Frauen statt Studium – Warum ein 23-Jähriger sein Geld als Flirtcoach verdient

Andere gehen zum Feiern in den Club, Elias zum Arbeiten. Dort zeigt er Männern, wie sie bei Frauen besser ankommen. Die Geschichte einer Wandlung: vom Computerspielsüchtigen zum Flirtcoach

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Flirtcoach Elias und sein Schüler Ajay im Berliner Club Matrix. © Lea Zeichnet

Es ist kurz nach 24 Uhr, als der Coach seinem Schüler zum ersten Mal das Zeichen gibt. So wie es die beiden vorher besprochen haben und für Außenstehende leicht zu übersehen. Beide stehen an der Bar im Berliner Club Matrix. Es ist schummrig, hin und wieder blitzt Stroboskoplicht durch den Raum.

Der Coach hebt seinen Ellbogen leicht an und deutet damit auf zwei Frauen, die am Rand der Tanzfläche stehen. Dabei blickt er zu seinem Schüler und nickt ihm zu. Dann lässt er den Ellbogen sinken. Der Schüler hat verstanden. Das sind die Frauen, die er ansprechen soll.

Ajay* stammt aus Indien, seit zehn Jahren lebt er im Ausland. Erst in den USA, dann in England. Seit zwei Jahren ist der 33-Jährige in Berlin. Haar und Bart sind akkurat geschnitten, das Flanellhemd faltenfrei. Er möchte sein Auftreten gegenüber Frauen verbessern, vor allem seine Körpersprache. „Ich will attraktiver wirken. Dafür ist es gut, mit jemandem unterwegs zu sein, der besser ist als ich”, sagt er.

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Mit einer Cola-Flasche in der Hand geht er auf die Frauen zu, lächelt eine von ihnen an und sagt „Hi“. Sie lächelt zurück und antwortet. Je länger sie sprechen, desto näher kommt Ajay ihr. Sie weicht ein wenig zurück, unterhält sich aber weiter mit ihm.

Coach Elias*, 23, beobachtet die Szene. “Er ist ein bisschen zu präsent”, erklärt er. “Außerdem beginnt sich ihre Freundin zu langweilen. Ich geh jetzt mal dazu.” Er ist jetzt im “Set”. So nennt er eine Gruppe von Frauen in der Öffentlichkeit. Der Coach lächelt und spricht die andere Frau an. Sie lacht und prostet ihm mit ihrem Bier zu. Elias stößt mit seiner Cola an. Er trinkt nie Alkohol. Die vier stehen gemeinsam am Rande der Tanzfläche, wie zwei Paare, die gemeinsam im Club sind.

Nach etwa 15 Minuten beginnen sie zu tanzen. Elias legt den Arm um die Hüfte der Frau, mit der er gerade gesprochen hat. Er nimmt ihre Hand und dreht sie im Kreis. Sie lacht. Ajay und die andere Frau stehen daneben, etwas unschlüssig, wie sie sich verhalten und bewegen sollen.

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Nur eine halbe Minute später lässt der Coach seine Tanzpartnerin stehen und greift die Hand der Frau, mit der Ajay sich unterhalten hat. Sie blickt ihn überrascht an. Dann tanzt er 20 Sekunden eng umschlungen mit ihr, lässt sie stehen und wendet sich wieder ihrer Freundin zu. “Ich glaube, Elias hat gespürt, dass ich nicht wusste, wie ich mich ihr gegenüber verhalten soll,” erzählt Ajay später. Nun weiß er, was er tun muss. Der Schüler tanzt näher an die Frau heran, mit der er die ganze Zeit gesprochen hat und legt den Arm um ihren Rücken. Sie schließt ihre Augen und legt den Kopf in den Nacken. Eine halbe Minute später nimmt Ajay ihre Hand und zieht sie in die Mitte der Tanzfläche – weg vom Coach und der Freundin.

“Ich wollte sie isolieren”, sagt Ajay. Sie tanzen für die Dauer eines Liedes, dann dreht sie sich um und hält Ausschau nach ihrer Freundin. Ajay und sie gehen zurück an den Rand der Tanzfläche. Die beiden Männer stecken ihre Köpfe zusammen und Ajay sagt: „Lasst uns in den Raucherbereich gehen, da ist es ruhiger“. Der Schüler raucht, alle vier unterhalten sich noch fünf Minuten, tauschen Nummern aus. Dann ziehen die Frauen weiter.

Für Elias ist die Nacht im Matrix Arbeit. Er zeigt Männern, wie sie Frauen ansprechen sollen, gut bei ihnen ankommen und es vielleicht sogar zum „pull“ kommt – so nennt Elias es, wenn eine Frau mit nach Hause kommt.

Doch was bringt einen jungen Mann dazu, Flirtcoach werden zu wollen?

Acht Stunden täglich vor dem Rechner

Elias Biografie lässt zunächst nicht auf seinen jetzigen Job schließen. In einem Café am Alexanderplatz erzählt er einige Wochen zuvor von seiner Jugend. Der fränkische Akzent seines Heimatdorfs ist noch zu hören. Wenn er spricht, sieht er seinem Gegenüber immer direkt in die Augen.

Er wächst gemeinsam mit einer jüngeren und einer älteren Schwester auf. Mit 14 verfällt er dem Computerspiel “World of Warcraft”. Drei Jahre lang spielt er acht Stunden täglich. Heute sagt er: “Ich war ganz klar süchtig.”

© Lea Zeichnet
Abgetaucht in World of Warcraft. © Lea Zeichnet

Irgendwann merkt er, dass er keine Freunde mehr hat, die Noten schlechter werden und seine Klassenkameraden erste Erfahrungen mit Frauen machen – während er in seinem Zimmer sitzt. Mit 17 schafft er es, mit dem Spielen aufzuhören. Er macht Abitur und beginnt ein Bauingenieurs-Studium in Nürnberg, wohnt aber weiter zu Hause. Mit seiner Freizeit weiß er nichts anzufangen. “Ich war extrem unglücklich und bin in eine leichte Depression reingerutscht”, sagt er.

Mit 19 Jahren zieht er in ein Student*innenwohnheim nach Regensburg und beginnt ein Mathe-Studium. Er schaut Pornos, zum Teil sechs Stunden am Tag. Bis dahin hat er noch nie eine Frau geküsst oder Sex gehabt. “Ich hab mich immer gefragt, wie andere Männer Erfolg mit Frauen haben. Irgendwo muss es doch diese Leute geben, die voll die Player sind.” Er googelt und stößt auf “Die perfekte Masche” von Neil Strauss. Das Buch wird sein Leben verändern.

Was wollen Pickup Artists?

Der Autor tauchte für zwei Jahre in die Welt der Pickup Artists ein und bezeichnet sich später selbst als Profi-Anbaggerer, der reihenweise Frauen abschleppt. Strauss beschreibt auch Seminare, in denen Teilnehmer unter Aufsicht der Coaches im Club “Jagd auf ahnungslose Frauen machen”.

Pickup Artists sind meistens Männer. Sie versprechen sich durch Arbeit an Körpersprache, Erscheinungsbild und Gesprächstechniken bessere Chancen beim anderen Geschlecht. Ob dadurch nur eine schnelle Nummer rausspringt oder eine langfristige Beziehung, soll jeder selbst entscheiden.

In Deutschland standen Pickup Artists vor allem wegen Julien Blanc in der Kritik. Er prahlte damit, mit einer Frau geschlafen zu haben, die nicht wollte. Er rechtfertigte sogar, Gewalt anzuwenden. Australien erteilte ihm daraufhin ein Einreiseverbot. Ein in Berlin geplantes und schon ausgebuchtes Seminar sagte er ab – der Protest dagegen war zu groß.

Das deutsche Pickup-Forum distanzierte sich von Blancs Methoden. Das Ideal eines Pickup Artists sei “der reife und souveräne Mann”. Wie viele in der Szene dennoch mit Blanc und seinen Methoden sympathisieren, lässt sich schwer sagen.

Sie kommt mit aufs Zimmer

Elias mag das Wort Pickup Artist nicht besonders. “Meistens verwenden das Leute, die sich gar nicht wirklich mit dem Thema auskennen und nur verzerrte Artikel kennen“, sagt er.

Strauss’ Buch ist damals für ihn ein Augenöffner. Er taucht in eine Welt ein, in der es darum geht, wie man Frauen am raffiniertesten von sich überzeugt. Einige Zeit später wendet er das Gelesene zum ersten Mal an. In der Bar im Erdgeschoss des Wohnheims steigt eine Erasmus-Party. Irgendwann sitzt eine Frau neben ihm auf einem der Sofas. Die beiden führen Small Talk: “Wo kommst du her, was studierst du?” Er spürt, wie sie ihm näher kommt. Und dann passiert es. Er fragt sie: „Hast du schon mal ein Wohnheim-Zimmer gesehen?” Sie sagt: “Nein.” – “Dann komm mit zu mir in den dritten Stock. Ich zeig dir meins.” Und sie sagt „ja“.

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Elias auf der Erasmusparty im Student*innenwohnheim in Regensburg. © Lea Zeichnet

Elias, was ist damals passiert auf dem Zimmer?

Wir hatten keinen Sex, aber ich hab sie ein bisschen gefingert. Aber da hab ich gemerkt, wie einfach das ist.

Wie einfach was ist?

Na, Frauen mit nach Hause zu nehmen.

Ohne das Buch wäre das nicht passiert?

Ich hätte mich wahrscheinlich nicht getraut, sie zu fragen. Und vielleicht hätte ich nicht verstanden, dass sie mich auch mag, wenn sie mich berührt.

Und ab da hast du öfter Frauen angesprochen?

Ja, dann fing es langsam an, dass ich Erfolge hatte. Ich hab viel über das Thema geredet, Bücher gelesen und geguckt, dass ich Leute finde, die so sind wie ich. Die rausgehen und Frauen ansprechen.

Ging es dir darum, sie ins Bett zu bekommen oder warst du auf der Suche nach einer Freundin?

Eigentlich beides. Hätte ich eine kennengelernt, in die ich mich richtig vergucke, hätte ich bestimmt eine Beziehung angefangen. Das Ziel ist schon immer, jemanden kennenzulernen, den man wirklich mag.

Hattest du denn mal eine feste Beziehung?

Ja, zwei, das ist aber schon ein paar Jahre her. Eine für sechs Monate, eine für drei. Aber ich war unglücklich. Zum einen, weil der Sex nicht gut war und zum anderen, weil ich noch nicht so viel Erfahrung mit anderen Frauen hatte. Wenn du keine Referenzen hast, weißt du gar nicht, was du verpasst.

Wie kamst du zu diesen Erfahrungen?

Ich bin nach Nürnberg gezogen und da hab ich dann jemanden aus der Pickup-Artist-Community kennengelernt. Ich kenne in Deutschland bis heute eigentlich keinen besseren. Der war auf einem viel höheren Niveau als ich. Ich hab mir viel von ihm abgeschaut und fand das Ganze so cool, dass ich es die ganze Zeit gemacht hab.

Was ist so cool daran?

Ich habe gerne Sex, und Frauen anzusprechen macht einfach total viel Spaß. Die ersten zwei Jahre, die ich das gemacht hab, waren die besten meines Lebens. Ich bin von dem sozial zurückgebliebenen Jungen zu einem geworden, der viel sozialer ist, der sich überall mit jeder Person unterhalten kann, der viel mehr Spaß hat.

Hast du deine Computerspielsucht vielleicht einfach durch eine Sucht nach Frauen ersetzt?

Das würde ich nicht sagen. Aber vielleicht bin ich sexsüchtig.

Wie viele Telefonnummern von Frauen sind in deinem Handy?

So um die 600.

Und mit wie vielen Frauen hast du geschlafen?

Schwer zu sagen. Mit mehr als 100 bestimmt.

Wie kam es dazu, dass du andere Männer coachst?

Irgendwann hat sich rumgesprochen, dass ich gut mit Frauen bin. Dann kamen Leute zu mir und haben nach Tipps gefragt. Die ersten Coachings habe ich umsonst gegeben und nach einer Zeit habe ich dann einfach Geld dafür verlangt.

Wie viel?

50 Euro pro Stunde.

Wann hast du dich entschieden, dein Studium abzubrechen und als Flirtcoach in Berlin zu arbeiten?

Als ich in Nürnberg gewohnt habe. Da ich habe jemanden kennengelernt, der sich damit selbständig gemacht hat und dachte mir, dass ich das auch machen möchte. Ich hab auch keine finanziellen Sorgen im Moment. Ich habe ein bisschen Angst, was die langfristige finanzielle Zukunft angeht. Aber das liegt allein an mir. Dass es geht, wurde bewiesen.

Wer sind deine Kunden?

Da ist alles dabei. Vom Millionär bis zum Hartz-IV-Empfänger, vom 18-Jährigen bis zum 50-Jährigen.

Wie finden sie dich?

Meist über Mund-zu-Mund-Propaganda. Und über Facebook oder meine Website.

Willst du ihnen helfen, Frauen ins Bett zu bekommen oder die Frau fürs Leben zu finden?

Je nachdem, was der Kunde will. Weder hab ich Lust, totale Romantiker zu haben, die nur glauben, dass es wirklich die Eine im Leben gibt, weil da glaube ich nicht dran. Ich will später auch mal zwei Kinder haben, allerdings nicht in einer monogamen Beziehung. Aber ich habe auch keinen Bock jemanden auszubilden, der ein negatives Bild von Frauen hat, sie verachtet oder dem es nur um Macht geht. Am liebsten sind mir solche, die so sind, wie ich früher war. Ich will schüchternen Leuten helfen; ihnen zeigen, wie sie sozialer werden und Erfolg mit Frauen haben.

Gibt es den einen Anbaggerspruch, der immer zieht?

Nein, jede Frau ist anders. Darum geht es auch nicht. Viele wissen gar nicht, wie man flirtet oder eine Frau im Club überhaupt anspricht. Da reicht ein “Hi, wie geht’s. Was treibt dich hierher?” Vielen muss man die Angst vor einer möglichen Ablehnung nehmen. Sie sollen lernen, möglichst authentisch rüberzukommen. Viel hat auch mit den Basics zu tun. Körpersprache, Blickkontakt und wie laut man redet.

Nachbesprechung. © Lea Zeichnet

Der Schüler ist zu aufdringlich

Mit Ajay ist Elias noch nicht ganz zufrieden. Er ist häufig zu aufdringlich. Im Club streichelt er zum Beispiel einer Frau von hinten über die Schulter, mit der er noch gar nicht gesprochen hat. Sie zuckt zur Seite und geht weg.

Elias gönnt Ajay keine Ruhepausen, schiebt ihn durch das Matrix. Sein Ellbogen hebt sich noch sieben weitere Male. Die meisten Gespräche, die Ajay beginnt, sind jedoch nach wenigen Minuten zu Ende. Manche Frauen schütteln nur den Kopf und gehen sofort weiter. Mit insgesamt zwei neuen Telefonnummern von Frauen verlassen die beiden um 2 Uhr den Club. Es geht zur Nachbesprechung, Teil eines typischen Coachings. Es umfasst eine Stunde Vorgespräch, in dem die Wünsche des Kunden besprochen werden und Elias abklopft, auf welchem “Level” sie sind. Dann folgen zwei Stunden im Club und eine halbe Stunde Nachbesprechung. Dafür zahlen die Kunden 175 Euro.

Der Trick gegen die Müdigkeit

Die beiden setzen sich vor einen Dönerstand in der Warschauer Straße, Elias holt sich ein Falafel-Sandwich. Ajay raucht und lässt den Abend Revue passieren: “Ich bin zufrieden. Ich habe getan, was ich konnte.” Elias sagt: “Wie du Mädels auf der Bank angesprochen hast, war super.” Der Coach hält seine Faust in Richtung des Schülers. Der schlägt mit seiner sachte ein.

“Nicht so gut war, wie ich manche Frauen berührt hab. So als ob sie Freundinnen wären”, sagt Ajay. Elias nickt. “Manchmal war es zu intim. Wenn du eine Frau ansprechen möchtest, dann tippe ihr leicht mit der Hand auf die Schulter.” Ajay will diesen Ratschlag befolgen. Dann sagt er: “Irgendwann bin ich außerdem total müde geworden und konnte nicht mehr.”

Elias blickt von seinem Sandwich auf und antwortet: “Darum esse ich immer gut, bevor ich rausgehe.” Dann zieht er aus seiner Lederjacke einen Energieriegel und zeigt ihn Ajay. “Für den Notfall. Hab ich immer dabei.”

Nach dem Essen stehen beide auf, überqueren die Warschauer Straße und gehen zurück ins Matrix. Sie wollen weitere Frauen ansprechen – jetzt jeder auf eigene Faust.


* Namen geändert

Hinter der Geschichte:

Elias hat sich bei ze.tt gemeldet, nachdem er den Artikel “33 Jahre und noch nie Sex – der harte Weg zur ersten Partnerin” gelesen hatte. Er bot an, den darin portraitierten Mann zu coachen – ohne dafür Geld zu verlangen. Die beiden trafen sich einmal, zu weiteren Treffen kam es nicht.