Ich suchte Selbstfindung und bekam Übelkeit: Das erlebte ich auf einem Segeltörn in der Ostsee

Eine Woche Segeln auf der Ostsee bedeutet Smartphone ohne Empfang, dafür Nachtwachen und Kombüsendienst. Kommen wirklich die großen Einsichten, wenn man tagelang auf einem alten Holzkahn festsitzt?

Die Seute Deern, im Hintergrund Blau, soweit das Auge reicht. © Alexander Moritz

Windstärke sieben auf der Ostsee vor Dänemark. Die Seute Deern schaukelt im Wasser, die alten Holzplanken knarren und quietschen. Über die Reeling brechen erste Wellen – ich tue das gleiche. Seekrank nach einem Tag. Hätte ich doch lieber zum Backpacking nach Südostasien fliegen sollen, so wie alle anderen?

Nein. Ich würde sofort wieder an Bord gehen.

[Außerdem auf ze.tt: Das Traumschiff ist jetzt eine schwimmende Uni für reiche Kids]

Eine Woche von Middelfart, entlang endloser dänischer Küsten zurück nach Flensburg. Früher waren solche Segeltörns Pflicht bei der Ausbildung in der Handelsmarine. Heute kann jede*r mitfahren, zum Beispiel auf einem der vier Schiffe des Vereins Deutsches Jugendwerk zur See Clipper.

Der Kapitän und die Steuerleute sind Profis, der Rest der Mannschaft ist bunt zusammengewürfelt: Studierende, Schulklassen, Segelfans – so sehen die Crews meistens aus. Unsere Mannschaft erinnert dagegen eher an eine Kaffeefahrt. Altersdurchschnitt: Mitte 50. Die meisten fahren schon seit zwanzig Jahren zusammen. Ich ahne: Segeln macht süchtig.

Auf alten Schiffen lernt man Segeln

Die Seute Deern ist ein alter Frachtsegler, eine Zweimast-Gaffelketsch: Alle Segel können von Deck aus gesetzt werden, niemand muss in die Wanten klettern. Puh, einem Höhenangsthasen wie mir fällt da ein Stein vom Herzen. Dort wo die dutzenden Leinen festgemacht sind, haben sich im Laufe der Jahre fingertiefe Kerben in das honigfarbene Holz gescheuert. Einmal um die Welt ist die Seute Deern schon gesegelt, hat Forscher*innen in den Pazifik geschippert und vor Grönland gekreuzt. Kann es ein besseres Schiff für meinen allerersten Segeltörn geben?

© Alexander Moritz

Außenklüverfall holen, Besan andirken, Piekfall fieren – als absoluter Segelnoob verstehe ich am Anfang rein gar nichts. Wenig später stehe ich am Steuerrad, Kurs null-acht-neun. Es fühlt sich unwirklich an, wie beim ersten Mal Auto fahren. Ich erwarte, dass das Schiff jeden Moment explodiert, weil ich einen Fehler mache – aber alles geht gut. Kapitän Piet beruhigt mich: „Ehe ich zur See kam, hab ich genauso blöde geguckt. Da musste dir nix bei denken. Mach dat mal sorum. Ferdich.“

Jede*r an Bord muss mit anpacken, die acht Segel hieven sich nicht von alleine nach oben. Dazu kommt Kartoffelschälen in der Kombüse. Und Nachtwachen – damit das Schiff nicht vom Kurs abkommt oder im Hafen von Betrunkenen geentert wird.

Das Schiff ist ein großer Abenteuerspielplatz. Auf der Brücke erklärt mir Steuermann Jochen, wie man die Seekarten liest, das Wetter beobachtet, die Position bestimmt. Weil sich der magnetische Nordpol verschiebt, muss man beim Navigieren mit dem Kompass immer auch an die sogenannte Missweisung denken. Als ich den Kurs einzeichnen soll, habe ich zum ersten Mal seit der Schule wieder ein Geodreieck in der Hand. Parallelverschiebung – da war doch was.

Und natürlich: Knoten lernen. Die Schlange kommt aus dem Teich, wickelt sich um den Baum und geht wieder zurück in den Teich. Zack feddich, Palsteek. Falls man mal eine Schlinge braucht, die sich nicht zuzieht.

Dat jefällt mir gor nich“, grummelt Kapitän Piet beim Blick auf die Wolken am Himmel und klingt dabei ein bisschen wie Käpt’n Blaubär.

Mit 82 ist Piet sogar noch ein paar Jahre älter als die Seute Deern. Als Piet anfing, zur See zu fahren, gab es weder GPS noch Frachtcontainer. Statt im Ruhestand an Land zu bleiben, fährt er immer noch bei Clipper. Und schnackt unentwegt: von Kaffeelieferungen in die DDR und Altnazis in Argentinien. An Bord hat man eben viel Zeit für Seemannsgarn. Was soll man auch anderes tun, als miteinander zu reden?

Steuermann Paul will früher mal Bodyguard eines Wiener Zuhälters auf dem Hamburger Kiez gewesen sein. Seit er ein Bein verloren hat, tritt er auf Hafenfesten als Pirat auf. An Bord lerne ich Leute kennen, mit denen ich sonst wohl nie gesprochen hätte. Vereint in der Sehnsucht nach Freiheit vor dem Wind.

In sieben Tagen schaue ich nur zweimal kurz auf mein Smartphone. Statt ständiger Facebookberieselung und Spotifyplaylisten gibt es hier analoge Unterhaltung: Shantys singen und Dosenbier. Rolling home across the sea. Alle haben seit Tagen nicht geduscht. Irgendjemand erzählt vom großen Wachstumspotenzial beim Markt für Erwachsenenwindeln. „Ruhe im Puff“, ruft Kapitän Piet durch die Kombüse. Wie auf jeder WG-Party findet die echte Geselligkeit natürlich in der Küche statt. Dazu Trinksprüche in tausend Sprachen. Ein Festival ist nichts dagegen.

So geht Entschleunigung

Auf dem Schiff vergeht die Zeit anders. Acht Uhr Frühstück, Leinen losmachen, Segel setzen. Drei Stunden muss man Wache halten, das Schiff steuern, Ausguck gehen und die Segel trimmen, wenn der Wind sich ändert. Nach dem Mittagessen wird der Stromgenerator abgestellt. Danach unendliche Ruhe. Das ist das Wunderbare: Man kann nichts tun, außer auf den Wind zu warten.

Der große Belt fühlt sich so weit entfernt von der Welt an, wie ein Camp im tiefsten Dschungel. 36 mal sieben Meter Holzplanken, rundherum nur die petrolfarbene Ostsee. Das Meer ist eine Wildnis. Von der Backskiste am Heck sehen die Wellensattel aus wie Blaubeerbaiser. Zeit für ein Nickerchen.

In einer der 30 Kojen unter Deck schlafe ich wie in einem Kleiderschrank. Privatsphäre habe ich kaum, aber das ist schnell egal. Über jeder Matratze hängt eine orange Rettungsweste an der Decke. Von außen platschen die Wellen gegen die Holzplanken, aus der Koje nebenan dröhnt das Schnarchen eines Mitseglers. Doch die Seeluft und das deftige Essen machen müde, langsam wiegt einen die alte Seute in den Schlaf. Was könnte es Schöneres geben?

[Außerdem auf ze.tt: Franzose segelt mit Henne um die Welt]

Eine Woche segeln auf der Ostsee ist ein wohl dosiertes Abenteuer direkt. Ein bisschen Bewegung, ein bisschen Seemannsgarn, gemeinsam gegen das Meer und den Wind. Die wirklich großen Einsichten kamen mir nicht. Aber es war sehr entspannend, einfach mal nichts zu tun, den Wind und die Sonne zu genießen. Und dafür musste ich nicht mal fliegen.


Für Studierende, Schüler und Azubis kostet ein einwöchiger Trip um die 400 Euro, Verpflegung inklusive. Mindestalter: 15 Jahre. Ahoi.