Geschmäcker zu verschieden: Wird das auf Dauer zum Beziehungsproblem?

Können zu verschiedene Geschmäcker in einer Beziehung zum Problem werden? Und was tun, um sich am Tisch zu einigen?

Verträgt es die Partnerschaft, wenn beide einen anderen Geschmack haben? © Pexels/CC0

Meine Freundin Alina wurde neulich zum Frühstücken eingeladen, in die WG ihres neuen Freundes Christian. Es sollte das erste Mal sein, dass Alina seine Jungs kennenlernt. Sie begrüßten sich herzlich, machten Eingangs-Smalltalk-Scherze und setzten sich gemeinsam an den Frühstückstisch. So weit, so angenehm.

Doch dann wurde aufgetischt. Toast, Scheiblettenkäse und etwas, was in ihrem Universum zuvor ganz und gar unbekannt war: die Fleischbox. Sie wurde mitten auf den Tisch gestellt. Ja, Fleischbox – eine Box, in der alle in den letzten Wochen und Monaten angesammelten Wurstreste nebeneinander wohnen, bis sie gegessen werden. Manche sahen von Farbe und Konsistenz so aus, als wäre das erst am St. Nimmerleinstag der Fall – und dennoch war die Fleischbox das Herzstück des Brunchs. Das Problem: Alina ist Veganerin.

„Man müsste mir schon eine Waffe an den Kopf halten, damit ich ‚Yummy yummy yummy, I’ve got Wurst aus der Fleischbox in my tummy‘ singe“, erzählte sie mir hinterher, sich fragend, ob die allzu verschiedenen Geschmäcker von ihr und Christian längerfristig zu Problemen führen könnten. Und ich kann sie voll verstehen. Gemeinsam essen ist – wenn ihr mich fragt – mit das Schönste an einer Beziehung. Pizza vor dem Fernseher, Pancakes am Sonntag, Ben & Jerrys und Netflix im Bett: mit der richtigen Person das Paradies auf Erden. Bei einer gemeinsamen Völlerei-Orgie spürt man doch erst so richtig, wie man lebt.

Doch was tun, wenn der*die eine nur das isst, was Lorelei Gilmore schmecken würde – Junk, Junk und nochmals Junk – und dem*der anderen gesunde Ernährung wichtig ist? Können Menschen mit zu verschiedenen Lebensstilen trotzdem harmonieren? Oder muss man ab jetzt immer zwei verschiedene Gerichte kochen?

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Kürzlich war die neue Freundin von Fußballstar André Schürrle in den Schlagzeilen, weil sie den begehrten Kicker dazu brachte, viel gesünder zu essen. Seit er sie kenne, gebe es bei ihm Chia-Pudding und Acai-Bowls zum Frühstück: „Ich mache das seit Jahresbeginn, um gesünder und bewusster zu essen. Meine Freundin hat mich darauf gebracht“, so Schürrle zur Bild. Neuerdings Insta-storiet er auch gerne mal eine Gemüse-Bowl mit der Überschrift eat clean. Beflügelt eine neue Liebe ganz leicht zu neuen Essgewohnheiten? Oder ist André eine Ausnahme?

Wie weit ist man beeinflussbar, wenn es um etwas so persönliches wie Essen geht? Und was sollte meine Freundin Alina tun, damit auch Christian Acai bowls for life schreit? Oder sie zumindest auf einen gemeinsamen Futter-Nenner kommen?

Eines ist klar: Es ist einfacher, jemanden, der ungesund isst, für gesundes Essen zu begeistern als umgekehrt und besser für beide obendrein. Also habe ich diejenigen gefragt, die es wissen müssen: meine veganen Clean-eating-Freund*innen, die mit Fleischessern in Liebesbeziehungen zusammenleben – und ich habe immer wieder dieselben fünf Tipps bekommen, wie man sich auf dem Teller einig wird:

1. Probieren geht über Diskutieren:

Wie magischer Zauber wirkt, gesunde Gerichte so heftig und lecker zuzubereiten, dass der Junk-Junkie gar nicht anders kann, als sie zu lieben. Würzige Baked Beans mit knusprigen Kartoffel-Rösti und Guacamole? Frisches Kichererbsen-Curry mit Pimientos und Nussbraten? Er*sie wird sich wie ein hungriger Wolf darauf stürzen und die Finger lecken.

Gesundes Essen ist eine wundervolle bunte Welt voller spannender Zutaten, die nichts mit labbrigem Salat und fadem Kochgemüse zu tun haben. Mach ihm*ihr richtig spannende Sachen: Butterbohnen-Burger, karamellisierte Kastanien mit Pilzen, Ofenkartoffeln mit Falafel und Hummus – und lass dein Essen die Überzeugungsarbeit von allein erledigen. Bei gesundem Essen fragen sich noch immer viele, was sie denn überhaupt noch essen dürfen, wenn Pizza und Nudeln tabu sind. Wenn man sich ein wenig damit beschäftigt, lernt man unendlich viele neue Ofen-barungen kennen und fragt sich, wie man jemals ohne leben konnte.

2. Bloß keine Labels:

Es ist wie in Beziehungen: Sie zu früh in die Wir-sind-jetzt-fest-zusammen-Schublade stecken zu wollen, kann abschreckend sein. Also sind wir nicht ab heute Veganer, machen keine Diät und verzichten nicht ab sofort auf Zucker. Das klingt schon nach Regeln, Einschränkung und Aufgabe des wilden und lustvollen Lebens. Labels törnen ab und engen gefühlt zu sehr ein, weil sie so endgültig klingen. Über gesundes Essen missionieren ist ebenfalls unsexy, ödet an und bringt nichts – im Gegenteil, der*die andere schaltet auf Durchzug und stellt sich im Geiste den KFC-Eimer mit seinen*ihren Fingern darin vor. Also lieber Punkt eins berücksichtigen und „Essen ist fertig“ rufen: Es ist warm, lecker und er*sie wird’s gut finden.

3. Den*die Partner*in überall involvieren:

Im Zweiten Weltkrieg war das Fleisch knapp, deswegen wollte die amerikanische Regierung Hausfrauen daran gewöhnen, Innereien zum Kochen zu verwenden. Das war damals ungewöhnlich und stieß auf wenig Zuspruch – aß man zwar gern Steak, so ekelte man sich aber gewaltig vor Lunge und Milz auf dem Teller. Um die Speiseabscheu zu überwinden, holte man Wissenschaftler Kurt Lewin dazu, der sich mit Veränderungsprozessen und Ablehnung von Veränderung auseinandersetzte. Er führte einen Versuch durch und teilte die Hausfrauen in verschiedene Gruppen ein: In der ersten Gruppe wurden Vorträge gehalten von Ernährungsexperten, die predigten, wie gesund und vitaminhaltig Innereien sind, die Hausfrauen sollten argumentativ überzeugt werden. Die Damen fanden die Argumente zwar schlüssig, veränderten ihre Einstellung gegenüber Innereien jedoch kaum.

In einer anderen Gruppe hat Lewin die Hausfrauen aktiv in Diskussionen eingebunden, sie sollten sich selbst ein Programm überlegen, mit dem sie andere überzeugen könnten, mehr Innereien zum Kochen zu benutzen – und, oh Wunder – die Frauen, die sich aktiv Argumente für und Rezepte mit Innereien ausgedacht haben, überwanden ihre Abscheu und kochten später viel und gern mit Herz und Nieren. Großer Zeitsprung, kurzer Sinn: Den*die Partner*in in der Küche viel miteinbeziehen hilft viel. Wenn er*sie selbst das Quinta-Curry kocht, wird er*sie es dir von allein schmackhaft machen und es gut finden wollen. Warum also argumentieren, wenn er*sie es auch selbst tun kann?

4. Vertrautes Essen als gesunde Version kochen:

Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht – und zu ungewohnt aussehende Grünkohl-Variationen sollten vielleicht nicht gleich zum Einstieg aufgetischt werden. Aber man kann so viele industriell hergestellte Produkte aus Massentierhaltung und Zucker durch gesunde Alternativen ersetzen, die geschmacklich genauso lecker sind: Kaffee mit cremiger Cashewmilch statt normaler Milch, selbstgemachte Dattel-Trüffel statt der Kekspackung, Kichererbsen-Pizzateig statt Weißmehl und und und. Sieht vertraut aus? Gut. Schmeckt toll? Ebenfalls gut.

5. Andere Länder, viel gesündere Küchen:

Es muss nicht immer der Italiener sein. Geht doch mal peruanisch essen: Ceviche ist ein leichtes und unfassbar leckeres Gericht aus frischem und in Limettensaft mariniertem Fisch, mit Süßkartoffeln und Avocado, das euch beide nicht nur geschmacklich komplett ausrasten lässt, sondern auch supergesund ist – gibt es übrigens auch mit Austernpilzen als vegane Version.

Die israelische Küche ist auch extrem gesund: Falafel mit köstlichem Hummus, gebackenen Tomaten mit Auberginenpaste. Ihr leckt euch die Finger und der Körper dankt.

Äthiopisch essen wird auch immer mehr zum Trend: Nährstoffreiche Teff-Brotfladen mit Linsen, roter Bete und anderem gebackenen Gemüse sind lecker, aufregend, mal was anderes als Pizza oder Pasta und ein gesundes Geschmackserlebnis. Probiert euch gemeinsam durch neue Küchen, die wesentlich kreativer mit Zutaten umgehen als wir Deutschen oder die Italiener – no offense, ich liebe Schnitzel und Pizza – aber Panade, Frittierfett und Weißmehl sind nun mal nicht gesund.

Mit diesen fünf Tipps wird es euch hoffentlich gelingen, eure*n Partner*in auf die healthy side of life zu locken, und gemeinsam gesunde Gerichte zu entdecken und zu kredenzen, die ihr beide köstlich findet. Klar sind sündige Ausrutscher, Schnitzel, Zucker, Chips, Kekse und Industriekram ab und zu erlaubt, aber wenn sie der Hauptbestandteil der Ernährung sind, wird man auf Dauer krank. Vielleicht kann der Körper das mit Anfang 20 noch locker wegstecken, aber ist man erst Ende 20, Anfang 30, findet man die immer größer werdende Plauze und Doppelkinn plötzlich nicht mehr so lustig. Auch nicht, wenn man nach dem Hochlaufen in den zweiten Stock schon aus der Puste kommt. Daher sollte sich jeder bewusst mit dem Thema auseinandersetzen. Der eigene Körper wird’s einem danken – und der*die Partner*in auch.

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