Frauen in der Popmusik: Hinter den Kulissen gibt’s zu viel Testosteron

Wie dick ist die gläserne Decke im Musikbusiness? Wenn man sich ansieht, wie viele Positionen in Labels mit Frauen besetzt sind, kann man es erahnen.

Das ehemalige Team von AdP Records mit seiner alten Labelchefin Tess Rochholz (2. v. l.) Foto: detektor.fm

Dieser Text ist ein Auszug der multimedialen, interaktiven Scrollytelling-Geschichte „Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann“ von detektor.fm.

Vielleicht wäre Tess Rochholz ohne Revolution Girl Style und Girl Power nicht da gelandet, wo sie heute ist. Als Studentin wurde sie durch ein Fernsehinterview bei einem Festival vom Gründer des Indie-Labels AdP Records entdeckt und stieg dort innerhalb weniger Jahre in die Spitze auf. Als Labelmanagerin entschied Rochholz jahrelang, welche Bands das Label vertrat und welche nicht.

Neben den bekannteren, rein männlich besetzten I Heart Sharks und I’m Not A Band sind mit Marla Blumenblatt, Ginger Redcliff und Kat Vinter auch einige Musikerinnen bei dem Label – allesamt Solo-Künstlerinnen. Rochholz hätte gerne noch mehr Frauen im Repertoire. Passe eine Musikerin oder eine weiblich besetzte Band zu AdP, dann nehme sie diese sofort unter Vertrag.

Bis September war Rochholz Vorstand beim Branchen-Verband Unabhängiger Musikunternehmen VUT und hat dort die Initiative Music Industry Women ins Leben gerufen, um Frauen in der Musikszene besser zu vernetzen und zu fördern. Wie ihre männlichen Kollegen wird sie trotzdem nicht immer behandelt, erzählt sie uns im Interview. Frauen würden meist unterschätzt, meint Rochholz, allerdings täten sie das oft auch selbst. Ihnen fehle es häufig an Selbstbewusstsein.

Alltagssexismus ist unschön, aber ich nehme das nicht sehr persönlich.

– Tess Rochholz

Tess Rochholz hat es mit Mitte 20 schon in eine Führungsposition gebracht. Das ist in der Musikwirtschaft nicht typisch, wobei das Besondere nicht nur ihr Alter ist. Die CEOs der drei größten Majorlabels weltweit heißen Stephen Cooper (Warner Music), Lucian Grainge (Universal Music) und Doug Morris (Sony Music) – allesamt Männer – und das, obwohl bei der Gesamtheit der Labelangestellten das Geschlechterverhältnis bei der letzten Erhebung 2013 relativ ausgeglichen war.

Weniger Gehalt für wenige Frauen

Im Unterschied zu anderen Branchen arbeiten viele Menschen in der Musikwirtschaft nicht in einem Nine to five-Job, sondern selbstständig. Laut einem Bericht des Bundestags sind es beispielsweise bei den Musiker*innen knapp die Hälfte – und damit fünf mal mehr, als in anderen Bereichen. 2015 war der Frauenanteil unter den Selbstständigen insgesamt ähnlich hoch wie bei den Labelangestellten, laut statistischem Bundesamt lag er bei 40 %. Allerdings verdienen die weiblichen Selbstständigen, die derzeit bei der Künstlersozialkasse erfasst sind, fast ein Viertel weniger als ihre männlichen Kollegen.

Langfristig seien Frauen und Männer in der Selbstständigkeit ähnlich erfolgreich und trotzdem zweifelten sie eher an ihren Fähigkeiten, wie der Global Entrepreneur Monitor von 2015 zeigt.

Die Zahlen beschreiben das Hier und Jetzt. Mit der Zukunft von Frauen im Musikbusiness beschäftigen sich einige Klubs und Initiativen, beispielsweise das von Tess Rochholz gegründete Netzwerk Music Industry Women. Im Zentrum der Aktivitäten steht laut Rochholz ein Paten-Programm, bei dem in der Musikbranche bereits erfolgreiche Frauen wie die Gründerin des Berliner Labels Snowhite Desiré J. Vach mit Berufsanfängerinnen zusammenkommen und Tipps geben. Rochholz will so mehr junge Frauen dazu motivieren, in der Branche Fuß zu fassen und Führungspositionen anzustreben.

Daneben gibt es diverse Frauen-Initiativen und Netzwerke im In- und Ausland, die sich eher der Nische als dem großen Ganzen annehmen. female:pressure ist so ein Netzwerk, das dem Missverhältnis zwischen weiblich und männlich besetzten Bands bei (Electro-)Festivals entgegenwirken will. Seit 1998 arbeiten die Mitglieder dort kontinuierlich an einer internationalen Datenbank von Musikerinnen aus der Electro-Szene und veranstalten mit dem Perspectives Festival ein Electro-Festival, auf dem hauptsächlich Künstlerinnen auftreten.

Ein ähnliches Ziel verfolgt das Leipziger Frauenfestival, das erstmals 2015 veranstaltet wurde und bei dem auch Bernadette La Hengst auf der Bühne stand.

Bernadette La Hengst

Bernadette La Hengst. Foto: detektor.fm
Bernadette La Hengst. Foto: detektor.fm

La Hengst steht auf einem dicken Flokati-Teppich, der den hohen Raum ihrer Berliner Altbauwohnung ein wenig dämmen soll, “wegen der Nachbarn”. Eine beachtliche Anzahl Instrumente macht den Raum zum Musikzimmer; mehrere Keyboards und Gitarren säumen den Teppich, Mikrofone, Kabel und Amps stehen herum, einzig vom Klavier gibt es nur ein Exemplar.

An der Wand hängt ein großes weißes Stoffbanner mit dem Schriftzug “Café Europa”, auf Deutsch und in arabischen Schriftzeichen. Ein Überbleibsel ihrer Reise nach Spanien und Marokko, wo die Musikerin ein neues Album aufgenommen hat, mit Spanierinnen und Spaniern und Marokkanern. Marokkanerinnen, die Musik machen, habe sie hingegen nicht getroffen – Frauen seien in der dortigen Musikszene quasi unsichtbar, erzählt La Hengst.

Wir wurden extrem als ‚Mädchenband‘ dargestellt.

– Bernadette La Hengst

Popfeminismus als Thema

Sie räumt noch ein wenig herum, stellt ein paar Gitarren vor die Kamera. Eine Frau, die Gitarre spielt, das ist die Botschaft. “Das war damals schon etwas Besonderes”, erinnert sie sich. Damals, das heißt Anfang der 90er, als La Hengst die Band Die Braut haut ins Auge gründete, die man heute der Hamburger Schule zuschreibt. Blumfeld, Die Sterne und Tocotronic waren ihre erfolgreichsten Vertreter, allesamt rein männlich besetzte Bands. Mit fünf Frauen an den Instrumenten war Die Braut Haut Ins Auge damals tatsächlich eine Ausnahme.

Mittlerweile macht La Hengst solo Musik, Theater und den Popfeminismus zum Thema. Im Vergleich zu Zeiten der Hamburger Schule habe sich in der Indie-Szene in Sachen Gleichberechtigung nicht wirklich viel getan: noch immer sei es für Frauen schwer, sich in Musikzeitschriften durchzusetzen oder auf Festivals gebucht zu werden. Gerade deshalb sei es wichtig, sich mit anderen Frauen zu vernetzen, sich gegenseitig zu unterstützen – und die Angelegenheit in den Fokus zu rücken.

Frauen wie Bernadette La Hengst beherrschen und besitzen Equipment en masse. Schaut man sich aber die Popstars unserer Zeit an, steht den Instrumentalistinnen und Songschreiberinnen im Pop ein großes Heer an reinen Sängerinnen gegenüber. Man kann sich vorstellen, dass die Diskrepanz in den Geburtsstunden des Pops noch viel größer war. Doch wie in anderen Bereichen der Gesellschaft, hat es auch im Musikgeschäft Pionierinnen und Heldinnen benötigt, um am Status quo der Bandbesetzungen etwas zu ändern.


Von Isabelle Klein und André Beyer

Die multimediale, interaktive Scrollytelling-Geschichte „Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann“ ist ursprünglich auf detektor.fm erschienen.

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