Ergreifendes Projekt: 18 Jahre lang jeden Tag ein Polaroid – bis zum Tod

Jamie Livingstons Fotoprojekt ist ein intimer und bewegender Einblick in die Schönheit eines einzelnen Lebens.

Verirrt man sich im Internet auf den Blog Jamie Livingston: some photos of that day ist man zunächst etwas ratlos. Eine karge Website mit vielen, vielen Fotos. Keine Bildbeschreibungen, keine Quellen. Nichts, was darauf schließen lassen könnte, wem diese Fotos gehören. Wer aber die Zeit aufbringt, sich durch mehr als 6.500 Bilder zu scrollen, versteht. Hinter der Website steckt die bewegende Geschichte eine Mannes, der 18 Jahre lang jeden Tag ein Polaroid-Foto machte. Und die Geschichte seiner Freund*innen, die sich so immer an ihn erinnern können.

[Außerdem auf ze.tt: Was der Gedanke an den Tod für mein Leben bedeutet]

Es begann am 31. März 1979. Der damalige Student Jamie Livingston machte mit einer Polaroid SX-70 ein Bild von zwei Freundinnen. Es gefiel ihm. Von da an machte er täglich ein Foto mit der Kamera. Er dokumentierte jede Facette seines Lebens, wichtige und unwichtigere Stationen, schoss Fotos von seiner Familie, von Freund*innen, von ganz alltäglichen Dingen seiner Heimatstadt New York City.

Der 30. März 1989. Zu diesem Zeitpunkt hat Jamie schon Tausende Fotos gemacht. © Jamie Livingston

Am 25. Oktober 1997 starb Jamie, nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Wir, als Betrachtende der Fotos, sind dabei: Bei seinem Job, er machte Filme und Promovideos für MTV. Bei seinen Reisen, den emotionalen und den körperlichen. Wir lernen sein Wesen kennen, wir verstehen seinen Humor, wir nehmen Teil an seinen Beziehungen, seinen Freuden, seinen Schmerzen. Wir sehen die Narbe, die durch die Hirnoperation entstand. Wir sehen, wie ihm die Haare ausfallen und auch den Verlobungsring, den er seiner Freundin gab, kurz bevor er im Alter von 41 verstarb.

„Eigentlich sollte die Fotos niemand sehen“

Womöglich war Jamie selbst nicht bewusst, welche ungeheure Stärke in seinem Projekt lag – in allen Bildern ist auch der Geist der damaligen Zeit fühlbar, und wie viele verschiedene Leben sein eigenes beeinflussten. Sein langjähriger Freund Hugh Crawford versprach ihm, die Tausenden Fotos zu verwalten, zu katalogisieren und zu pflegen. Die Website entstand als sehr persönliches Projekt, weil er und Jamies Freund*innen sich so an ihn erinnern wollen.

Hugh erzählte das dem Guardian, nachdem ein Autor der Zeitung auf die Seite stieß und ihn kontaktierte. „Jamie machte das etwa einen Monat lang, bevor er realisierte, dass es etwa ein Foto am Tag war. Dann gab er sich selbst das Versprechen, weiterzumachen“, sagt Hugh über Jamie. „Es gibt diese Menschen, die kurzzeitig brillante Dinge machen, in einer irren Geschwindigkeit oder kreativen Ausbrüchen. Aber er war eher ein ruhiger, zurückgenommener und fokussierter Typ – und machte großartige Dinge. Ein Teil der Wirkung der Website ist, dass Jamie nicht der Topmodel-Typ war. Er lebte ein unglaubliches Leben, aber es steckt eine Art Jedermann-Qualität in den Fotos.“

Jamie Livingston porträtierte sein eigenes Leben. Und was es bedeutet, zu leben. Oder wie Steve McKenzie, ein Kommentator des Blogs, es ausdrückt:

Was diese Bilder so kraftvoll macht, ist, dass wir unser eigenes Leben durch sie sehen.“

Auch wenn Jamies Projekt kaum Geheimnisse über seine Zeit offen lässt: „Ein Rätsel gibt es noch“, sagt Hugh, dessen eigenes Leben durch die Bilder nachgezeichnet ist. Auf frühen Fotos taucht hin und wieder wieder eine Frau auf. Niemand im Freundeskreis weiß, wer sie war. Eine Freundin? Eine Geliebte? Vielleicht finden sie es irgendwann heraus, je bekannter die Fotos werden.

Auf der Website suchen sich Menschen mittlerweile das Foto von dem Tag heraus, an dem sie Geburtstag haben oder beschreiben einschneidende Erlebnisse. Eine schöne Geste. Hugh erlaubte uns, Jamies Fotos in einer Galerie zu zeigen.