„Es sieht so aus, als bereite sich die Welt gerade auf Krieg vor“

Der russische Politiker und Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow appelliert an die Vernunft der Staatsoberhäupter: Die derzeitige Situation auf der Welt sei brandgefährlich.

Der frühere sowjetische Staatspräsident ist besorgt. © Gettyimages

Als der Kalte Krieg gerade auf seinem Höhepunkt war, kurz vor der Eskalation, kam der damals 54-jährige Michail Gorbatschow ins Amt. Er wurde Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU). 1990 wurde er zum Staatschef der damaligen Sowjetunion gewählt. Er schaffte mit seinen Reformen, was in diesen Zeiten niemand mehr für möglich hielt: Der Eiserne Vorhang fiel. Ohne einen einzigen abgefeuerten Schuss.

Er kämpfte unter anderem in den späten 90ern zusammen mit den USA dafür, dass nuklear abgerüstet wird. Dafür bekam er den Friedensnobelpreis verliehen. Kurz: Wenn einer wissen muss, wie man eine Katastrophe abwendet, dann ist es Gorbatschow. Der heute 85-Jährige veröffentlichte in der Time jetzt einen aufrüttelnden Appell an die Staatsoberhäupter der Welt. Seiner Auffassung nach scheinen diese derzeit verwirrt zu sein. Und der Verlust, durch sie hervorgerufen, könnte ein enormer sein.

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Das dringendste Problem unserer Zeit sei laut Gorbatschow das neue Wettrüsten und die zunehmende Militarisierung durch die Politik; vor allem, was Nuklearwaffen anbelangt. „Unsere höchste Priorität muss sein, dieses ruinöse Verhalten zu stoppen und wieder umzukehren.“

Die Welt ist in Kriegsstimmung

„Immer mehr Truppen, Mannschaftswagen und Panzer werden derzeit nach Europa geschafft. Russische und NATO-Kräfte sowie Waffen waren immer in einiger Entfernung voneinander platziert. Jetzt sind sie so nah aneinander, als wären sie bereit, sofort zu feuern“, schreibt er weiter. Während man in den Staaten derzeit mit immer geringeren Budgets dafür kämpfe, grundsätzliche und soziale Bedürfnisse der Menschen zu decken, stiegen gleichzeitig die militärischen Ausgaben; für hoch entwickelte Waffen, deren Zerstörungskraft einer Massenvernichtungswaffe gleichkomme, lasse sich immer schnell Geld finden. „Zum Beispiel für Unterseeboote, bei welchen eine einzige Salve einen Kontinent auslöschen könnte. Oder für Raketenverteidigungsanlagen, die strategische Stabilität untergraben.“

Die politische und militärische Führung klinge immer kriegslustiger, wie Gorbatschow beobachtete. Kommentatoren und das Fernsehen würden sich sich diesem Tonfall anschließen. „Es sieht so aus, als bereite sich die Welt gerade auf Krieg vor.“

Gorbatschow wirkt in seinem Appell streckenweise auch etwas ernüchtert: Er selbst hat in seiner Zeit als politisches Staatsoberhaupt 1985 mit dafür gesorgt, dass die nukleare Abrüstung der USA und Sowjetunion eine unbestreitbare Notwendigkeit in den Köpfen der Menschen wurde. Es schien lange so, als stimmte man bei diesem Thema auch weltweit zu, als gelte das fortan als eine Art Naturgesetz. Alle hätten damals zugestimmt, dass Nuklearwaffen nur einem einzigen Zweck dienen sollten: Krieg zu verhindern.

„Und das ultimative Ziel war eine Welt ohne Atomwaffen“, schreibt Gorbatschow. Heute sei das wieder anders: „Die Beziehungen zwischen Großmächten waren seit Jahren schlecht, jetzt sind sie katastrophal. Waffenverfechter und die Rüstungsindustrie reiben sich bereits die Hände.“

Heute ist die Bedrohung durch einen Atomkrieg wieder real.“ Michail Gorbatschow

Um ein Gefühl für das Ausmaß des diplomatischen Dilemmas zu bekommen, reichen zwei aktuelle Ereignisse: Nachdem der US-Präsident Donald Trump Mexiko zwingen wollte, für eine massive Mauer zwischen den beiden Ländern zu bezahlen, sagte der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto einen Besuch in der USA ab. Das passierte in der Geschichte des amerikanischen Kontinents noch nie. Auch das Verhältnis Trumps zu Russlands Staatsoberhaupt Wladimir Putin scheint eher labil als stabil: Niemand von beiden weiß, was der andere wirklich vor hat.

Etwa zeitgleich mit Gorbatschows Beitrag haben Atomwissenschaftler*innen übrigens die symbolische Atomkriegsuhr um 30 Sekunden nach vorne gedreht. Diese spielt auf den Spruch „es ist fünf vor zwölf“ an: 1947 wurde sie mit der Zeigerstellung sieben Minuten vor zwölf gestartet und seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- oder zurückgestellt. Wir befänden uns heute demnach gerade zwei Minuten und dreißig Sekunden vor Mitternacht, also kurz vor der Apokalypse. Auch der neue US-Präsident trage dazu bei. Erst im Dezember kündigte dieser etwa an, er wolle die Kapazität der amerikanischen Nuklearwaffen aufstocken. Er stellt dadurch rund 40 Jahre der Abrüstung durch die USA in Frage. Mit einem Tweet.

Die USA und Russland sind wieder gefragt

Gorbatschow ruft die Staatsoberhäupter dieser Welt auf, sich zu besinnen. „Wir müssen aus dieser Spirale ausbrechen“, schreibt er. „Wir müssen den politischen Dialog fortsetzen, der auf gemeinsame Entscheidungen abzielt.“ Derzeit gäbe es Übereinstimmung darin, dass man gemeinsam den Terrorismus bekämpfen müsse. Dies sei durchaus ein wichtiges Ziel. „Aber weitaus wichtiger ist es, den Fokus wieder auf ein Verhindern von Krieg zu legen.“ Dazu müsse man das Wettrüsten beenden und sich etwa auf ein allgemeines Niveau von Nuklearwaffen einigen.

In einer modernen Welt muss Krieg verboten werden.“ – Michail Gorbatschow

„Keines der globalen Probleme, denen wir gegenüberstehen, kann durch Krieg gelöst werden. Weder Armut, noch Umweltzerstörung, noch Migration, noch Bevölkerungswachstum oder Ressourcenknappheit.“ Gorbatschow spricht zudem den UN-Sicherheitsrat an, der die Verantwortung für internationalen Frieden trägt: Er fordert diesen auf, umgehend den ersten Schritt zu machen. „Genauer schlage ich vor, dass sich der Rat entschlossen gegen einen Nuklearkrieg stellt und klar macht, dass dieser untragbar ist und nie gekämpft werden muss. Dafür sollte der Rat sich mit den Staatsoberhäuptern der Welt treffen.“

Und: Die Initiative zu diesem Treffen soll von Donald Trump und Wladimir Putin ausgehen, die zusammen rund 90 Prozent der weltweiten Atomwaffen verwalten: „Sie tragen deshalb eine spezielle Verantwortung.“

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Gorbatschow zitiert am Ende seines Beitrags den ehemaligen US-Präsident Franklin D. Roosevelt, der einmal sagte, dass „eine der Hauptfreiheiten der Menschen die Freiheit von Angst“ sei. „Heute tragen Millionen Menschen die Last der Angst.“ Der Hauptgrund dafür sei Militarismus, bewaffnete Konflikte, das Wettrüsten und das nukleare Damoklesschwert. „Die Welt von dieser Angst zu befreien, bedeutet auch, die Menschen freier zu machen. Dies sollte unser gemeinsames Ziel werden.“ Viele andere Probleme wären laut Gorbatschow dann leichter zu lösen. „Die Zeit zu entscheiden und zu handeln ist jetzt.“