Es betrifft alle: Warum wir viel mehr über Geschlechtskrankheiten sprechen müssen

Während wir das Thema totschweigen, breiten sich Geschlechtskrankheiten immer weiter aus. Warum sie uns alle betreffen und womit vor allem homosexuelle Männer zu kämpfen haben, erklärt eine Gynäkologin.

Wen juckt's? Quelle: Alejandra Quiroz / Unsplash / CC0

Hand hoch: Wer erzählt guten Freund*innen alle Details über den letzten Quickie auf der Clubtoilette? Wer experimentiert gerne im Bett? Wer würde sich sexuell aufgeklärt nennen? Viele Hände schnellen gerade hoch. Und wer bringt beim Kneipenabend auch mal das Thema Geschlechtskrankheiten auf den Tisch? Die Hände wandern wieder runter. Leute, wir müssen reden.

Unsere Generation ist sexuell offener und aktiver wie noch keine andere zuvor. Wir können uns am gesamten Regenbogenspektrum der Sexualität bedienen, uns ausprobieren und voller Stolz zeigen. Doch diese Offenheit hat noch immer Grenzen: Beim Thema Geschlechtskrankheiten verstummen wir plötzlich.

HIV hat es geschafft, sich einen Weg in unser Bewusstsein und unsere Gespräche zu bahnen. Doch während die Ansteckungszahlen zurückgehen, breiten sich im neben dem Schreckensthema HIV lange unbeachtet andere Geschlechtskrankheiten aus.

Die meisten sexuell aktiven Menschen haben mindestens einmal im Leben eine Geschlechtskrankheit.“ – Weltgesundheitsorganisation

Sexuell übertragbare Infektionen (STI) neben HIV wie Syphilis oder Chlamydien erleben ein großes Comeback, das ergab eine Studie des Robert Koch Instituts. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr als doppelt so viele Neuansteckungen pro Jahr mit Syphilis wie mit HIV. Auch bei nicht meldepflichtigen Krankheiten wie Chlamydien berichtet medizinisches Fachpersonal von einem starken Anstieg der Fälle. Unerkannt können diese Krankheiten schwere Folgen wie Unfruchtbarkeit oder Krebs haben. Zudem erhöhen sie das Risiko, sich mit HIV anzustecken.

Wer jetzt denkt, Geschlechtskrankheiten wären nur ein Problem für homo- oder bisexuelle Männer, der hat weit gefehlt: Tatsächlich haben laut WHO die meisten sexuell aktiven Menschen mindestens einmal im Leben eine Geschlechtskrankheit. Doch darüber reden fällt schwer. Nur wenige finden den Mut, es so offen anzusprechen wie Layla Martin in ihrem Video.

Wie Layla fürchten sich viele Menschen mit Geschlechtskrankheiten vor den Vorurteilen anderer. Sie haben Angst, als ungepflegt oder promiskuitiv zu gelten, und davor, dass ihre Partner*innen sich vor ihnen ekeln könnten. Aus Scham behalten sie die STI lieber geheim.

„Es ist halt nicht sexy, eine Geschlechtskrankheit zu haben“, bringt es Frau Leins, Gynäkologin im Gesundheitsamt Stuttgart auf den Punkt. Wer jemand neues kennenlernt, möchte sich von seiner besten Seite zeigen und den anderen nicht mit seinen vermeintlichen Fehlern konfrontieren. Warum es aber dringenden Gesprächsbedarf gibt, zeigen die steigenden Fallzahlen.

Wie häufig sind Geschlechtskrankheiten wirklich?

  • Syphilis

Der enorme Anstieg der Syphilis-Infektionen ist alarmierend. In Deutschland sind allein im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr Fälle als im Vorjahr gemeldet worden, insgesamt waren es mehr als 7.000. Vor allem homosexuelle Männer sind von der Syphilis betroffen. Angesichts der enormen Ausbreitung wird die Krankheit aber auch in heterosexuelle Kreise überschwappen, schätzt Frau Leins.

  • Chlamydien

Sie kommen insgesamt am häufigsten vor. Gerade unter heterosexuellen Paaren sind sie weit verbreitet und bleiben als stiller Schläfer oftmals unentdeckt. Denn eine Infektion mit Chlamydien kann lange ohne auffällige Symptome verlaufen – bis sie eines Tages beim präventiven Screening erkannt wird. Frauen wie Männer können also mit unerkannten Chlamydien leben und währenddessen weitere Partner*innen anstecken. Daher gibt es bei den Chlamydien eine große Dunkelziffer, sagt Gynäkologin Frau Leins. Auf fünf Millionen Fälle pro Jahr schätzt die WHO die Neuinfektionen in Europa. Unbehandelt können Chlamydien bei Männern und Frauen zur Unfruchtbarkeit führen.

  • Hepatitis

Doch auch die Hepatitis B hält sich hartnäckig: Seit zwei Jahren schießen die Fallzahlen in die Höhe und erreichten 2016 ein Rekordhoch von 3.000 Neuinfektionen in Deutschland. Laut Robert Koch Institut sind vor allem junge Männer von Hepatitis B betroffen. Zudem gab es in diesem Jahr einen massiven Ausbruch von Hepatitis A unter homosexuellen Männern. Hepatitis verläuft zunächst unauffällig, fühlt sich wie eine Erkältung an, kann jedoch langfristig die Organe und vor allem die Leber schwer schädigen.

  • HPV (Humane Papillomviren)

Für Frauen wiederum ist HPV ein großes Risiko. Die WHO schätzt, dass eine von 100 Frauen in Europa an Gebärmutterhalskrebs in Folge einer HPV-Infektion erkranken wird.

Da viele STIs wie Syphilis, Herpes, HPV und Chlamydien nicht nur beim Sex an sich, sondern auch über den Kontakt mit Warzen, Bläschen, Geschwüren oder Schleimhäuten übertragen werden können, werden sie sehr leicht weitergegeben. Einen sicheren Schutz bieten daher nur Enthaltsamkeit oder Monogamie mit gesunden Partner*innen. Wem dies ein zu hoher Preis ist, der kann das Risiko einer Übertragung deutlich senken, indem er*sie beim vaginalen, analen und oralen Sex Kondome benutzt. Die gute Nachricht: Vor HIV ist man mit richtig verwendeten Kondomen sicher geschützt.

Wissenslücken beim Thema STIs

Großes Vorkommen, wenig Aufklärung? Obwohl andere Geschlechtskrankheiten für die meisten viel relevanter sind als HIV, herrscht hier großes Unwissen. „Im Gesundheitsamt Stuttgart ist es Alltag, dass Menschen kommen, um sich auf HIV testen zu lassen, und dann im Beratungsgespräch merken, dass Chlamydien bei ihnen wahrscheinlicher wären oder man über HPV nachdenken müsse“, so Frau Leins.

Auch die Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) musste feststellen: Bei der Frage nach Geschlechtskrankheiten bekommt man vor allem fragende Blicke zurück.

Quelle: BZgA: „Zahlen, Daten, Fakten – Ganzheitliche Prävention zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI)“, 2016

Klar, von Syphilis und Gonorrhöe (Tripper) hat fast jede*r schon einmal gehört. Sie kommen ja häufig genug in pubertären Witzen vor. Weniger bekannt sind dagegen Hepatitis, Herpes und andere STIs. Chlamydien kennen nur 14 Prozent der Befragten, obwohl sie die am häufigsten vorkommende Geschlechtskrankheit sind.

Auf die Frage, woher diese Wissenslücken kommen, erklärt Frau Leins: „Der Fokus der Aufklärung sowohl vom Bund als auch in der Schule lag ganz lange auf HIV. Über andere Krankheiten wurde viel weniger gesprochen, weswegen heute auch weniger Wissen da ist. Aber das ändert sich momentan.“

„Juckt’s im Schritt?“, werden wir derzeit überall an Bushaltestellen und Bahnhöfen auf Plakaten gefragt. Mit dieser Kampagne möchte die BZgA mehr Bewusstsein für STIs schaffen, auch außerhalb von HIV. Doch wohin geht man, wenn es denn juckt?

Habe ich eine STI? Die Checkliste für Symptome:

  • Schmerzen beim Wasserlassen und vaginalen oder analen Sex
  • Ausfluss aus Vagina, Penis oder After
  • Hautveränderungen wie Warzen, Knoten, Geschwüre, Bläschen oder Ausschlag
  • Unangenehmer Geruch im Intimbereich

Defizite bei Ansprechpartner*innen, vor allem für homosexuelle Männer

Für Frauen ist der Weg recht eindeutig: auf zum Frauenarzt. Männern fällt die Entscheidung schwerer, sie stehen oft ratlos alleine da: „Zum Urologen hat man erst mal keinen Kontakt, schämt sich vielleicht sogar vor einem Besuch und bekommt schwierig Termine. Diese Männer landen dann häufig in unserer Sprechstunde“, so Frau Leins.

Frauen wie Männer stoßen bei ärztlichem Fachpersonal leider zuweilen auf taube, weil gestresste Ohren. Laut dem Ärzteblatt nimmt es sich durchschnittlich acht Minuten Zeit für jede*n Patient*in. Da überrascht es nicht, dass sensiblere Themen selten angesprochen werden.

„Dass jemand beim Arzt Redezeit bekommt, dass man über Intimpflege, Analverkehr und ähnliche Dinge reden kann, das findet oft nicht statt. Böse gesagt, geht es beim Frauenarzt häufig darum, einen Abstrich zu machen und die Pille zu rezeptieren. Ich glaube, man muss den Leuten Zeit geben, damit sie mit ihren Sorgen und Fragen überhaupt herausrücken. Wenn sie merken, da ist keine Zeit, dann fangen sie nicht an, über Probleme zu reden“, schildert Frau Leins die Situation mancher Patient*innen.

Hier kommen Männer, die sagen, der Urologe sei rot geworden, als sie ihm gesagt haben, dass sie schwul sind.“

Gerade homosexuelle Männer, die zu den Risikogruppen bei STIs zählen, haben Schwierigkeiten, geeignete Ansprechpartner*innen zu finden. Frau Leins hat im Gesundheitsamt schon einige Geschichten wie diese gehört: „Hier kommen Männer, die sagen, der Urologe sei rot geworden, als sie ihm gesagt haben, dass sie schwul sind. Der Arzt hat das Thema dann beendet und wollte nicht darauf einsteigen. Für homosexuelle Männer ist es oft schwierig, mit Ärzten über STIs zu reden, wenn diese sich nicht einmal auf die Frage nach sexueller Orientierung einlassen.“

Das wirkt sich auch auf die Erkennung von STIs aus. Eine EMIS-Studie fand heraus, dass hierzulande nur bei 20 Prozent der homosexuellen Männer während ihres STI-Tests auch der Penis und Anus untersucht wurden. Ohne diese Untersuchungen können jedoch Gonokokken, Herpes oder Chlamydien, die sich nicht im Blutbild zeigen, nicht entdeckt werden. Ob dies an Wissenslücken beziehungsweise den Berührungsängsten von manchen Personen im ärztlichen Dienst liegt oder an der verschwiegenen sexuellen Neigung seitens des Patientens, lässt sich nur erahnen.

Lasst unsere Offenheit nicht beim Thema STI aufhören

Diese Kultur der Scham können wir ändern. Wo Sex und Intimität ist, da sind auch Infektionen oft nicht fern. STI gehen alle etwas an. Daher sollten wir das Schweigen endlich beenden, uns informieren (zum Beispiel hier) und verantwortungsvoller mit Geschlechtskrankheiten umgehen.

Unsere Regenbogenkultur der Sexualität ist großartig und eine tolle Errungenschaft unserer Zeit. Sie macht unser Leben bunter und aufregender. Also lasst uns nicht dort, wo der Regenbogen in der Realität ankommt, damit aufhören, sondern eine Kultur der Offenheit leben, die auch Imperfektion zulässt.

What keeps the shame alive is secrecy“, sagt uns Leyla im Video. Wir können die Generation sein, die die Scham durchbricht und wahre sexuelle Aufklärung lebt.

Wie kann ich mich auf STIs testen lassen?

  • Kostenlose und anonyme Tests für HIV (und oft auch andere STIs) in jedem Gesundheitsamt
  • HIV-Schnelltests der AIDS-Hilfe
  • Kostenloses jährliches Chlamydien-Screening für Frauen bis 25 Jahre beim Frauenarzt
  • Blutspenden als Testmöglichkeit für HIV, Hepatitis und Syphilis