Frank Oceans neues Album ist ein Meisterwerk – aber braucht es all das Gesäge?

„Blonde“ und „Endless“ umfassen das Beste, was Black Music momentan zu bieten hat – aber wieso zum Teufel braucht es für diese Erkenntnis ein Magazin, einen Livestream und ein Visual Album?

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Frank Ocean bei den Grammy Awards in Los Angeles, 2013. © picture alliance / AP Photo

Der Livestream ist ganz in schwarz-weiß gehalten. In einem karg eingerichteten Lagerhaus läuft ein Mann hin und her, greift sich etwas Holz und beginnt an einer Werkbank zu sägen. Rechts von ihm erklingen aus einer meterhohen Wand aus Lautsprechern ab und zu Streicher und Synthesizer, die nach wenigen Minuten wieder verstummen. Nach einigen Stunden der Arbeit verlässt der Mann den Raum – und die Besucher von Frank Oceans Webseite sind so schlau wie vorher. Frust macht sich ebenso breit wie die Frage, ob Ocean die Lorbeeren verdient hat, die ihm vor vier Jahren zugeschrieben wurden. Immerhin ist Ocean seit der Veröffentlichung von „Channel Orange“ 2012 fast komplett abgetaucht.

Während Ocean Holz bearbeitet, ist es fast unmöglich, sich nicht an die Veröffentlichungsstrategien der diesjährigen Alben anderer Black-Music-Ikonen zu erinnern. Wie bereits im Falle ihres Albums „Beyoncé“ veröffentlichte Beyoncé „Lemonade“ als Visual Album – die Songs wurden von einem Video in Spielfilmlänge begleitet. Rihannas „ANTI“ ging eine Ausstellung in Los Angeles voraus, in der das dazugehörige Artwork vorgestellt wurde.

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In beiden Fällen nutzten die Musikerinnen andere, etablierte Kunstformen, um ihr eigenes Werk als intellektuell und künstlerisch wertvoll hervorzuheben. Dabei strebten beide nach einer Etablierung und Rekontextualisierung einer Ikonografie schwarzer Körper in der Gegenwartskunst. Black mag hip geworden sein – unter Umständen aber auch ein Todesurteil und ein Leben der Unterdrückung und Ausbeutung bedeuten.

Gesäge, Gehämmer und Getue – was soll das?

Während Beyoncé nicht die mäßige Qualität ihres doch sehr biederen Popalbums durch den teils populistischen, teils visuell beeindruckenden Film verschleiern konnte, gelang es Rihanna sich vor dem Großteil der Medienwelt als nun erwachsene und ernstzunehmende Musikerin zu vermarkten. Doch der Stream auf Oceans Webseite ist kryptischer in seinen Absichten.

Ästhetisch erinnert die Schwarz-weiß-Optik an die Fotografien des Niederländers Anton Corbijn, in seiner Nutzung von virtuellen Live-Übertragungen an die jüngsten Performances des Hollywood Enfant Terribles Shia LaBeouf. Was das ganze Gesäge, Gehämmer und Getue aussagen soll, bleibt aber im Verborgenen. Eine Message ist so schwer zu verorten wie eine Melodie in der sporadisch auftretenden Hintergrundmusik. Auf den üblichen Message Boards wird derweil eine „Was soll der Scheiß?“-Haltung spürbar. Wieso veröffentlicht Ocean nicht einfach das Album, so wie es Kendrick Lamar mit seiner unbetitelten Outtake-Sammlung bereits Anfang dieses Jahr getan hat?

Während eine weitere von Apple Music angekündigte Deadline verstreicht, zimmert Ocean in seinen Designerklamotten lustig weiter. Immerhin wurde zwischenzeitlich bekannt, dass ein neues Frank-Ocean-Album vorerst ausschließlich über den Streaming- und Downloadservice von Apple Music käuflich sein wird. Ganz so wie „ANTI“, „Lemonade“ und auch Kanye Wests „Life of Pablo“, die alle vorerst ausschließlich auf Jay-Zs Streaming Plattform TIDAL zu hören waren.

Es ist ein kurzer Schritt vom Poptimismus zum Afro-Pessimismus

Künstlerische Kontextualisierung von rassistischer Unterdrückung und Emanzipation wird als exklusives Luxusobjekt bei kapitalistischen Riesen vermarktet – und zwingt nebenbei jeden, der dabei sein will, sein Geld zu einem Imperium zu tragen. Pop als Kunst wird Konsumgut – vom Poptimismus ist es nur ein kurzer Schritt zum Afro-Pessimismus. Man wird den Eindruck nicht los, dass bei all der Einbeziehung von etablierten Kunstformen das eigentlich zentrale Kunstwerk des Langspieltonträgers auf der Strecke bleibt, als ginge es primär darum, noch mehr von Kritiker*innen und Intellektuellen akzeptiert zu werden und dadurch noch mehr Kapital zu machen.

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Und plötzlich ist da ein neues Frank Ocean Visual Album: „Endless“. Dass der Film, der die Arbeiten in der Lagerhalle zusammenfasst, lediglich eine Marketingidee von Apple Music ist, wirkt wahrscheinlich. Zu wenig Ausdruck und zu viel Narzissmus liegt in Oceans Darstellung als moderner Zimmermann in Markenpullis. Dass am Ende eine Treppe in der Halle steht, sagt nicht viel aus.

Dass man sich bei Apple Music registrieren muss, um das Visual Album zu konsumieren, aber schon. Die Kunst von „Endless“ liegt in der experimentellen, minimalistischen Musik, die collagenhaft aber trotzdem stimmig wirkt. Es macht sich der Eindruck eines Mixtapes oder einer „Outtake“-Sammlung breit. Wie gut muss ein Album sein, von dem „Endless“ die weggeworfenen Überreste sind?

Oceans bisher gelungenstes Werk

Wenige Stunden später wird diese Frage durch „Blonde“ beantwortet – dem eigentlichen Album. Es ist Oceans bisher gelungenstes Werk, eine vielschichtige Sammlung von hoch emotionalen und politischen Songs. Mithilfe von Vocodern entfremdet Ocean Stimmen von Gastsängern, bis sie gänzlich asexuell und undefinierbar klingen. Körper- und Geschlechteridentitäten verschwimmen. In „Nikes“ wird der ermordete Trayvon Martin in einem Kontext mit verstorbenen Rappern genannt, gefolgt von der Erkenntnis, dass Ocean und Martin sich ähneln, das gleiche Schicksal hätten teilen können. Black Culture trifft auf Zitate der Beatles oder Elliott Smith, die Credits nennen David Bowie und Johnny Greenwood von Radiohead. Deren „A Moon Shaped Pool“ ähnelt Oceans geteiltem Doppelalbum. Zurückhaltend psychedelische Musik, die bereits im Moment ihrer Veröffentlichung mythologisch aufgeladen wirkt, inklusive Wolfgang Tillmans Coverfoto. Eine Art „SMiLE“ des Black Musik.

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Und doch kommt die Hype-Maschine nicht zur Ruhe: In London, Los Angeles, New York und Chicago werden in Pop-Up-Shops Hochglanzmagazine verteilt. Die „Boys Don’t Cry“ betitelten Hefte beinhalten eine CD mit den Songs von „Blonde“. Wer nicht in den vier ausgewählten Städten lebt, muss versuchen eine Kopie bei Ebay zu bekommen, wo einzelne Hefte bereits locker die 300 € Marke knacken.

Aber wer braucht den Hype, die Pseudo-Kunst und das ganze intellektuelle Getue, um „Blonde“ zu verstehen oder sich davon berühren zu lassen? Es scheint unwahrscheinlich, dass sich in 25 Jahren noch jemand an das Magazin und überlange Musikvideos erinnern wird. Apple Music wird es dann vielleicht auch nicht mehr geben. „Blonde“ und „Endless“ aber werden bleiben, egal in welcher Form! Dadurch lässt sich echte Kunst ausmachen: durch Langlebigkeit, nicht durch Promotion-Gags.