Gesichtsanalyse an der Supermarkt-Kasse? Nee, danke!

Der Einzelhandel wendet immer mehr perfide Methoden an, um seine Werbung zu optimieren – ohne Rücksicht auf den Datenschutz. Darauf kann ich wirklich verzichten. Ein Kommentar.

Demnächst lieber wieder ohne Einkaufswagen einkaufen. Foto: Alexas_Fotos/pixabay.com

Ich gehe ungern in den Supermarkt. Bevor ich die Schwelle zu Konsumtempeln übertrete, überlege ich mir vorher genau, ob ich es verhindern kann oder, wenn unvermeidbar, was genau ich brauche, um nicht stundenlang zwischen übervollen Regalen rumzurennen. Knallbunte Plastikverpackungen, Werbetafeln, Durchsagen, die unschlagbare Sonderangebote verkünden: Das sind alles Dinge, die mir widerstreben.

Ende Mai machte ein Fall der Supermarktkette Real das Discounter-Shoppen noch unsympathischer: Die Konsumgiganten führten Kameras ein, die Gesichter von Kund*innen an der Kasse filmen, während sie Werbetafeln betrachten – ohne dass diese darüber informiert wurden. Dieses Experiment führt das Unternehmen seit vergangenem Herbst in 40 der 285 Märkte durch, bestätigte Real der Lebensmittelzeitung. Die Kameras halten fest, wer wie lange wohin schaut, welches Geschlecht sie haben und wie alt sie sind. Ziel sei es, ausgestrahlte Werbefilme zielgruppenorientiert anzupassen, sagte ein Real-Sprecher dem Spiegel.

Ich lehne es ab, zum Zahnrad in einem kapitalistischen Werbeoptimierunggetriebe zu werden!“

Je nachdem, wohin oder wie ich gucke, wollen die Marktbetreibenden also herausfinden, ob ihre Werbung ankommt? Abgesehen davon, dass ich auch einfach gerne Löcher in Plakate starre ohne auch nur zu bemerken, was drauf ist, lehne ich es generell ab, ein Zahnrad in den kapitalistischen Werbeoptimierunggetriebe zu sein. Ich habe einfach keinen Bock darauf, dass irgendwelche Menschen meine Gesichtszüge nutzen, damit andere Menschen drei Schokokeks-Packungen zu einem Preis von einem kaufen.

[Außerdem auf ze.tt: Vergesst Online-Shopping, kauft lieber nebenan!]

Kunde ist König? Von wegen

Ich denke, dass sich auch andere Menschen lauter darüber beschweren würden – wüssten sie denn Bescheid. Denn eine Aufklärung fällt unter den Tisch. Lediglich das übliche Hinweisschild ‚Dieser Markt wird videoüberwacht‘ soll die Kund*innen auf den Einkaufsmitschnitt aufmerksam machen. Also ich konnte bisher aus diesem Satz nicht lesen, dass die Kameras mein Gesicht genau abscannen und meine Gesichtszüge für Werbeoptimierung auswerten. Netter Versuch – von Datenschutz wohl noch nie was gehört, mh?

Auf Anfrage äußerte sich Michael Kimmich, Geschäftsführer des Bildschirmvertriebs echion AG zu den datenschutzbedenklichen Maßnahmen. Und blieb dabei euphorisch: Das sei ja gerade das Schöne an der Technologie, „wir haben hier quasi eine Unbedenklichkeitserklärung bekommen, weil wir quasi keine Daten speichern.“ Die Informationen würden nur in einer Metadatenbank abgelegt, Filme und Fotos nicht gespeichert werden.

Quasi, also. Mit solchen netten Füllwörtern gelingt es Herrn Kimmich, schön unkonkret zu bleiben. Fakt ist: Meine Daten, also Geschlecht, Alter und Reaktion auf die Werbung, bleiben in irgendeiner Datenbank hängen, ohne dass ich weiß, was genau damit passiert. Und auch wenn diese Daten anonymisiert sind, also anscheinend nicht auf mich zurückgeführt werden können, werden sie für Zwecke genutzt, die ich grundlegend nicht unterstützen möchte. Basta.

In dem Moment, in dem Bilder von Personen durch Kameras erhoben werden, ist das nicht mehr anonym.“

– Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar

Datenschutz-Expert*innen sehen die Umstände auch kritisch: „In dem Moment, in dem Bilder von Personen durch Kameras erhoben werden, ist das nicht mehr anonym“, sagte der Hamburger Datenschutzbeauftragter Johannes Caspar der Lebensmittelzeitung. Er fordert, genau wie ich, dass die Händler*innen ihre Kundschaft über die genaue Videoüberwachung informieren. Ich bin mit meiner kritischen Meinung übrigens nicht alleine. Eine bisher unveröffentlichte repräsentative Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), die dem Spiegel vorliegt, ergibt, dass ein Großteil der Kundschaft mit der Analyse ihrer Daten für solche Zwecke nicht einverstanden wäre. Aber das bleibt dem Handel herzlich egal. Und der Politik?

Was die Politik dazu sagt

Die Politik möchte solche Systeme der Kundenerkennung erstmal grundsätzlich erlauben, schreibt der Spiegel. Die EU-Kommission will mit der sogenannten E-Privacy-Verordnung lediglich Onlinedaten schützen. Offline solle das Tracking jedoch ohne größere Einschränkungen erlaubt sein. Ganz durch sind die Verordnungen allerdings noch nicht: Noch können Parlament und Rat Änderungen einbringen.

Verbraucherschutz-Organisationen und Datenschutzaktivist*innen wehren sich gegen die Pläne und fordern: Solche Daten sollen nur bei ausdrücklicher Einverständnis der Kund*innen gesammelt werden dürfen.

[Außerdem auf ze.tt: Zurück an den Herd!]

Es bleibt zu hoffen, dass die Kommission einlenkt und die Unternehmen verpflichtet. Da das noch dauern wird, schlage ich vor: Boykottiert die undurchsichtigen Strategien der Supermärkte! Beschwert euch und geht so oft wie möglich auf den Wochenmarkt oder zu den Geschäften um die Ecke. Macht euch unabhängig von Lebensmittelketten und ihren intransparenten Methoden. Damit tut ihr nicht nur euch, sondern auch regionalen Bäuer*innen einen Gefallen.


Wo ihr unabhängig vom großen Lebensmittelhandel einkaufen könnt:

  • Marktschwärmer: bringt Kleinbäuer*innen und Lebensmittelhändler*innen wieder zueinander. Im Internet kannst du Brot, Käse, Obst, Gemüse, Fleisch, Korn et cetera von regionalen Manufakturen bestellen und dann an einem Ort in der Nähe abholen. Dort kannst du die Händler*innen (und Nachbar*innen) kennenlernen und mehr über die Lebensmittel erfahren.
  • Regionale und saisonale Biokisten: Bestelle dir regionale Lebensmittel in einer Biokiste wöchentlich oder monatlich direkt vor die Haustüre. Hier kannst du Angebote in deiner Nähe finden.
  • Unverpackt-Läden: Das Konzept des plastikfreien Einkaufs verbreitet sich immer mehr. Hier findest du eine Liste von Läden in Deutschland und Österreich, die Produkte möglichst ohne Verpackung verkaufen.
  • Solidarische Landwirtschaft: Lust, auch mal selbst mitanzupacken? Mit einer SoLaWi gehst du einen Kooperation mit einem regionalen Hofbetrieb ein. Du zahlst einen abgestimmten Beitrag, hilfst ab und zu mit und bekommst einen bestimmten Teil der Ernte. Hier findest du eine Liste mit Höfen.