Wänden, aus allen Ecken und mit voller Wucht an, dass etwas fehlte und nichts mehr so war, wie es Tage zuvor noch gewesen ist. Das Bett kam mir zu groß vor. Alleine schlafen, wie soll das gehen? Nicht mal ein Kaffee am Morgen konnte meinen Start in den Tag erträglich machen. Denn der Platz, an dem zuvor die Kaffeemaschine gestanden hatte, war leer. Wenn ich den Kühlschrank öffnete, glaubte ich, in einer fremden Küche zu stehen. Die Bio-Vollmilch neben meiner Sojamilch fehlte. Die sonst so prallgefüllte Käsedose war leer. Beim Abendessen musste ich mich mit mir selbst oder den Leuten im Fernsehen unterhalten. All diese Kleinigkeiten sind mit ihm gekommen, um letztlich doch wieder zu gehen.

In solchen Momenten wünschte ich mir sehnlichst, ein WG-Casting veranstalten zu können, um einen neuen, noch besseren Ersatz zu finden. Einfach nur, um die Lücken im Regal zu schließen, die Leere zu füllen, um mich in meinen eigenen vier Wänden endlich wieder wohl zu fühlen. Noch lange Zeit nach der Trennung war ich dort nicht mehr wirklich Zuhause. Wenn ich Post aus dem Briefkasten fischte, war sie natürlich für ihn. Wenn ich im Treppenhaus meine 86-jährige Nachbarin traf, fragte sie natürlich nach dem feschen Burschen mit Dreitagebart. Wie sollte so aus unserer Wohnung plötzlich meine werden?

Gleichzeitig wollte ich natürlich keinen Ersatzmitbewohner. Ich wollte ihn. Und so hoffte ich Tag für Tag, dass er sich doch bei mir melden oder ein zweites Mal vor der Wohnungstür stehen würde, weil er seine Entscheidung bereute und diesmal bleiben wollte. Dass dies nicht passieren würde, wollte ich nicht verstehen, erst recht nicht akzeptieren.

„Hallo. Wann kann ich meine Matratze und mein Fahrrad abholen?“

Immer mehr Zeit verging, meine Freunde machten sich Sorgen, versuchten mich abzulenken. Ich hoffte weiter. Warten wird ja bekanntlich belohnt und so sollte es auch sein. Eines Abends, ich wollte nur einen raschen Blick auf die Uhr meines Handys werfen, las ich seinen Namen auf dem Display. Erst beim zweiten Hinsehen realisierte ich, dass es keine Einbildung war. Mein Puls schoss schlagartig in die Höhe. Obwohl ich mir diesen Augenblick so oft ausgemalt hatte, traf es mich völlig unerwartet. Egal, wie oft man eine Situation in Gedanken durchspielt, es gibt Dinge, auf die man sich nicht vorbereiten kann. So saß ich also mehrere Stunden mit dem Handy in der schweißnassen Hand in der Mitte unseres Wohnzimmers und traute mich nicht, die Nachricht zu öffnen. Unzählige Gedanken schossen mir dabei durch den Kopf. Bereute er es doch? Wollte er uns zurück? Was würde ich machen, wenn? Umso ernüchternder war der Augenblick der Wahrheit: „Hallo. Wann kann ich meine Matratze und mein Fahrrad abholen?“

Die darauffolgenden Tage verbrachte ich hauptsächlich im Bett. Ich weinte, verfluchte ihn, schrie die leeren Bilderrahmen an, schlief irgendwann vor Erschöpfung ein, wachte auf, heulte weiter, ließ meiner Enttäuschung freien Lauf. Als ich nicht mehr weinen und keine Kraft aufbringen konnte, um weiterhin traurig oder wütend zu sein, stand ich auf und fasste selbst einen Entschluss. Auch wenn ich mir meine Lage nicht selbst ausgesucht und keinen Einfluss darauf hatte, dass er damals gekommen war, um wieder zu gehen, war ich definitiv nicht verpflichtet, zu bleiben.

Andere Frauen ändern radikal ihre Frisur, ihre Garderobe oder suchen sich ein neues Hobby. Ich stellte seine Matratze und das Fahrrad mit einem „Zu verschenken“-Zettel in den Innenhof unseres Mehrfamilienhauses, packte einen Koffer und ging. Wohin, wusste ich nicht. Aber sicherlich nicht, um zu bleiben. Vorerst jedenfalls.