Frauen können im Stehen pinkeln: eine Liebeserklärung an Urinella

Unsere Autorin muss da mal eben der womöglich genialsten Erfindung der Neuzeit ihre Liebe gestehen.

Freiheit! Stehen! Pinkeln! © andreas mang / photocase.de

Liebste Urinella,

ich schreibe dir, da mir letztens mal wieder schmerzlichst auffallen musste, wie sehr du mir manchmal fehlst. Bei einem Besuch im Berghain hat meine Blase so sehr gedrückt, dass ich fast in die nächstbeste Ecke gepinkelt hätte. Von mir aus auch auf die Tanzfläche. Wie immer waren die Toiletten mehr als überfüllt und mein Begleiter blickte mich nur mitleidig an, während er sich an der Pissrinne entleerte. Wie konnte ich dich nur vergessen?

Ich weiß noch, als ich dich kennenlernte und zum ersten Mal in den Genuss deiner Praktikabilität kommen durfte. Unter dem Namen Fusionella nahm ich dich mit in die Pinkel-Schnecken des Fusion-Festivals, wo ich mich inmitten einer Schar Jungs platzierte. Rock etwas hoch, Höschen zur Seite, die längliche, orange Pappe mit der größeren Öffnung an meine Vulva geklemmt und, schwups, konkurrierte mein Strahl mit denen meiner Nachbarn. Die Blicke waren nicht schlecht.

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Doch so revolutionär du mir in diesem Moment erscheinen mochtest, die Fusion war mitnichten das erste Festival, das der weiblichen Blase entgegenzukommen suchte. Generell ist Deutschland hier ein Spätzünder. Bereits 1922 warst du offiziell dokumentiert, als Patentanmeldung der klugen Edyth Lacy, von der leider sonst recht wenig bekannt ist. Als sanity protector wollte sie dich an die Frau bringen, doch schien sie ihrer Zeit noch etwas voraus, die Urinella wurde erst Jahre später öffentlichkeitskonform. Stefanie Bartels folgte erst 1994 mit der ersten deutschen Patentanmeldung, doch auch hier brauchte es noch zwei weitere Jahre, bis man die Urinella schließlich bestellen konnte. Derweil wurdest du in den Staaten sogar an Armee-Frauen verteilt. Das erste Festival durftest du dann im Jahr 2000 besuchen. Auf dem Glastonbury Festival wurden für deine Nutzung sogar extra Urinale für Frauen eingerichtet.

Ach, liebste Urinella, ich muss ja zugeben, ich nutze dich nicht sehr oft. Ich habe nämlich echt wenig Probleme damit, mich einfach in den nächsten Busch zu hocken. Einen nackten Po hat jede*r schon einmal gesehen. Aber wenn ich so vor der Pissrinne im Berghain stehe, vermisse ich dich schon sehr. Zumal viele öffentliche Toiletten schlichtweg nicht zum Sitzen einladen. Ein ewiger Kreislauf ist das, wenn man sich nicht hinsetzen mag und der eh schon feuchten Klobrille noch ein paar weitere Pipiflecken verpasst. Komisch eigentlich, wenn man bedenkt, dass in der Antike angeblich noch die umgekehrte Pinkelform Standard war. Da standen nämlich die Frauen beim Wasserlassen, während die Männer saßen. Ich schätze, hier zeigt sich mal wieder der Einfluss der Gesellschaft auf die Geschlechterrollen. Aber du, liebe Urinella, kannst deinen Teil dazu beitragen, dies zu ändern.

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Natürlich bist du noch nicht perfekt – niemand ist das. Du könntest zum Beispiel noch an deiner Umwelttauglichkeit arbeiten. Durch deine meist beschichtete Form oder dem Körper aus Kunststoff kannst du einer Naturliebhaberin durchaus mal das Herz brechen. Auch gibt es noch kaum öffentliche Urinale für Frauen, aber da kannst du doch nichts für. Vielleicht wird das ja noch was mit diesen Unisex-Toiletten.

Außerdem ist es gar nicht so leicht, dich in der Form zu finden, die für einen persönlich am besten passt. Immerhin ist jede Vulva anders. Da kann der Trichter obenrum auch mal zu eng sein. Oder zu breit. Aber dafür gibt es dich ja inzwischen in so vielen verschiedenen Varianten. Nicht nur als Urinella bist du heute bekannt, auch als schweizer Pibella bist du beliebt. Und dort sogar als comfort- oder travel-Version erhältlich.

Doch bedarf es bei deiner Nutzung schon auch mal an Übung. Und nicht jede Version scheint astrein im Verkauf zu sein. Meine Freundin Anna bekam dich einmal in feinem Lila von mir zum Geburtstag geschenkt und kaum wollten wir das gute Stück einweihen, war der Schreck groß. Das Röhrchen war wohl verstopft und Annas Pipi lief oben wieder heraus. Upsi. Die Hose war dann etwas nass – was vor Ort zum Glück niemanden gestört hat.

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Aber so etwas passiert nicht oft. Ich jedenfalls habe dich nur ganz zuverlässig erlebt. Und das selbst in meiner eigens zusammengebastelten Variante. Das ist nämlich auch so toll an dir – man kann dich aus ein wenig beschichteter Pappe und etwas Tesafilm oder Kleber ganz leicht selber basteln. So hast du mich sogar bis nach Ecuador begleitet. Wie oft waren meine Freundin und ich stundenlang in den Anden unterwegs, weit und breit kein Klo in Sicht. Hosenstall auf, Pipi-Pappe rin, ab die Post. Äh, die Pipi.

Ach, Urinella, unsere Blasen danken dir!

In druckbefreiter Liebe, deine Leo.

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