Frauen mit Kopftuch müssen sich vier Mal so oft bewerben

Das Kopftuch ist vielen Deutschen ein Dorn im Auge. Das erleben wir seit Monaten – am deutlichsten an der Debatte um ein Burka-Verbot. Eine Studie legt nun nahe, wie sehr kopftuchtragende Frauen auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden.

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Mit Kopftuch haben Frauen weniger Chance auf dem Arbeitsmarkt. © Alex- / photocase.de

Manche Deutsche zeigen mit dem Finger auf muslimische Kulturen, wie diese ihre Frauen unterdrücken – dabei diskriminiert der Westen muslimische Frauen nicht weniger. Eine aktuelle Studie beleuchtet, wie schwer es Frauen auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland haben, die einen türkischen Namen oder ein Kopftuch tragen: Sie müssen sich 4,5 Mal öfter bewerben als eine Frau mit deutschem Namen – bei gleicher Qualifikation.

Für ihre Untersuchung hat die Ökonomin Doris Weichselbaumer von der Universität Linz in Österreich 1.474 fiktive Bewerbungen an Unternehmen in Deutschland verschickt. Es handelte sich um ausgeschriebene Bürotätigkeiten, wie Sekretariat oder Buchhaltung. Dabei hatte sich Weichselbauer abwechselnd mit einem deutschen und einem türkischen Namen beworben. Zusätzlich variierte sie zwischen Bildern derselben Frau – mit oder ohne Kopftuch.

Das Ergebnis: Die fiktive Deutsche Sandra Bauer wurde in 18,8 Prozent der Fälle zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Die fiktive Türkin Meryem Öztürk in nur 13,5 Prozent der Fälle – bei gleicher Qualifikation. Wenn sie auf dem Bild ein Kopftuch trug, sank die Rate sogar auf 4,2 Prozent. Und das obwohl das Kopftuch eher modern gebunden war und damit signalisieren sollte, dass die Bewerberin nicht streng religiös ist. Die Größe oder Ausrichtung (national oder international) des Unternehmens spielte dabei keine Rolle.

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„Die Ergebnisse weisen eindeutig auf die – bewusste oder unbewusste – Diskriminierung von Bewerberinnen mit Kopftuch und Migrationshintergrund hin“, sagt sie in ihrem Bericht (PDF). Doch nicht nur das: Je höher das Qualifikationsniveau, desto größer die Diskriminierung. Für die Bilanzbuchhaltung musste die kopftuchtragende Meryem Öztürk 7,6-mal mehr Bewerbungen verschicken – für die Stelle als Sekretärin 3,5-mal mehr als die Deutsche Sandra Bauer.

„Die Probleme von Migrantinnen auf dem Arbeitsmarkt werden oft einer geringeren Qualifikation zugeschrieben“, sagt Weichselbaumer in ihrem Bericht. Dabei werden diese unabhängig von ihrer Qualifikation diskriminiert, wie die Studie zeigt. „Man geht oft davon aus, dass Diskriminierung mit einem höheren Bildungsniveu sinkt. Allerdings werden Kopftücher in Positionen mit höherem Status als noch unpassender angesehen.“

Da viele Unternehmen standardisierte Antworten schicken, ist Diskriminierung im Bewerbungsprozess schwer nachweisbar. Die Studie von Weichselbaumer liefert einen Beweis, dass von Gleichberechtigung nicht die Rede sein kann – auch nicht zehn Jahre nach Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG), das genau solche Diskriminierungen verhindern soll.

„Wenn Integration funktionieren soll, muss die existente Diskrimnierung auf dem Arbeitsmarkt beseitigt werden“, sagt Weichselbaumer.