Eine Liebeserklärung an die Eskalation

Nichts ist so elektrisierend wie eine wildgewordene Menschenhorde auf einem Konzert. Eine Liebeserklärung an den seltenen Moment, an dem keine Regeln mehr zu gelten scheinen.

Wie ein Wilder! <3 © Flickr / Courtney Emery / CC BY 2.0

Auf einem Festival lernte ich vor etlichen Jahren eine meiner abartigsten Eigenarten kennen. Es war gerade mittags, wir waren voll bis oben hin, mit Bier, billigem Weißwein und der unstillbaren Lust, ein wenig auszurasten. Wir steuerten also ziellos auf das staubige Gelände, wo uns die Zeltbühne wie ein Magnet anzog.

Ich stand am Rand der Menge. Der Sänger der amerikanischen Hardcoreband sang grundsätzlich am Mikro vorbei. Beim vorletzten Song fiel er von der Bühne, weil er seinerseits stockstramm war. Es war jämmerlich und majestätisch zugleich, wie eine Nadel, die sich gerade von ihrem Tannenbaum verabschiedet. Die Band spielte unterdessen weiter. Als der Sänger sich wieder aufrichtete, blickte er verdutzt in die Menge. Sein Blick signalisierte: Wer bin ich? Und wie bin ich hier gelandet? Mh, eigentlich auch egal.

Den Menschen in dem viel zu heißen Zelt war das alles ebenfalls, man kann es nicht anders sagen, scheißegal. Selten habe ich so viel Anteilnahmslosigkeit erlebt. Hier waren keine Musikgourmets unterwegs. Diese Leute wollten einfach nur im Moment versumpfen und Sachen machen. Meine Freunde zogen mich hinein in diesen Schmelztiegel; Bier und Schweiß flogen durch die Luft. Ich habe in diesem Moment bemerkt: Eure Eskalation ist meine Droge.

Ein wahres Hochgefühl

Die Menschen haben sich so einige Feste geschaffen, in denen sie gesellschaftlichen Konventionen zu großen Teilen entfliehen können. Die Karnevalskulturen in verschiedenen Teilen der Welt sind ein gutes Beispiel dafür. Sie funktionieren im Grunde überall gleich. Maske auf und geschützt ausrasten. Für eine gewisse Dauer muss hier niemand mehr professionell sein, sondern kann sich ausleben.

Aber was dort passiert, ist ja doch vorhersehbar, die eskalante Party bewusst herbei geführt. Dabei wird es erst richtig elektrisierend für mich, wenn die Kombination verschiedener Umstände einen Zustand entstehen lassen, in dem alle Kontrollzwänge und Schamgefühle ausgeschaltet sind. Wenn sich am richtigen Ort die richtige Anzahl von Menschen mit dem richtigen Mindset zusammentun, um zur richtigen Zeit quasi spontan völlig verrückt zu werden. Unter Freund*innen ist das immer ein besonderes Vergnügen. Das ist der Abend, von dem man sich fortan an allen anderen Abenden erzählt.

Unter völlig Fremden ist so etwas aber weniger erwartbar und ein echtes Hochgefühl. Wann können sich 3.000 Menschen schon mal auf ein und dieselbe Sache einigen?

Um das klar zu machen: Ich spreche nicht von aggressiven Mobs oder völlig ausufernden Massen, die dann zusammen mit grausiger Organisation Katastrophen entstehen lassen, wie 1999 auf dem Woodstock-Festival oder 2010 auf der Loveparade. Ich spreche von geschützten Räumen, wo die Rahmenbedingungen passen. Wo die Menschen zwar schon noch wissen, wo die Grenzen liegen, aber sich eben an ihren äußersten Rändern entlang bewegen.

Wie das Gefühl vor dem ersten Kuss

Eine junge Frau kletterte an diesem Tag auf dem Festival beispielsweise eine der Zeltstangen hoch, als tue sie den ganzen Tag nichts anderes und hing plötzlich kopfüber. Es war okay. Die Menschen in der Menge tanzten wild und es war ihnen egal, wie sie dabei aussahen. Sie grölten und es war ihnen egal, wie sie dabei klangen. Sie bildeten wahllos Tanzkreise. Irre Gesichter, wohin man blickte. Plötzlich ein Rollstuhlfahrer, der sich wie selbstverständlich von der Menge zur Bühne tragen ließ, Crowdsurfing Level 2. Auch das war okay. Hier schienen keine Regeln mehr zu gelten. Und gleichzeitig floss unglaublich viel positive Energie. Alle können, wie sie wollen, völlig enthemmt.

Das hat mich nachhaltig beeinflusst. Heute habe ich eine Art Sensor dafür, ich spüre quasi, wenn auf einem Konzert so eine Eskalation im Anflug ist. Dann schnürt sich mein Hals zusammen, es kribbelt in der Magengegend. Es ist vergleichbar mit dem Gefühl kurz vor dem ersten Kuss. Ja, ich bin dann fast schon erregt.

Das ist nicht erzwingbar

An einem regulären Partyabend am Wochenende empfinde ich so etwas nie, auch nicht in den vermeintlich wildesten Clubs Berlins. Wenn wir mal ehrlich sind, wird auch dort die meiste Zeit mit angezogener Handbremse gefeiert – oder das Ausflippen erzwungen. Die gemeinsamen Momente völliger Ekstase entstehen wenn überhaupt unter Bekannten auf guten Haus- und WG-Partys, meistens aber auf Festivals und sehr selten auf normalen Konzerten.

Überhaupt: Wenn ich mir Konzertmitschnitte bis zu den 1990er-Jahren ansehe, fällt mir auf, dass die Stimmung dort viel ekstatischer wirkt als heute. Und es ist sicher was dran, dass es heutzutage generell ruhiger und gesetzter auf Konzerten zugeht. Die Menschen benehmen sich von vornherein nicht wie Flummis, sondern wie Baumstämme.

Das soll keine Beschwerde sein, nur eine persönliche Messlatte: Diese Momente sollen und können nicht erzwungen werden. Sie müssen entstehen. Ich bemerke, dass sie weniger werden. Woran das liegt? Ich weiß es nicht. Womöglich werden die Menschen durch mehr Leistungsdruck immer unentspannter. Womöglich werde ich aber auch einfach älter, meine Wahrnehmung verschiebt sich und ich sollte auf teureren Weißwein umschwenken. Aber eines weiß ich sicher: Die echte Eskalation ist selten, und genau deshalb so besonders.


Habt ihr schon eskalante Momente auf Partys oder Konzerten erlebt? Schreibt mir für einen weiteren Text an till.eckert@ze.tt.