Du bist, wie du bist! Ein Plädoyer gegen die Selbstfindungssucht

Statt sich mit den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu beschäftigen, sind viel zu viele von uns zu beschäftigt mit Yoga und Smoothies. Dabei müssen wir uns einfach mal locker machen – und endlich mit dem Optimierungswahn aufhören!

© photocase.com / SusanMajaura

Hört auf, euch selbst zu suchen! © photocase.com / SusanMajaura

Ich lebe die meiste Zeit des Jahres auf Bali. Da ist es schön. Die Frösche quaken, die Reisfelder erfrischen die Augen mit einem saftigen Grün, die Sonne scheint als Weckruf, die Balinesen lächeln ausnahmslos zurück, die Mangos wachsen im Garten und das Wort Stress hat es wohl noch nicht hierher geschafft.

Viele Touristen kommen auf die Insel der Götter, um sich selbst zu finden. Zu heilen. Wieder ganz zu werden.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mich manchmal frage, wovon wir eigentlich alle heilen müssen, woran wir alle zerbrechen und wo wir uns eigentlich verloren haben?

Sich selbst heilen? Wieder ganz werden?

In Zeiten von Terroranschlägen und Flüchtlingsdiskussionen, von Klimawandel und Waldsterben wird tief geatmet, der Darm gereinigt, meditiert. Nicht, um Frieden auf Erden herzurufen, sondern um noch näher zu sich selbst zu kommen. Versteht mich bitte nicht falsch, ich liebe Meditation und manchmal auch eine ordentliche Reinigung des Darms, Altes loslassen und so, aber irgendwie macht mir der Selbstfindungswahn manchmal ein bisschen Angst.

Denn ich empfinde ihn als etwas Egoistisches, das Kreisen immer und immer wieder um sich selbst, das Wühlen in alten Wunden, das Infragestellen des Ist-Zustands.

Bin ich gut genug? Wie werde ich ein besserer Mensch? Darf ich Kuhmilch trinken, um dazuzugehören, wie kann ich mich selbst noch mehr lieben, wie kann ich meiner Verletzlichkeit noch mehr Aufmerksamkeit schenken?

Selbstliebe versus Mitgefühl

Vielleicht bin ich einfach an einem anderen Punkt im Leben oder ich habe es einfach noch nicht verstanden, aber ich finde, dass Liebe etwas zum Teilen ist. Und ehrlich gesagt, habe ich manchmal eher das Gefühl, dass ich zu viel an mich denke und zu wenig an meine Oma, die bald 100 wird, zu wenig an meinen Nachbarn, der nicht mehr so gut die Einkaufstüten hochtragen kann, zu wenig an die Armen, die Kranken, die Leidenden, denen es nicht so gut geht wie mir. Ich habe eher das Bedürfnis, den Fokus weg von mir hin zur Welt zu richten, und laut zu rufen: „Hallo! Wer will alles noch eine Umarmung, ein Butterbrot, ein tröstendes Wort?“

Sind wir uns wirklich nicht genug? Ist es wirklich so schwer, dankbar für das zu sein, was wir haben? Einatmen, ausatmen, die meisten von uns leben in totaler Freiheit, in Gesundheit, mit Menschen, die sie lieben. Irgendwo gibt es eine Tante oder einen Bruder, der sich über Lebenszeichen freuen würde, aber wir sind zu beschäftigt mit Yoga und Smoothies.

Ich finde einfach, dass unsere individuellen Probleme keine Belastung für unsere Umwelt werden sollten. Jeder hat mal was, die meisten hatten irgendwelche Sorgen mit ihren Eltern, und ja, auch nicht jeder hat gerade seinen Traumjob. So what? Das ist doch das, was uns verbindet. Das wir nicht perfekt sind, und trotzdem das Beste draus machen. Und nicht immer besser sein müssen. Die Wettkampfzeiten aus der Schule sind vorbei.

Es gibt kein richtig oder falsch. Es gibt nur jetzt und hier.

Wir sind frei. Freut euch doch. Es ist gut, wie es ist. Und wenn es mal nicht so gut ist, dann trefft euch mit der besten Freundin, esst was ungesundes, Spaghettieis mit extra Weißeschokoladeparmesan zum Beispiel, trinkt ’ne Pulle Wein, und heult euch aus. Danach lacht ein bisschen und die Welt sieht schon ganz anders aus.

Rennt nicht die ganze Zeit zu Fremden, die euch erklären, wie ihr euer Leben auf die Reihe kriegen könnt, gebt das Geld lieber jemandem, der Hunger hat. Lebt! Wir sind aus Fleisch und Knochen und Zeit ist vergänglich. Worauf warten wir eigentlich? Hört einfach auf euer Herz. Immer und ohne Ausnahme. Es gibt kein richtig oder falsch. Nicht für dich und nicht für deine Mitmenschen. Es gibt nur jetzt und hier, und es gilt, das Beste draus zu machen. Nicht nur für dich, sondern für alle Beteiligten.

Sich auf der Suche nach sich selbst zu verlieren ist nämlich noch bescheuerter als Krebs, Krieg und Weltuntergang zusammen.


Von Anna-Zoë Schmidt auf EDITION F.

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