Ein großes Eszett? Schafft den Buchstaben lieber ganz ab!

Seit heute gibt es plötzlich ein großes Eszett. Mir fallen spontan null Gründe ein, warum wir es in der deutschen Sprache brauchen.

SCHEIßE! © Stephan Jansen/dpa

Kann eigentlich jemandem zu langweilig werden? Vielleicht dem Rat für deutsche Rechtschreibung? Ja, gell? Der hatte nämlich die glorreiche Idee, die Existenz eines großen, scharfen S zu verkünden. Einfach so. Hatte halt Bock drauf. Jau, Leute, Idee! Scharfes S in groß, genial oder? Einwände? Nein? Bumm!, sagte sicher jemand und dämpfte die Tüte aus.

Geltung: ab sofort. Nutzen: ein halber. Zum einen fallen mir spontan null Wörter ein, die ein großes Eszett benötigen. In der deutschen Sprache existieren keine Nomen, die damit beginnen. Zum anderen: Auch wenn es solche Wörter geben würde, könnte ich sie hier nicht aufzählen – weil sich der neue Buchstabe schlicht und einfach nicht auf der Tastatur befindet. Genauso wenig auf dem Handy oder anderen Geräten mit Buchstaben.

Was bedeutet das jetzt? Werden sämtliche Geräte ausgetauscht oder umgebaut? Wenn ja, wird das große scharfe S auf derselben Taste sein wie das kleine? Wenn ja, was passiert mit dem Fragezeichen? Macht sich keiner Gedanken um das Fragezeichen? Ich habe das gottverdammte Fragezeichen alleine in diesem Text bereits elfmal verwendet.

Das Fragezeichen auf Tastaturen zu verschieben oder gar komplett zu verbannen, würde folgenschwere Auswirkungen nach sich ziehen. Die digitale Welt würde ins Chaos stützen. Trauernde würden zu hunderttausendfach auf den Straßen protestieren. Wir würden langfristig die Fähigkeit verlieren, Fragen zu stellen. Auch irgendwann verbal.

Ich stimme für abschaffen

Der halbe Grund, der für die Einführung spricht, sind eigentlich zwei Viertel Gründe. Das eine Viertel ist die „korrekte Schreibung von Eigennamen in Pässen und Ausweisen“. Dein Nachname wird mit scharfem S geschrieben und deine Augen zucken vor Rage, wenn jemand Messner statt Meßner schreibt? Scheiße, dein Leben muss wirklich hart sein. Heulst du eh schon? Gut.

Das andere Viertel besteht aus zwei Randgruppen. Einmal pöbelnde Internettrolle, die pedantisch auf ihre Rechtschreibung achten, während sie ausschließlich in Großbuchstaben AUF DIE SCHEIßPOLITIKER!!!1!!11! schimpfen. Und einmal wahnsinnig unerfahrene Computernutzer*innen. Diejenigen, die so dermaßen unerfahren sind, dass sie vor vielen Jahren einmal unabsichtlich die Umstelltaste gedrückt haben und seitdem gezwungen sind, für immer groß zu schreiben. Für beide Gruppen erleichtert wohl das große scharfe S das Leben immens.

Ich habe eine alternative glorreiche Idee: Wie wäre es, wenn wir das scharfe S generell abschaffen? Klein und groß. Niemand braucht es. Wikipedia sagt – und wenn es Wikipedia sagt, stimmt es – ist das scharfe S heute das einzige Zeichen der lateinischen Schrift, das ausschließlich für die deutsche Sprache verwendet wird. Wie präpotent ist das denn? Statt mehr Überheblichkeit in die deutsche Sprache zu pressen, könnten wir sie vielleicht auch entfernen. Oder wir stehen so hart dazu, dass wir gleich noch mehr davon einbauen: ein Ü mit drei Punkten, spiralförmige Klammern, einen Tripelpunkt? Stellt euch mal vor, wie unsere Tastaturen dann aussehen würden?

Gott im Himmel, macht dich die Macht der deutschen Sprache auch so geil?