Freizeitstress? Mach doch einfach mal das, was du wirklich willst

Endlich haben wir Zeit für uns. Und am Montag werden wir uns wieder vornehmen: Am nächsten Wochenende werden wir uns wirklich mal entspannen. Wieso vergeht Freizeit so schnell?

LasseSiegmund / photocase.com

Ein Wochenende mit Freunden hinterlässt viele gute Erinnerungen zurück – vergeht aber auch schnell. LasseSiegmund / photocase.com

Freizeitstress heißt das böse Wort. Endlich Feierabend, endlich Wochenende. Nur noch schnell einkaufen, eine Waschmaschine, dann die Verabredung, die wir ja gern absagen würden aber nicht können. Nicht schon wieder. Und wenn wir es könnten? Endlich Zeit für eine neue Staffel der Lieblingsserie und huch, schon wieder Schlafenszeit. Was bleibt ist die Frage: Wo ist die Zeit geblieben?

Die Antwort ist einfach: Die Zeit war da, aber unsere Aufmerksamkeit war woanders. Und das ist ein spannendes Paradoxon. Wir wollen unsere Zeit unbedingt gut nutzen, andererseits nehmen wir uns immer wieder vor, mal etwas „Zeit“ zu haben.

Schnell ist langsam ist schnell

Zeit nehmen wir auf zwei Arten wahr: langsam oder schnell. Doch das ist nur eine Hälfte der Wahrheit. Denn in der Rückschau verhält es sich ganz plötzlich umgekehrt. Meine Kollegin Josie war neulich im Berliner Bürgeramt, dort verbrachte sie unfassbare vier Stunden. Smartphone-Ablenkung hin oder her: Das war hart. Vier Stunden in einem Raum mit gelb lackierten Wänden auf harten Plastiksitzen. In der Rückschau schrumpfen die vier Stunden Elend zusammen auf: Sie saß da und musste warten und dann ging sie wieder raus und draußen schien die Sonne.

Wie anders ist es mit einem schönen Abend? Die Zeit, die ich am Mittwochabend bei einer Freundin verbrachte, war viel zu schnell vorüber. Rückwirkend betrachtet haben wir gefühlt 12 Stunden miteinander verbracht, so viele Erinnerungen habe ich an die Gespräche, den Wein, die Pasta, die alten und die neuen Geschichten.

Die Zeit geht am schnellsten vorüber, wenn wir sie nicht beachten. Das funktioniert auch, wenn wir nur kurz auf dem Smartphone daddeln. Der Unterschied zur guten Zeit mit Freunden ist: Vom Daddeln bleiben uns keine guten Erinnerungen zurück. Die Zeit vergeht schnell und es bleibt auch nichts davon zurück. Mit Freunden im Park mag der Sonntag viel zu schnell vorbei sein, doch die Erinnerungen halten an.

Der Philosoph John Locke misst die Zeit in Ideen. Seine Erklärung für unsere Zeitwahrnehmung ist griffig: Wenn wir denken, dann bleibt etwas zurück. Denken wir nicht, dann wird auch nichts gespeichert. Deshalb vergeht die Zeit beim Daddeln ähnlich schnell, wie mit Freunden. Doch unsere Freunde fordern uns geistig heraus, geben uns Input, Ideen, Gefühle. Candy Crush tut das nicht. Locke: „Wer schläft oder nicht denkt, hat keine Wahrnehmung. Sie (die Zeit, Locke spricht von „duration“) ist für ihn verloren.“ Das Werk erschien übrigens im Jahr 1690, das Problem ist also nur bedingt ein modernes.

Zeit ist eine Wissenschaft

Der Psychologe Robert E. Ornstein hat die Zeit erforscht. Er sagt, dass unsere Wahrnehmung von Zeit damit zusammenhängt, wie viele Informationen wir über ein Zeitintervall noch in unserem Kopf haben – im Verhältnis zu anderen Zeitintervallen. Es bleibt also bei: „Zeit ist relativ“, der alten Feststellung von Albert Einstein. Und wo keine Informationen sind, da ist auch keine Erinnerung.

Deshalb gibt es an dieser Stelle keine Liste mit Tipps für mehr Freizeit. Im Grunde haben wir genug Freizeit. Wir müssen uns nur eine einzige Frage klar und ehrlich beantworten, sonst wird das nichts mit dem schönen Wochenende:

Wie wollen wir unsere freie Zeit verbringen?

Füllen wir sie, dann wird sie schnell vergehen und uns mit vielen Erinnerungen in die neue Woche schicken. Füllen wir sie nicht, dann müssen wir lernen, mit der Ruhe klar zu kommen, sie zu genießen. Auf jeden Fall ist das Wochenende zu kostbar, um es mit neuen Zwängen zu füllen oder Dingen, die wir nicht wirklich wahrnehmen.

Und wenn das, was ihr jetzt wirklich wollt, die neue Staffel Devious Maids ist? Go for it, es ist euer Wochenende.