Warum Lücken im Lebenslauf so glücklich machen

In der Vita unserer Autorin klafft eine große Lücke. Unvernünftig nennen das manche. Sie sagt: Die Entscheidung zur Lücke war die wichtigste ihres jungen Lebens.

© Julia Kleene

Unsere Autorin beim Kanufahren in Schweden. © Julia Kleene

Wer einen Blick auf meinen Lebenslauf wirft, entdeckt dort eine große Lücke: Sie klafft zwischen August 2015 und Oktober 2016, ich gestehe: weil ich verplant hatte, bei der Uni-Bewerbung mein Abizeugnis anzuhängen. Während meine Freunde nahtlos den Übergang zu einer Ausbildung oder einem Studium schafften, machte ich mir darüber Gedanken, wie ich in kommenden Vorstellungsgesprächen die unvermeidbare Frage beantworten sollte: “Was haben Sie in der Zeit eigentlich gemacht?”

Ich verspürte den Druck, auch etwas “Vernünftiges” zu machen und bloß keinen weißen Fleck in meinen Lebenslauf zu reißen. Viele Leute flößten mir ein, dass ein Gap Year verschwendete Zeit sei. Aber da war auch eine Stimme in meinem Kopf, die mir sagte: So frei wie kurz nach dem Schulabschluss wirst du nie wieder sein. Studium, Job, Wohnung, Familie – die Verpflichtungen werden immer mehr. Warum also nicht die Chance ergreifen und sich vom Trott des Alltags befreien?

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Und schließlich tat ich das vielleicht Vernünftigste: Ich hörte auf die Stimme in meinem Kopf und fand den Mut zur Lücke. Ich bewarb mich nicht weiter auf Studienplätze und ich absolvierte auch keine zwanzig Praktika für meinen künftigen Job. Ich lebte. Ich probierte Sachen aus. Im vergangenen Jahr war ich Surfen in Marokko, als Jugendreiseleiterin in Spanien und Schweden, habe Freunde in Italien besucht, war Snowboarden in Österreich, habe einen Roadrip in Island gemacht und noch einiges mehr. Ich habe keine karrierefördernden Referenzen aus dieser Zeit mitgenommen, die mir eines Tages helfen werden. Dafür könnte ich jetzt mit den Erfahrungen aus dieser Zeit sicherlich ein Buch füllen.

„In 20 Jahren wirst Du dich mehr ärgern über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die, die du getan hast. Also wirf die Leinen und segle fort aus deinem sicheren Hafen. Fange den Wind in deinen Segeln. Forsche. Träume. Entdecke.“
– Mark Twain

Viele fragen mich, wie ich meine Lücke im Lebenslauf finanziert habe. Dabei ist das gar nicht so schwierig. WWOOFing, Au-Pair, Work & Travel, Volunteering, Workcamps – es gibt so viele Modelle, um zu reisen. Sofern man Low-Budget reisen möchte. Und genau da liegt ein zentrales Problem: Ich bin überzeugt, dass unser Leben viel zu sehr von Leistung und Materiellem gesteuert wird. Vielen Menschen geht es nur noch darum, Karriere zu machen, um möglichst viel Geld anzuhäufen, ein möglichst großes Auto davon zu kaufen und einen möglichst exklusiven Urlaub zu machen. Auf Luftmatratzen schlafen, auf fließendes Wasser verzichten müssen – für viele ist das ein Graus. Aber wie meine Mutter mir immer zu sagen pflegt: “Das letzte Hemd hat keine Taschen.” Luxus ist nicht alles.

Eine Auszeit macht auch karrieretechnisch Sinn

Laut einer amerikanischen Studie sind Jugendliche, die ein Gap Year machen, erfolgreicher, glücklicher und haben ein geringeres Risiko, an Burnout zu erkranken. Die Mehrheit der Studierenden schloss das Studium mit einer höheren Punktzahl ab als diejenigen, die direkt zu studieren begannen. Aus der Studie geht auch hervor, dass ein solches Jahr die Sozialkompetenz, das Selbstbewusstsein und die Selbstständigkeit fördert. Das funktioniert natürlich nur, wenn wir nicht ein Jahr lang auf der Couch liegen, sondern aufbrechen, um etwas aus dem Jahr zu machen.

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Die Sterbebegleiterin Bronnie Ware hat analysiert, was Sterbende in ihren letzten Stunden am meisten bereuen. Die mangelnde Glückssuche und zu leben, wie es andere von einem erwarten, beklagten die meisten. “Schauen Sie mich an. Ich sterbe! Wie konnte ich nur jahrelang darauf warten, frei und unabhängig zu sein“, bedauert Wares Patientin Grace. Wir sollten uns öfter vor Auge halten, wie vergänglich wir sind und wie kostbar unsere Lebenszeit ist. Aus diesem Grund sammle ich nun Stempel in meinem Reisepass, habe Freunde auf der ganzen Welt und versuche, jeden Augenblick in vollen Zügen zu genießen.

Und wenn eines Tages die Frage im Vorstellungsgespräch kommt “Was haben Sie denn in diesem Jahr eigentlich gemacht?”, dann versinke ich nicht vor Scham im Erdboden, sondern lächele und sage: “Haben Sie ein bisschen Zeit? Ich könnte Ihnen ein paar spannende Geschichten erzählen.”