Erstwähler*innen: Kein Bock auf konservativ

Populismus, Flüchtlingskrise und Zerfall der Volksparteien – wie wichtig ist es, heutzutage wählen zu gehen? Unsere Autorin hat mit einer Berliner Schulklasse gesprochen.

Jungwähler*innen haben kaum eine Chance, ihre Werte in der Politik anzubringen. Das führt zu Verdruss bei der Jugend. © Teresa Sickert

Am Berliner Arndt-Gymnasium wandelt man auf breiten alten Fluren und Treppen. Es ist ein Schulgebäude, wie man es aus Filmen oder dem Fernsehen kennt. Der Abikurs, den ich besuche, findet im Schulhof statt. Dort stehen weiße, provisorische Container: Hier wird Politik unterrichtet.

Als es klingelt, sitzen die Schüler*innen im Alter von 16 bis 18 Jahren bereits an ihren Plätzen: Mädchen und Jungen, Weiße, Schwarze, mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen. Berliner Multikulti halt. Obwohl sie so verschieden sind, sind sich die angehenden Abiturient*innen in einem Punkt einig: Keiner hat Bock auf Politiker*innen, die sich mit viel Rummel um nichts in den Vordergrund rücken. Stichwort Trump, Putin oder AfD-Höcke.

Am Arndt-Gymnasium will man mitbestimmen

Diese Wähler*innen wollen sich eigentlich gar nicht mit Themen wie Flüchtlingskrise, Globalisierung, Überwachung oder Brexit beschäftigen. Viele der Schüler*innen am Arndt-Gymnasium wollen aktiv mitbestimmen. Wie zum Beispiel Anna. Die Meinung der 17-Jährigen zum Brexit ist folgende: „Ich seh‘ da durchaus auch Verantwortung bei mir selbst, dass ich mich politisch engagiere, damit es in Zukunft nicht mehr zu solchen Entscheidungen kommt.“

[Außerdem auf ze.tt: Der neue Kanzlerkandidat: Feel the Schulz?]

Die meisten der Schüler*innen vom Arndt-Gymnasium haben vor wenigen Monaten zum ersten Mal auf kommunaler Ebene gewählt. Einige dürfen und wollen im kommenden September bei ihrer ersten Bundestagswahl ein Kreuz setzen.

Junge Menschen sind unterrepräsentiert

Die von mir besuchte Schulklasse scheint ziemlich vorbildlich zu sein. Der tatsächliche Trend ist, zumindest nach Statistiken der Konrad Adenauer Stiftung, dass sich die Altersgruppen der Erstwähler*innen in den vergangenen Jahren immer weniger für Politik interessieren und erst gar nicht zu Wahlen gehen.

Vergleicht man den Anteil verschiedener Altersgruppen aller Wahlberechtigter, mit denen, die dann tatsächlich wählen, sieht man: Aufgrund des hohen Nichtwähleranteils sind Erstwähler*innen und junge Erwachsene in Deutschland zwischen elf und 15 Prozent in Bezug aufs finale Wahlergebnis unterrepräsentiert (PDF). Dadurch, und durch die meist eher älteren Politiker*innen, finden ihre Wünsche weniger Beachtung.

[Außerdem auf ze.tt: Wie Trump zum Endgegner meiner Generation wurde]

Aktuell sind bundesweit nur acht Prozent der Mitglieder in den großen etablierten Parteien jünger als 30 Jahre, noch viel weniger davon sitzen in den Parlamenten. Für Lili ist das eine große Sache, denn alte Politiker*innen vertreten ihrer Meinung nach vor allem alte Werte. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass auch jüngere Menschen mehr zu sagen haben, weil gerade die dann auch durchsetzen, was sich auch die jüngere Generation vorstellt“, so Lili.

Demokratie ist geil

Junge Menschen wünschen sich laut aktueller Shell Jugendstudie vor allem mehr demokratische Werte. Ein Drittel der deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat eine Migrationsgeschichte in der Familie. Die Angst vor Rechtsextremismus ist größer als die vor Zuwanderung.

Deshalb war die AfD wahrscheinlich bei Erstwähler*innen bislang weniger erfolgreich. Auch Melcher geht es so: „Ich glaube gerade zu den großen aktuellen Fragen hat jeder ein Meinungsbild, zum Punkt Flüchtlingskrise vielleicht, und das schließt natürlich von Anfang an gewisse Parteien aus und andere ein“, findet der 18-Jährige.

© Teresa Sickert

Doch auch die Unionsparteien haben es schwer: Sie schneiden bei den Jungwähler*innen schlechter ab als im Durchschnitt und deutlich schlechter als bei den älteren Wähler*innen über 30 Jahren. Konservativ ist out.

Jung, weltoffen, liberal

Nur leise murmelt einer „CDU“, als ich nach der Partei frage, von denen sich die Abiturient*innen am Arndt-Gymnasium am meisten repräsentiert fühlen. „Grün, Grün!“, rufen die meisten anderen. „Die sind offen gegenüber Migrant*innen und haben eine liberale Drogenpolitik, Sachen, die junge Leute interessieren“, ergänzt Melcher.

Nicht nur an dieser Schule scheinen die Grünen hoch im Kurs zu stehen. Laut den aktuellsten Umfragen zu Jungwähler*innen von Infratest Dima aus dem Jahr 2014, war die Partei bei den jungen Wähler*innen besonders beliebt.

Auch in Großbritannien und den USA sind die Jüngeren deutlich liberaler eingestellt als ihre Eltern oder Großeltern. Fast drei Viertel der britischen Jungwähler*innen stimmten beim Brexitreferendum für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. Bei ähnlich hoher Wahlbeteiligung wie in älteren Altersschichten.

Die Alten überstimmen die Jungen

Doch die vielen konservativen Alten überstimmen ihren liberalen Nachwuchs. Ähnlich war es bei der letzten US-Präsidentschaftswahl. Und auch in Deutschland sind die Jungen einfach zu wenig, um ihre Vorstellungen durchsetzen zu können. Die Demografie macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Dabei sind sie es, die am längsten mit den heutigen politischen Entscheidungen leben müssen.

[Außerdem auf ze.tt: Gorbatschow: Es sieht so aus, als bereite sich die Welt gerade auf Krieg vor]

Khalid machen die Entwicklungen in der Welt Angst. „Weil die Politik beeinflusst ja nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft für die unsere Generation dann verantwortlich sein wird. Und wenn in den nächsten Jahren was Gefährliches gemacht wird für die Zukunft, dann ist das ja auch nicht gut für uns“, sagt der 16-Jährige.

Doch jetzt ist erstmal Pause. Die Schulglocke läutet und die angehenden Abiturient*innen stürmen sofort aus dem Container auf den Schulhof. Für heute reicht’s mit Politik. Die großen Aufgaben kommen noch schnell genug.