Gesichter einer Straße: Dieses Fotoprojekt will zeigen, wie Nachbarschaft in Berlin aussieht

Die Emser Straße in Berlin-Neukölln ist eine der buntesten, vielfältigsten Straßen der Hauptstadt. Die Fotografin Jenny Fitz hat ihre Bewohner*innen fotografiert.

Die Emser Straße befindet sich am südlichen Rand Berlins, zwischen den U- und S-Bahn-Stationen Neukölln und Hermannstraße. Sie ist 1.400 Meter lang und wird von 140 Häusern gesäumt, in denen etwa 4.000 Menschen wohnen. Heute ist die Straße geprägt von der Verschiedenheit ihrer Bewohner*innen. Hier wohnen Orientmarktinhaber*innen neben Studierenden, rumänische Großfamilien neben deutschen Rentnerehepaaren, radikale Veganer*innen neben Ein-Euro-Schnitzel-Konsument*innen.

Es soll in Berlin Menschen geben, die jahrelang in der selben Wohnung im selben Haus wohnen – ohne jemals die Menschen zu sehen, die in der Wohnung gegenüber leben. Die Fotografin Jenny Fitz wohnt seit sechs Jahren in der Emser Straße. „Bei mir im Haus ist eine alte Frau gestorben. Erst nach zwei Wochen hat man sie gefunden“, erzählt Jenny. Die Fotografin packt die Neugier: Wer sind die Menschen, die da eigentlich um sie herum wohnen?

So entstand die Idee zum Fotoprojekt „Emser Köpfe – Gesichter einer Straße“. Seit 2015 hält sie Menschen auf der Straße, in Cafés, im Späti an und fragt, ob sie sie fotografieren könne. Auch das Fotografieren findet draußen auf der Straße, im öffentlichen Raum statt: Jeder Mensch wird vor dem Haus abgebildet, in dem er oder sie wohnt.

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Jenny möchte mit ihrem Projekt eine Neugier entfachen, eine Neugier danach, wer die Personen sind, die in nächster Nähe wohnen. Was sie tun. Was sie bewegt. Das möchte sie nicht allein dadurch erreichen, dass die Fotos draußen auf der Straße aufgenommen werden. Sie sollen auch im öffentlichen Raum ausgestellt werden: „Für das alternative Kunstfestival 48h Neukölln habe ich Bildpaten gesucht“, erzählt Jenny. „Nachbarn, die bereit waren, das Porträt eines Anderen bei sich ins Fenster zu hängen. So verwandelte sich die Straße für wenige Tage in einen öffentlichen Kunstraum, der für jeden kostenlos zugänglich war und von allen Beteiligten mitgestaltet wurde. Ich nenne es ‚Reokkupation der Straße‘, die Zurückeroberung des öffentlichen Raumes, den viele nicht mehr als öffentliches Gut wahrnehmen.“

Was vielen Sorgen bereitet: Gentrifizierung

Fast siebzig Menschen hat Jenny bislang fotografiert. Dabei ist sie mit den Leuten ins Gespräch gekommen. Sie hat von ihren Sorgen und Ängsten erfahren. Ein Thema, das viele beschäftigt: Gentrifizierung. Und zwar egal, auf welcher Seite man bei diesem Thema steht. Viele Ur-Berliner*innen machen sich Sorgen, bald aufgrund von Mietpreiserhöhungen an Randbezirke verdrängt zu werden. „Ein älterer Herr meinte, unter Bekannten hätten sie inzwischen das Motto: Wir sehen dann eh alle in Marzahn wieder“, berichtet Jenny. Auch junge Leute, vor allem Studierende, die erst seit wenigen Jahren in Neukölln wohnen, beschäftigt das Thema: „Viele haben fast schon ein schlechtes Gewissen. Sie fühlen sich als der Grund für Verdrängung und Mietpreiserhöhungen.“

Jenny kann all diese Probleme nicht beseitigen. Aber ihr Fotoprojekt bringt Menschen aus unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Schichten dazu, miteinander zu sprechen – „und gemeinsam ist man immer stärker.“

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Das Porträt der Emser Straße ist aber noch nicht abgeschlossen. „Meine Fotos repräsentieren die Vielfalt der Emser Straße noch nicht mal annähernd“, sagt Jenny. „Die Mehrzahl derjenigen, die an dem Projekt teilgenommen haben, sind junge Leute zwischen 20 und 30 Jahren, deren Lebensumstände den meinen ähneln.“ Jenny möchte mehr Facetten der Straße einfangen. „Oft sind es Sprachbarrieren, Misstrauen jeglicher Art oder Berührungsängste mit der Kamera, die Menschen davon abhalten, an dem Projekt teilzunehmen.“


Ihr wollt mehr über Jennys Projekt erfahren? Dann besucht doch mal ihre Homepage oder sagt ihr auf Facebook Hallo.