Flüchtlinge in Hamburg schlafen aus Protest im Freien

Im Osten Hamburgs schlafen Flüchtlinge auf der Straße. Nicht, weil es keine Unterkunft gäbe. Sondern aus Protest.

© Anja Reumschüssel

Flüchtlinge in Hamburg schlafen aus Protest gegen ihre Unterkunft auf der Straße. © Anja Reumschüssel

Sie haben schon einige Wochen in den Hamburger Messehallen hinter sich. Dort schliefen 1200 Flüchtlinge Feldbett an Feldbett. Mit dünnen Trennwänden hatte man die riesige Halle in kleinere Parzellen unterteilt. Trotzdem: Keine Privatsphäre, keine Ruhe. Kaum Möglichkeit für muslimische Frauen, mal das Kopftuch abzunehmen. Jetzt sollte es endlich besser werden.

Das jedenfalls dachten die 600 Flüchtlinge, die Freitagnacht von den Messehallen im Zentrum nach Bergedorf, einem Stadtteil im Osten Hamburgs, gebracht wurden. In Container sollten sie untergebracht werden, versprach man ihnen. So erzählt es Tala al Qudmani (27), die mit ihrem dreijährigen Sohn Adam, ihrem Mann Mouhammed und vielen anderen in den Bus in eine bessere Unterkunft gestiegen war.

Als sie dort ankamen, waren sie geschockt: Wieder eine lichtdurchflutete Halle, wieder Feldbetten und Dixiklos, aber dieses Mal gab es nicht einmal Trennwände. Das machen wir nicht mit, beschlossen Tala, Mouhammed und Dutzende andere, schleppten Matratzen auf den Gehweg vor dem leerstehenden Baumarkt und protestierten. Sie bleiben so lange hier, bis sich die Situation verbessert, sagten sie. Und begannen dann auch noch einen Hungerstreik. ze.tt traf die Flüchtlinge vor Ort:

Wer ist verantwortlich?

Während die Messehallen demnächst schön zurecht gemacht werden für eine Bootsmesse Ende Oktober, liegen die Flüchtlinge aus den Messehallen in Decken gewickelt auf der Straße. Kleinkinder in dicken Jacken und Wollmützen hüpfen zwischen den Erwachsenen herum und scheinen als einzige noch gut drauf zu sein. Zwischen den vielen Männern sind auch drei schwangere Frauen. Sie alle wirken entschlossen, ihren Protest durchzuziehen, auch wenn es nachts schon richtig kalt wird.

Für Frauen und Kinder hat eine Nachbarin ihre Garage gleich neben dem Baumarkt geöffnet, damit sie wenigstens unter einem Dach schlafen können. Die Nachbarn scheinen den Protest zu unterstützen. Murat Hakbilen, der ein paar Häuser weiter eine Autolackiererei betreibt, bringt heißen Tee vorbei. „Ich finde das sehr traurig, dass die Menschen hier in der Kälte übernachten müssen“, sagt er. Die Bedingung in der Halle, so hatten ihm Flüchtlinge erzählt, seien nicht gut, die Luft sei stickig, es gäbe Schimmel.

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Baumarkt, in dem die Flüchtlinge untergebracht sind. © Anja Reumschüsel

Und wer ist nun verantwortlich für die schlechten Bedingungen? Für die Einrichtung der Halle ist das Einwohnerzentralamt zuständig, das der Innenbehörde untersteht. Um den Umzug und den künftigen Betrieb der Unterkunft kümmert sich der städtische Betreiber „fördern&wohnen“. So richtig Schuld an den Zuständen will niemand sein.

„Der Umzug ist nicht optimal gelaufen“, sagt Frank Reschreiter, Pressesprecher der Innenbehörde. Die Flüchtlinge hätten noch fünf Tage länger in den Messehallen bleiben können, schließlich sei die neue Unterkunft noch nicht fertig gewesen. Das hätte doch bekannt sein müssen.

„Ich bin sicher, dass das eine Kommunikationspanne war“, sagt Susanne Schwendtke, Pressesprecherin von „fördern&wohnen“. Aber an den Zuständen selbst ließe sich nicht viel ändern. Die Flüchtlinge werden weiter in einer Halle schlafen müssen. „Wir können verstehen, dass die Leute enttäuscht sind“, sagt Schwendtke. „Da würde niemand von uns gern untergebracht sein.“

Container allerdings seien den Flüchtlingen nicht versprochen worden, betont sie. Und: „Wir sind froh, überhaupt eine beheizbare Halle zu haben, im Moment kämpfen wir gegen die Obdachlosigkeit.“ Denn bald kommt der Winter, und noch immer kommen rund 400 neue Flüchtlinge am Tag nach Hamburg.

Stadtstaaten sind überlastet

Ein Problem, mit dem sich auch andere Städte herumschlagen, wo Flüchtlinge inzwischen sogar auf der Straße schlafen. Nicht aus Protest. Sondern weil die Unterkünfte überfüllt sind.

In dem leerstehenden Baumarkt im Osten Hamburgs werden nun Trennwände aufgestellt, fehlende Betten organisiert, die Lage normalisiert sich etwas – den Umständen entsprechend. An dem eigentlichen Problem ändert das nichts: Stadtstaaten wie Berlin und Hamburg bekommen gemäß ihrer Einwohnerzahl und ihrer Wirtschaftskraft Flüchtlinge zugewiesen. Demnach muss Hamburg mehr Flüchtlinge aufnehmen als das 30 mal größere Mecklenburg-Vorpommern. Dass es in der dicht besiedelten Großstadt kaum Platz gibt, das berücksichtigt der Königsteiner Schlüssel nicht. Er richtet sich nur nach Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft.

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Ein paar Familien schlafen aus Protest gegen die Zustände in der Flüchtlingsunterkunft im Freien. © Anja Reumschüssel

Um das Problem zu lösen, will der Hamburger Senat nach einem neuen Gesetzentwurf künftig leerstehende Gewerbeflächen für Flüchtlingsunterkünfte beschlagnahmen können. Die Immobilienbesitzer sollen für die Nutzung ihrer Räume zu marktüblichen Preisen entschädigt werden. (mehr zum Thema Leerstand für Flüchtlingsunterkünfte nutzen, findet ihr hier)

Es wird also bei Massenunterkünften bleiben, leerstehende Wohnungen, die es in Hamburg sowieso kaum gibt, sollen nicht beschlagnahmt werden. „Mehr als eine beheizte Halle geht im Moment nicht, der Winter steht vor der Tür“, sagt Pressesprecher Reschreiter. „Da werden sich die Flüchtlinge arrangieren müssen, dass die Unterbringung kein 3-Sterne-Hotel ist.“