Funktionieren arrangierte Ehen besser als welche aus Liebe?

Noch immer arrangieren in Indien viele Familien die Ehen ihrer Kinder. So wie bei Alec und Rekha. Sie fanden das aber gar nicht schlecht, sondern ziemlich praktisch.

„Das Konzept der arrangierten Ehe ist wie ein Werkzeugkasten.“ © Unsplash / Bin Thiều / CC0

„Kann ich jeden Tag neben diesem Mann aufwachen?“. Das fragte sich Rekha als Erstes bei jedem arrangierten Treffen. Sie nippt an ihrem Wasser und schaut Alec in die Augen. Sie sieht verliebt aus. Wir treffen uns an einem Sonntagvormittag, um über ihre arrangierte Ehe zu sprechen. Alec hat viel gearbeitet und tiefe Augenringe zeichnen sich auf seiner braunen Haut ab. Die beiden sind Mitte vierzig und seit 20 Jahren verheiratet. Glücklich verheiratet, obwohl ihre Familien die Ehe arrangiert haben. Wie geht das?

Die arrangierte Ehe ist keine Zwangsehe

Bei dem Thema ist es erst mal wichtig zu unterscheiden: Eine arrangierte Ehe ist keine Zwangsheirat wie bei Paaren, die keine Wahl haben oder gar im Kindesalter verheiratet werden. Denn bei arrangierten Ehen muss man den vorgeschlagenen Partner auch nicht heiraten. In den meisten Studien zu dem Thema wird zwischen Zwangsheirat und arrangierter Ehe, in der beide Partner zugestimmt haben, unterschieden. In Indien werden nach wie vor knapp 90 Prozent der Ehen mithilfe der Eltern geschlossen.

Rekha hatte drei Treffen, welche über die Familien arrangiert wurden, Alec sogar fünf. Aber der*die richtige Partner*in war nie dabei. Spätestens wenn man mit Mitte 20 noch nicht verheiratet ist, biete die Familie ihre Hilfe an, erklären die beiden. Es gebe einen großen gesellschaftlichen Druck zu heiraten, das zeigt sich auch, wenn man nur ein AirBnB-Zimmer mieten will. Die Eltern rufen befreundete Familien an, organisieren erste Treffen und sprechen über ihre Kinder. Wenn diese nach dem ersten Kontakt dann auch Interesse aneinander haben, verbringen sie gemeinsam Zeit.

Zwei Wochen Urlaub zum Dating

Foto: privat

Als sich die beiden kennenlernten, war Alec 29 und Rekha 26 Jahre alt. Da Alecs Eltern früh verstarben, hat sich seine Tante um mögliche Ehepartnerinnen gekümmert. Ihre Familien stehen schon seit Generationen in Kontakt. „Ich habe Rekhas E-Mail-Adresse bekommen und später schrieben wir über ICQ“, erzählt Alec und macht das charakteristische ICQ-Geräusch nach. Alec hat damals in Mumbai gewohnt, Rekha in Abu-Dhabi. Beide haben sich zwei Wochen Urlaub genommen, um sich bei Rekhas Familie zu treffen. „Normalerweise fragen die Eltern schon nach drei Tagen, ob man heiraten möchte“, sagt Alec. Sie hätten sich zumindest zwei Wochen Zeit genommen. „Ich habe Rekha morgens um acht abgeholt und abends um acht nach Hause gebracht“, erzählt Alec. Sie sind spazieren gegangen und haben vor allem geredet – alles ohne die Familie.

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Nach zwei Wochen wussten sie, dass sie einander heiraten wollen. Das ging vor allem so schnell, weil die Familie bereits alle wichtigen Fragen im Vorhinein geklärt hatte. „Wie viel verdienst du, hattest du vorher Beziehungen und warum sind die gescheitert, willst du Kinder und hattest du schon Mal eine Affäre?“ nennt Alec als Beispiele. Dadurch, dass die Eltern all diese Fragen übernehmen würden, werden alle wichtigen Fragen gleich zu Beginn geklärt, was beim normalen Dating viel länger dauern würde. „Manches erzählten uns unsere Eltern dann, manches aber auch nicht“, erzählt Rekha. Es gebe außerdem ein regelrechtes Stalking: Familienmitglieder sprechen ehemalige College-Freunde an, fragen nach Charaktereigenschaften.

Es geht um mehr als Liebe, manchmal sogar gar nicht um Liebe

„Wir wollten, dass sich unsere Familien größtenteils aus unserer Entscheidung raushalten“, erklären die beiden. Normalerweise würden sich Familien mehr einmischen. Sie achten auf sozialen Hintergrund, haben starken Einfluss auf die Entscheidung und setzen ihre Kinder mitunter auch unter Druck. Das liege auch daran, dass sich Familien bei arrangierten Ehen eng miteinander verweben. Wirtschaftlich wie auch sozial beeinflusst die Entscheidung die jeweiligen Familien: Väter finden mit dem Schwiegersohn einen Nachfolger für das Familiengeschäft, Mütter eine Haushaltshilfe. Es gehe um mehr als Liebe. Manchmal sogar gar nicht um Liebe.

Wenn eine arrangierte Ehe nicht funktioniert, kommt es manchmal zu noch größerem Druck. „Manche Paare bleiben unglücklich zusammen, um die Familie nicht zu verärgern“, erzählt Rekha. Sie hätte kein Problem, sich von Alec zu trennen, sagt Rekha bestimmt.

Dem Druck der Eltern wollten sich Alec und Rekha nicht beugen. Sie haben das Konzept so verändert, dass es für sie funktioniert, erklärt Rekha. Sie sehen die arrangierte Ehe wie einen „Werkzeugkasten“, aus dem man sich das Gute herausnimmt und den Rest wegsperrt.  „Alec war mein letzter Versuch,“ sagt Rekha. Wenn es mit ihm nicht funktioniert hätte, hätte sie ohne die Familie weitergesucht, so die Architektin.

Du lernst Menschen kennen, die du sonst niemals treffen würdest

Ein weiterer Vorteil an den Verkupplungsversuchen ihrer Eltern war, dass sie dadurch viele neue Menschen kennenlernten. „Mit 29 ist das Studium beendet, man arbeitet schon ein paar Jahre im Beruf und lernt kaum noch neue Menschen kennen“, erklärt Alec. Durch arrangiertes Kennenlernen treffe man viele Leute, die man sonst nicht treffen würde. „Ich möchte nicht mit jemandem zusammen sein, der so ist wie ich.“ Auch über Online-Dating hatte er keinen Erfolg. Der klassische Weg in eine Single-Bar kam ihm nicht in den Sinn. „Unter Alkohol-Einfluss trifft man keine guten Entscheidungen.“

Nachdem beide vorher bereits Beziehungen hatten, wussten sie, was sie wollten. Heiraten stand fest im Lebensplan der beiden. „Bei arrangierten Ehen lernt man Menschen mit einem Zweck kennen: Heirat“, sagt Alec. Das sei ein großer Vorteil und kläre von vornherein schon viele Fragen und verkleinere den Interessentenkreis.

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Wichtig in einer arrangierten Ehe ist auch die Mitgift. „Umgerechnet auf deutsche Verhältnisse handelt es sich da um ein Haus und ein Auto“, sagt Alec. Er hat damals keine Mitgift verlangt, für ihn war das eine Gewissensentscheidung. Eine Hochzeit sei kein Tauschgeschäft, so der Ingenieur. Andernfalls hätte Rekhas Familie ihm diese geben müssen. „Wenn er eine gewollt hätte, hätten wir nicht geheiratet“, sagt Rekha kompromisslos.

Als ihr Vater nach den zwei Wochen dann fragte, ob Alec seine Tochter heiraten wolle, sagte Alec nur: Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich innerhalb von einer Woche verliebe, aber so war es. Nachdem auch Rekha ihre Zustimmung signalisierte, ging es ans Eingemachte. Rekha und Alec heirateten und zogen aus beruflichen Gründen gemeinsam nach London. Mittlerweile leben sie in Deutschland und haben einen 12-jährigen Sohn. Würden sie seine zukünftige Ehe auch arrangieren?

„Nein“, antwortet Rekha ohne nachzudenken. Alec zögert und sagt schließlich: „Doch, ich denke schon.“ Er würde ihm allerdings keinen Druck machen, versichert er. Denn gerade jener Druck ist es, der arrangierte Ehen überhaupt entstehen lässt. Wenn man das Konstrukt der arrangierten Ehe nutzen, der Familie klare Ansagen machen würde, könne es helfen, tatsächlich eine*n Partner*in zu finden, versichern die beiden.

Die Realität sieht aber anders aus: Die meisten Ehen in Indien werden mit Druck und Einflussnahme der Eltern geschlossen. Alec und Rekha sind leider nur eine positive Ausnahme.