Five4Refugees: Das kommt dabei raus, wenn Politiker versuchen zu singen

Drei Politiker wollen mit dem Schlagersong „Sie suchen nach dem Morgen“ Flüchtlingen helfen. Das Ergebnis ist zum Fremdschämen.

Screenshot YouTube/DieWeddingerFilmer

Screenshot YouTube/DieWeddingerFilmer

Auch Politiker singen unter der Dusche. Das ist vollkommen in Ordnung – solange sie da bleiben. Die Berliner Abgeordneten Thomas Birk (Bündnis 90/Die Grünen), Hakan Tas (Die Linke) und Fabio Reinhardt (Piratenpartei) haben sich jetzt rausgetraut und singen gemeinsam mit dem Unternehmer Daniel Phillipp Worat und dem Sänger Donato Plögert einen Song für Flüchtlinge: „Sie suchen nach dem Morgen“ heißt der Dreiminüter.

Der Schlagersong soll „die Kernaussage, dass Flüchtlinge auf eine friedliche Zukunft für sich und ihre Kinder hoffen“, rüberbringen, sagte Grünen-Politiker Birk dem Tagesspiegel. Leider klappt das vorne und hinten nicht. Und in der Mitte auch nicht.

Denn die traurige Boygroup macht in ihrem Song so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Schon der Name Five4Refugees soll wohl modern sein, wirkt aber traurig aus der Zeit gefallen. Bandnamen mit Zahlen drin waren schon vor zehn Jahren peinlich, siehe US5, Sum 41, blink-182 und so weiter.

Das Auftreten der älteren Herren am Mikrofon macht die Sache nicht besser. Sie stehen so stocksteif mit hängenden Armen da, dass man sich fragt, wer sich gerade unwohler fühlt: die armen Wochenend-Schlagerstars oder doch man selbst, der sich das Elend ansehen muss. Man nimmt den Sängern nicht ab, was sie da singen. Den Text lesen sie teilweise ziemlich lustlos ab. Selber geschrieben haben sie ihn nämlich nicht, er stammt vom Initiator der Aktion, Donato Plögert. Und Auswendiglernen wäre anscheinend etwas zu viel Aufwand gewesen.

Dem Entertainer Plögert sieht man seine Bühnenerfahrung an. Er sieht als einziger so aus, als fühle er sich vor dem Mikrofon einigermaßen wohl. Dabei setzt er aber ein so eingefroren grinsendes Weltverbesserer-Gesicht auf, dass sein Auftreten auch eine ziemlich gelungene Parodie eines mittelguten Schlagersängers sein könnte.

Das schlimmste an dem Projekt ist aber der Song selbst. Warum musste es gerade ein so klischeetriefender Schlagersong sein?

Schlagerproduzent Christian Bruhn soll ihn für das Quintett geschrieben haben. Der ist unter anderem für „Marmor, Stein und Eisen bricht“ verantwortlich. Danach klingt „Sie suchen nach dem Morgen“ auch: Das Instrumental besteht aus einem synthetischen Beat und Keyboard-Geklimper, das künstlicher nicht klingen könnte. Der Refrain eignet sich zum Mitschunkeln: „Denn sie suchen nach dem Morgen / ohne Angst bei Tag und Nacht / sie wollen nicht mehr länger die sein / die der Hass zum Opfer macht.“ Das ist Flüchtlingshilfe zum Mitklatschen.

Höhepunkt des Bum-Bum-Schlagers ist der epische Sprechteil gegen Ende. Nach zweieinhalb Minuten hört der Beat auf, nur ein paar ausgespielte Akkorde vom Keyboard klimpeln vor sich hin, dann kommt Daniel Philipp Worats großer Auftritt. Mit Hall auf der Stimme und Blick auf seinen Spickzettel verkündet er: „All das Leid, das sie erlebten, es macht nichts und niemand jemals ungeschehen.“

Und Hakan Tas spricht weiter: „Doch ihr Morgen hat begonnen, wenn sie ihre Kinder wieder lachen sehen.“ Gänsehaut. Nicht.

Sicherlich ist das Projekt in guter Absicht entstanden. „Das Geld aus dem Erlös der Karten für das Relea­se­konzert und der CDs wird zu gleichen Teilen dem Berliner Flücht­lingsrat und dem Begeg­nungschor ‚Ber­liner singen mit Flücht­lin­gen‘ zu Gute kommen“, schreibt Fabio Reinhardt in einer Stellungnahme auf seiner Seite. Auch der Text zeigt die positive Intention der Macher. Zwar ist die Message oberflächlich, aber in einem Drei-Minuten-Schlagersong lässt sich nunmal nicht die Welt erklären.

Trotzdem ist das Projekt letzten Endes lächerlich und zum Scheitern verurteilt: Denn so richtig der Text auch ist, zusammen mit dem grässlichen Instrumental und den fünf Herren in Hemd und Poloshirt ist es kaum möglich, das alles ernst zu nehmen. Am Ende der dreieinhalb Minuten fragt man sich, wie man soviel Fremdscham von sich abgewaschen kriegt.

Und was müssen erst die Flüchtlinge denken, denen die Five4Refugees mit „Sie suchen nach dem Morgen“ helfen wollen? Hoffentlich werden sie die Schlagerschnulze niemals hören.