Eure Großeltern sind die besseren Love-Coaches

Klar können Beziehungen in unserer Generation noch funktionieren. Wir müssen uns nur auf das Wesentliche konzentrieren. Omas und Opas über ihr Geheimrezept für die Liebe.

© Krolop & Gerst (rechts)

Ingrid und Klaus © Krolop & Gerst (rechts)

Unserer Generation eilt der Ruf voraus, beziehungsunfähig zu sein. Zugegeben, da mag etwas dran sein. Wir haben schließlich viel zu tun: Die Karriere kann nicht warten, genauso wenig Freunde, Snapchat-Storys oder eskalierende Hauspartys. Dagegen scheint der ganze Beziehungstrott viel zu eintönig. Trotzdem suchen  wir nach der einen großen Liebe. Die Omas und Opas von heute haben das doch auch irgendwie hinbekommen. Wir haben ältere Leute gefragt: Wie schafft man es, so lange zusammen und trotzdem glücklich zu sein?

Versprechen halten

© Sinnappu und Selvanayagi Nalliah
© Sinnappu und Selvanayagi Nalliah

Sinnappu (63) und Selvanayagi (57) sind seit 32 Jahren verheiratet

„Die Hochzeit in Jaffna in Sri Lanka stand fest. Doch dann musste mein Mann beruflich nach Singapur und das Ganze dauerte an. Zweieinhalb Jahre lang kommunizierten wir nur zwei Mal im Monat über Liebesbriefe. Das war damals die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas voneinander zu hören. Als es soweit war, versprachen wir uns in der Hochzeitsnacht drei Dinge, drei Regeln, die wir bis heute einhalten. Die erste: das Wir. Wir kommen immer an erster Stelle. Wir sehen uns als ein Projekt, das nur wir beide managen und in das sich auch niemand, nicht einmal unsere Kinder, jemals einmischen können. Die zweite Regel: Was vor der Ehe passiert ist, sollte nichts mehr zur Sache tun. Und drittens: Wir versprachen uns, alles zu teilen. Kein meins oder seins. Nicht seine Familie oder meine, sondern unsere. Nicht sein Tag oder meiner, sondern unserer. Und wenn es nur die verfaulte Avocado ist, die er versehentlich im Supermarkt ausgewählt hat, er erzählt es mir. Genauso halten wir es in Krisenzeiten. Wir haben nie in Frage gestellt, ob es für Streitigkeiten zwischen uns eine Lösung gibt, sondern spätestens abends im Bett nach einer gesucht und uns auf Kompromisse eingelassen.“

Locker bleiben

© Krolop & Gerst (rechts)

Ingrid und Klaus sind seit über fünfzig Jahren zusammen

„Man muss immer daran denken: Beim nächsten Partner wird es auch nicht besser. Ich hatte damals zwei Verehrer. Beide haben mir zum Geburtstag einen Strauß Rosen geschenkt. Weil Klaus den größeren hatte, habe ich mich für ihn entschieden. Unsere Beziehung ist übrigens auch heute noch sehr körperlich: Ein gelegentlicher Klatscher ist nämlich die einzige Methode, Klaus zu stoppen. Ich mache das zwar nicht gern, aber er verdient es manchmal. Nein, im Ernst, wir sind mittlerweile seit mehr als fünfzig Jahren zusammen und sehen das alles recht entspannt. Man muss einfach kapieren, dass das Leben aus Höhen und Tiefen besteht – genauso wie eine Beziehung. Man gibt sich selbst doch auch nicht auf, wenn gerade nicht alles wie am Schnürchen läuft. Warum dann die Liebe?“

Sich gegenseitig pushen

© Julius Fecht
© Julius Fecht

Julius (96) war 62 Jahre lang mit seiner Hilde verheiratet

„Ich wurde 1947 im Alter von 28 Jahren mit 40 Kilogramm Körpergewicht aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause geschickt, um zu sterben. Ich war geschwächt, doch meine Frau päppelte mich wieder auf. Der Gedanke, sie wieder zu sehen und endlich mit ihr zusammen zu leben, war auch in meiner Zeit als Soldat das Einzige, das mir neue Kraft gegeben hatte. Als ich wieder zu Hause war, war es zunächst schwer zu akzeptieren, dass meine Frau komplett selbstständig war und meine Hilfe nicht brauchte. Doch ich sah ein, dass sie viele Dinge mehr draufhatte als ich. Auch wenn das zu der Zeit alles andere als üblich war, überließ ich ihr die komplette Verwaltung unserer finanziellen Angelegenheiten. Sie konnte das einfach besser. Ich unterstützte sie auch bei ihrer Jobsuche als Finanzberaterin. Wir haben immer aneinander geglaubt. Als meine Frau später dement wurde und ins Altersheim musste, weil die Betreuung zu Hause unmöglich wurde, besuchte ich sie jeden Tag, bis sie vor neun Jahren verstarb. Und auch heute hält mich der Gedanke an diese Schönheit im roten Kleid, das sie trug, als wir uns das erste Mal verabredeten, fit und lebendig.“

Interessen teilen

© Ingrid und Mathias Quadflieg
© Ingrid und Mathias Quadflieg

Ingrid (77) und Mathias (78) sind seit ihrem 14. Lebensjahr unzertrennlich

„Wir stellen jährlich Krippen aus, die ich in unserem Keller von Hand anfertige. Ingrid näht die Deko und macht den Verkauf. Immer wenn wir zu Hause ankommen, stoßen wir mit einem Glas Weißwein an und zählen dabei unser gemeinsam verdientes Geld. Wir finanzieren davon natürlich nicht unseren Lebensunterhalt, aber es macht einfach Spaß und verbindet. Wenn man Interessen teilt, ist man immer wieder von den Fähigkeiten des anderen beeindruckt. Das ist sehr wichtig für eine lange Beziehung. Es mag eitel klingen, aber wir wollen uns in der Beziehung eben nicht gehen lassen – weder innerlich, noch äußerlich. Deshalb machen wir uns jeden Morgen schick, bevor wir uns an den Frühstückstisch setzen und suchen manchmal sogar die Outfits füreinander aus.“

Jede Phase schätzen

© Walter und Erna
© Walter und Erna

Walter (69) und Erna (72) sind seit 44 Jahren ein Paar

„Als wir uns kennenlernten, hatte Erna schon eine Ehe hinter sich und drei Kinder im Schlepptau. Diese Kinder waren von dem Tag an auch meine Kinder. Egal, was der andere mitgebracht hat, sei es meine Sturheit, ihre impulsive Art oder eben die Kinder, wir haben gelernt, uns damit zu arrangieren und Rücksicht auf den anderen zu nehmen. Obwohl es mit den Kindern wahnsinnig schön war, blieb uns damals wenig Zeit für Zweisamkeit. Aber auch diese Phase haben wir durchgestanden und uns vorgenommen, das später nachzuholen. Heute reisen wir gern und waren mittlerweile schon fast überall. Unser nächstes Ziel sind die Seychellen.“