„Es gibt diesen Körperkult“ – Warum Schwule eher von Essstörungen betroffen sind als Hetero-Männer

Bulimie, Magersucht oder Binge-Eating treten unter homosexuellen Männern sehr viel häufiger auf als unter heterosexuellen Männern. Drei Betroffene erzählen von ihrem persönlichen Unbehagen.

Coming-out, Diskriminierung, Mobbing, sexuelle Gewalt sind die häufigsten Ursachen von Essstörungen. © Svea Anais Perrine. / photocase.de

Das Gespräch in einem Café oder Restaurant führen? Auf keinen Fall! Alexander erklärt, wieso ihm ein Treffen im Park sehr viel lieber ist. „Es wäre doch sicher im Artikel gelandet, was ich gegessen und getrunken habe, darauf habe ich keinen Bock. Ich möchte nicht, die ganze Zeit so beobachtet werden“. Ein gewisses Misstrauen also, Alexander möchte nicht als Opfer gesehen werden. „Es nervt mich, auf diese Fehler reduziert zu werden, eigentlich geht es mir ja gut“. Eigentlich. Denn Alexander macht sich Sorgen darum, eine Essstörung zu haben.
 Alexander ist 23 Jahre alt. Er hat kein Problem damit, sich selbst als schwul zu bezeichnen. Schwieriger fällt es ihm, sich selbst als essgestört zu bezeichnen. So wie ihm geht es vielen homosexuellen Männern.

Laut einer Studie der Columbia University litten in den USA bereits mehr als 15 Prozent der homo- und bisexuellen Männer an einer Essstörung. Bei heterosexuellen Männern hingegen sind es nur fünf Prozent. In Deutschland liegen diese Werte in einem ähnlichen Bereich. Die Studie aus dem Jahr 2007 gilt immer noch als wichtigste Quelle für diese Problematik. Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Frauen gibt es laut der Studie nicht. Jedoch sind Frauen insgesamt häufiger von Essstörungen betroffen als Männer. Die Gründe scheinen auf der Hand zu liegen: Die Glorifizierung von muskulösen, schlanken Körpern in der schwulen Szene. Die Werbung zeigt makellose Männer – da haben zu viel Fett und vermeintliche Unförmigkeit keinen Platz. Doch diese Antwort ist zu einfach.

Solang sie fit aussehen, sind sie nicht krank

Alexander geht mindesten viermal in der Woche zum Sport. Im Fitnessstudio kennen die Leute ihn. Er tauscht sich hier gerne mit anderen über ihre Sport-Routinen aus. Welche Übungen an welchen Tagen, welches Essen davor und danach eingenommen werden darf. Und vor allem: welches nicht. Über seine Sexualität spricht er hier nicht, im Studio ist er nicht geoutet.

Per Handschlag begrüßt er seine Sport-Freund*innen vorm Spiegel, bei den Kurzhanteln. Heute steht ein heftiges Training an: hohe Gewichte, kurze Intervalle. Gekleidet ist er ganz in schwarz, hauteng, kurz.
 Alex, wie er lieber genannt wird, ist strikt. Sein Körper bedeutet ihm viel. „Es ist mir halt wichtig, dass ich männlich aussehe“, sagt er. Er mag es nicht, dass Schwule oftmals als so weich gesehen werden. Dafür setzt sich Alex rund um die Uhr ein.

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Diese Obsession kann schnell zu einer Essstörung werden. Das weiß auch Arnd Bächler, Therapeut bei der Schwulenberatung Berlin. „Es gibt diesen Körperkult unter Schwulen. Das ging in den 90ern los: Männer haben schlank und muskulös zu sein. Dieser Trend verstärkt sich immer mehr. Männer mit starken Muskeln müssen ihr Essverhalten aber extrem kontrollieren. Der nächste Schritt kann da schnell eine Essstörung sein.“

Alexander ist bewusst, dass er sich nicht gesund ernährt. Dass er vielleicht sogar ein Problem hat – sonst hätte er dem Gespräch auch nicht zugesagt, wie er selbst sagt. „Es gibt Phasen, da nehme ich nicht mehr zu mir als meine Eiweiß-Shakes“. Hier in diesem Park mitten in Berlin fällt es ihm einfacher, offen zu sprechen. Es ist ziemlich kühl und diesig, nicht viele Menschen sind zu sehen. Er ist mit seinem Fahrrad gekommen – ein teures Modell – er nutzt jede Minute für Fitness. 
Alex inszeniere sich bewusst als Macher, jemand, der sich von nichts beeindrucken lässt. „Ich mache mir aber schon manchmal meine Gedanken, wenn sich alles in meinem Leben nur noch um mein Training und Ernährung dreht. Aber meine Disziplin ist dann doch stärker als die Selbstzweifel“. An eine Therapie habe er bisher noch nicht ernsthaft gedacht. Dafür gehe es ihm zu gut. Wozu etwas ändern, was bisher doch so einwandfrei funktioniere. Sein Körper funktioniert – bisher.

Selten sind es Menschen wie Alex, die beim Thema Essstörungen im Fokus stehen. Eher ist es Patrick*, der als problematisch gesehen wird. Denn man sieht ihm an, dass es ihm nicht gut geht. Seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen. Zu groß ist die Sorge, seine Familie könnte ihn wiedererkennen. Selbst mit seinen 32 Jahren bereitet ihm das noch Angst.

Für Patrick war es jedoch kein Problem, sich in einem Café zu treffen. Er trinkt sehr gerne Kaffee, aber auf jeden Fall schwarz. Was er heute schon gegessen hat? „Ach, keine Ahnung, ich achte da jetzt nicht so drauf. Blöde Frage.“ Patrick ist zu dünn, das sagen ihm die Ärzte immer wieder. Dating sei daher zum Kotzen. „Mit einem Gesichtsbild kann ich online bei anderen Männern ganz gut punkten, aber sobald nach Körperfotos gefragt wird, bin ich raus.“

Patrick schämt sich für seinen Körper. Er weiß, dass er zu dünn ist, aber es fällt ihm schwer, das zu ändern. Während er seinen Kaffee trinkt, sucht er nach Erklärungen. Zu oft zurückgewiesen worden sei er. Einfach habe er es in seiner Jugend auch nicht gehabt. In einer dörflichen Gegend aufgewachsen, habe er sich selten wohl gefühlt. In der Schule sei oft das Wort Schwuchtel gefallen. Er sei gehänselt worden, gefragt, ob er eigentlich eine Vagina habe. Das Wort Schwuchtel spricht er hier im Café nur sehr leise aus. Das Wort tut ihm noch heute weh. Er blickt unsicher die anderen Gäste an.

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Das Verhältnis zu seinen Eltern sei schwierig gewesen. „Gefreut hat sich keiner über mein Coming-out. Also wurde das Thema im Anschluss einfach totgeschwiegen.“ Während die restliche Verwandtschaft eher übergewichtig ist, hat er das Gegenteil gemacht: Immer weniger gegessen. Auch das wurde von der Familie kaum zur Kenntnis genommen. „Aus heutiger Sicht denke ich, dass ich mich damit von der Familie abgegrenzt habe. Natürlich war das damals aber nicht so von mir geplant.“

Selten ist die Jugend einfach

Diese Probleme kennt Arnd Bächler, Therapeut bei der Schwulenberatung Berlin. „Besonders erwachsene Männer kommen zu uns, die von ihrer Jugend erzählen“. Coming-out, Diskriminierung, Mobbing, sexuelle Gewalt. Das seien die häufigsten Ursachen von Essstörungen. „Die wenigsten Schwulen gehen durch die Jugend und fühlen sich wohl“, betont er. Doch leider würden die meisten Männer erst zu ihnen in die Beratung kommen, wenn es schon richtig schlimm geworden sei.

So ging es auch Yasar*. Auch er möchte seinen Namen nicht nennen, schlägt aber vor, einen Namen zu nehmen, der sowohl für Männer als auch Frauen genutzt wird. 
„Mir war doch immer klar, was ich habe: Bulimie. Was sollte da ein Therapeut schon groß machen? Außerdem hatte ich keine Lust auf diese Pathologisierung.“ So hat er lange Zeit gedacht. Doch dann sei der Leidensdruck immer größer geworden. „Teilweise habe ich drei- bis viermal am Tag gekotzt. Da ging es mir nicht nur körperlich, sondern auch finanziell echt dreckig. Schließlich musste ich vorher Essen kaufen, um irgendwas auskotzen zu können.“

Eigentlich will ich Schönheitsidealen ein großes Fuck You entgegenbrüllen.“

Yasar lebt in einer WG in Neukölln. Gerne wollte er sich hier treffen. „Ich falle ja schon so auf, wenn ich dann noch von Bulimie rede, werden mich doch alle angaffen.“ Tatsächlich sticht Yasar heraus, das will er auch. Er hat gefärbte Haare, die Fingernägel schwarz lackiert. Selbst bezeichnet er sich als queer. Ihm sei egal, ob er männlich oder weiblich wirke – was auch immer es heiße. Auch Körperform und Kleidungsstil würden ihn eigentlich nicht interessieren. Er wolle nichts von den Normen der Gesellschaft wissen – eigentlich. „Das macht mich immer noch am meisten fertig. Eigentlich will ich Schönheitsidealen ein großes Fuck You entgegenbrüllen. Und dann kotze ich doch wieder mein Essen aus.“

Besonders die Tage danach seien für ihn sehr schlimm. „Mit meinem schmerzenden und aufgeblähten Bauch konnte ich dann kaum noch anderen Menschen ins Gesicht blicken.“ Oft habe er dann alle Verabredungen abgesagt. Sex habe er in den schlimmen Phasen eigentlich gar keinen gehabt.
 Heute passiere das jedoch sehr viel seltener. Dank einer Gesprächstherapie habe er die Bulimie größtenteils im Griff. Nur wenn der psychische Stress besonders groß werde, könne es noch passieren, dass er über der Kloschüssel endet. „Die Auslöser sind total schwer zu nennen. Ich denke, da passiert sehr viel unbewusst.“ Mit seinen 27 Jahren versucht er jetzt, ein geregeltes Leben zu führen – trotz seines Studentendaseins.

Wut über das eigene Verhalten

Auch Yasar hatte keine schöne Jugend. Beschissen nennt er sie selbst. Kind türkischer Einwanderer, „und dann auch noch ziemlich tuntig“, wie er selbst sagt. Er benutzt dieses Wort gerne, findet es stark. Viel will er nicht über diese Zeit sagen. Mobbing, geheime Sexdates, irgendwann auch mal Gedanken an Selbstmord. Er sieht die Probleme aber woanders, in den Strukturen. „Selbst wenn ich die Siegessäule aufschlage, prangen mir in jeder Werbung die geilen Muskelmänner entgegen.“ In den Artikeln vieler Schwulenmagazine werde Diversität gepredigt und in den Anzeigen dann ein eindeutiges Männerbild propagiert. „Wir haben da eine Schablone kreiert, die jeden sich schlecht fühlen lässt, der nicht passt.“

Man merkt ihm seine Wut an, die laute Stimme von Yasar hallt in der spärlich eingerichteten WG-Küche wider. Seine Mitbewohner*innen sind gerade nicht zu Hause. Die wissen nichts davon. „Habe keine Lust, da ein Fass aufzumachen, ich habe es ja zum Glück auch so gut wie hinter mir“, sagt er.

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Diese Wut bekommt auch Arnd Bächler in der Berliner Schwulenberatung immer wieder mit. „Das Selbstwertgefühl von vielen Schwulen wurde in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter beschädigt. Es ist eine ungeheure Arbeit, dieses wiederzufinden.“ Dann treffe dieser gefühlte Normierungsdruck, diese Idealbilder in der Schwulenszene, diese Männer besonders stark. „Sein homosexuelles Begehren zu akzeptieren fällt sehr vielen schwer. Oft empfinden diese Männer dann auch ihren Körper als nicht in Ordnung.“ Und dann werde optimiert, sich aufs Essen konzentriert: ganz viel essen, gar nichts essen, obsessives Essen. Diese Fixierung lässt die Betroffenen wenigstens für kurze Zeit das Gefühl von Kontrolle erleben.

Patrick hat inzwischen seinen Kaffee ausgetrunken. Auch er möchte bald mit einer Therapie anfangen. Darüber zu sprechen habe ihm immer mehr die Augen geöffnet. „Das hilft mir. Dieses Gefühl in mir mal in Worte zu packen.“  Gerne würde er ein „normales Leben führen, vielleicht sogar mal heiraten.“

Alex radelt nach dem Gespräch direkt nach Hause. Sport hat er heute schon gemacht, den Abend will er damit verbringen, Serien zu schauen. Das lenke eben auch gut ab, wenn der Magen doch mal etwas lauter knurrt.

Yasar verabschiedet sich an der Tür der WG. Ihm ist wichtig, sich mal zu dem Thema geäußert zu haben. „Es gibt Leute, die leiden da noch viel mehr drunter als ich. Ist jetzt schon einige Wochen her, dass ich gekotzt habe. Ich hoffe, das bleibt so.“


Menschen mit Essstörungen kann geholfen werden. Betroffene können sich an Beratungsstellen wenden, die es in jeder größeren Stadt gibt. Hilfreich zur Seite stehen kann auch das Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

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