Erste gemeinsame Wohnung: Wenn Besuch aus der Heimat kommt

Wenn man zum ersten Mal Besuch in der ersten gemeinsamen Wohnung empfängt, entblößt man sich als Paar. Die gemeinsame Wohnung wird zum Spiegel der Beziehung – und dieser Spiegel soll bitte alles unbedingt in ein gutes Licht rücken.

© Lea zeichnet

"Nett habt ihr's hier!" © Lea zeichnet

ze.tt-Redakteur Till ist vor Kurzem mit seiner Freundin zusammenzogen, in dieser Kolumne schreibt er darüber. Die ersten beiden Teile über den Einzug und den ohrenbetäubenden Sex der Nachbarn könnt ihr hier nachlesen.

In der Vergangenheit ertappte ich mich oft dabei, die Wohnungen von Freund*innen, die in einer Beziehung leben, bei Besuchen in bester Sherlock-Holmes-Manier zu analysieren. Welche Farbe haben die Wände? Wessen Möbel stehen wo? Welches Geschirr hat’s in den Schrank geschafft, welche Poster landeten im Müll? Die DNA einer Beziehung kann man womöglich am besten daran ablesen, wie die gemeinsame Wohnung eingerichtet ist.

Erst kürzlich waren meine Freundin und ich etwa zu Besuch bei einem bekannten Pärchen. Die ganze Wohnung trug ihre Handschrift. Sein Einfluss auf das Zuhause war faktisch nicht zu spüren. Ähnlich wirkte auch ihre Beziehung: Wie sie es wollte, wurde es gemacht.

Es ist manchmal schon lustig, wie sich die Kreise schließen: Kürzlich kamen wir selbst in die Situation, dass unsere Wohnung und unsere Beziehung von außen analysiert wurden. Erstmals kam eine Freundin aus dem Süden für einen längeren Besuch vorbei. Unsere Wohnung/Beziehung lag wie auf dem Präsentierteller vor ihr.

Die kleinen Eigenheiten

Ich kenne unsere Besucherin seit etwa einem Jahr, also seit ich mit meiner Freundin zusammen bin. Die beiden sind schon seit vielen Jahren befreundet. Zuhause besuchte man sich im Elternhaus oder in der WG, traf sich uns zum Ausgehen ganz klassisch in Bars oder Clubs. Jetzt verbrachte sie das verlängerte Wochenende bei uns in der Hauptstadt.

Sie übernachtete auf einer 1,40-Meter-Luftmatratze im Wohnzimmer. Ansonsten war unsere Wohnung ihre Wohnung. Während der Woche arbeiteten meine Freundin und ich jeweils bis abends, am Wochenende waren wir gemeinsam unterwegs. Wir hatten Spaß, zeigten ihr ein paar Orte in der Stadt, landeten auf Absacker in Bars. Grundsätzlich fühlte sich das alles nicht anders an, als wenn wir damals in der Heimat zusammen unterwegs waren.

Trotzdem war da noch was in der Luft: das Wissen, dass sich auch unsere Wohnung/Beziehung lesen lassen würde wie ein Buch. Das gemeinsame Einrichten folgte Dynamiken, die wir als Paar so nicht unbedingt unter Kontrolle hatten. Es war ein Prozess aus Kompromissen, in den alles reinspielte, das unsere Beziehung ausmacht: kleine gemeinsame Vorlieben, Erfahrungen, finanzielle und zeitliche Umstände.

Schaut man sich das aus der Außenperspektive an, bildet das die Partnerschaft schon ziemlich gut ab. Auch wenn unsere Besucherin nicht mit prüfendem Blick alle Winkel der Bude ablief – sie wird sicher etwas aufgenommen haben. Entweder hat sich ihr Bild von unserer Beziehung in ihrem geistigen Auge dadurch bestärkt oder es verändert.

Mir fiel das alles erst auf, als unsere Besucherin schon wieder in die Heimat gefahren war. Meine Partnerin aber versetzte sich – bevor ihre Freundin die Wohnung das erste Mal betreten hatte – ganz bewusst in sie, interpretierte ihre Reaktionen. Die beiden Mädels kennen sich schließlich schon lange, können sich ganz anders einschätzen.

Unsere Beziehung von der Außenlinie

Das alles ist ganz normal, es passiert halt. Meiner Erfahrung nach wird über so etwas unter Freund*innen aber sehr selten gesprochen. Zurück zum eingangs erwähnten Beispiel, dem Pärchen, das wir besuchten: Man merkte einfach, dass sie den Wohnraum nach ihren Vorstellungen gestaltet hatte – und er ließ sie gewähren. Weil sie ihn beim Thema Deko überstimmte? Oder weil es ihm einfach nicht so wichtig ist, wie die Wohnung aussieht, weil er andere Prioritäten hat?

Ich mache mir darüber dann schon so meine Gedanken – aber behalte es für mich. Oder ich spreche mit Dritten darüber, selten aber mit denen, um die es geht. Aus Angst, meine Annahmen oder Urteile könnten irgendwie verletzend oder unpassend sein. Ab dem Moment bekommt man tiefen und intimen Einblick, vielleicht auch etwas unfreiwillig. Woher soll man sich das Recht nehmen, die Wohnung/Beziehung vor dem Paar zu kommentieren? Und ist man selbst in der Position des Paares, könnte man sich natürlich von der Frage verrückt machen lassen: Wie zur Hölle sehen uns die Anderen nach ihrem Besuch jetzt eigentlich?

Es gibt aber einen besseren Weg, der macht einen nicht so träge und platt: Wenn man die Erkenntnis erlangt hat, dass Außenstehende sich ebenso ihre Gedanken über die eigene Beziehung machen, wenn sie zu Besuch sind; wieso das Wissen nicht nutzen? Zum Beispiel, um ihren außenstehenden Blick anzunehmen und zu reflektieren. So wird der Besuch auch zu einem Spiegel für die Beziehung. Wenn man zu sich selbst in Distanz geht, sieht man häufig klarer.

Als unser Besuch weg war, bin ich nochmal durch unsere Wohnung gegangen – und habe mir das alles von der Außenperspektive angeschaut: unsere Longboards, die da jetzt im Flur hängen. Die Hängematte, die wir durchs Wohnzimmer gespannt haben. Die Pflänzchen, die überall rumstehen. Auch wenn ich nicht weiß, was unsere Besucherin nun über uns denkt: Irgendwie wirkt das alles harmonisch. So, als müsste es so sein. Wir beide haben entschieden, dass die Wohnung so aussieht, wie sie aussieht. Es fühlt sich richtig an. Das zeigt mir, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.


Ich blicke regelmäßig auf die Zeit in unserer ersten gemeinsamen Wohnung zurück und berichte über meine Erfahrungen. Ich freue mich auch über eure persönlichen Geschichten zum Thema: Schickt sie mir unter till.eckert@ze.tt.