Gesprächsprotokolle: Diese zwei Frauen haben mit Sex ihr Studium finanziert

Die nötige Kohle fürs Studium als Callgirl*Callboy ranholen? Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die damit kein Problem haben. Hier könnt ihr die kompletten Gesprächsprotokolle zum Artikel lesen.

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Charlie und Lydia haben uns erzählt, wie sie mit Sexarbeit ihr Studium finanzierten. © Pixabay

Charlie, 28

Hallo, ich bin Charlie. Ich bin 28 Jahre alt, studiere BWL und Soziologie und finanziere mein Studium mit Sexarbeit. Lange habe ich darüber nachgedacht, im horizontalen Gewerbe zu arbeiten. Irgendwie hat mich der Gedanke fasziniert. Nach dem Ende einer Beziehung hat es mich gestört, dass ich keinen Sex mehr hatte, denn mein Libido war ja immer noch da. Nach Essen, Schlafen und einem Dach über dem Kopf kommt das Grundbedürfnis nach Sex.

Die BWLerin in mir dachte sich: Warum den Sex nicht aus meinem Privatleben outsourcen. Dann bin ich nicht von einem einzelnen Mann abhängig, gehe keine langfristigen Bindungen und nachhaltigen Verpflichtungen ein. Ich kann frei entscheiden, wann, ob und mit wem ich Sex habe und verdiene auch noch Geld damit.
Die Soziologin in mir war gleichzeitig super interessiert. Denn durch die Sexarbeit kann ich sehr intensiven Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen haben, nicht nur sexuell. Das war vor zweieinhalb Jahren. Seit dem arbeite ich als Escort und habe es bisher nicht bereut. Mittlerweile führe ich sogar wieder eine Beziehung. Genau genommen eine Fernbeziehung. Ich habe also weiter meine Freiräume. Mein Partner akzeptiert meinen Job und er kann seine Eifersucht im Griff behalten, sie belastet unsere Beziehung nicht. Eigentlich ist es auch die erste Partnerschaft, die ich mit einem Mann wirklich auf Augenhöhe führe.

Ich arbeite sowohl mit einer Escort-Agentur, als auch komplett unabhängig. Dabei nehme ich nicht jeden Freier an. Manchmal haben sie Wünsche und Bedürfnisse, die ich nicht erfüllen kann. Wenn ich freiberuflich, über eine Profil auf einer Webseite, arbeite, muss ich jedesmal aufs neue Entscheiden: Passen die Grenzen von mir und dem möglichen Freier zusammen? Gibt es eine gemeinsame Schnittmenge?
Meine persönlichen Grenzen sind vor allem Altersgrenzen, Männer unter 30 sind mir zu unerfahren und uninteressant (wobei ich zuletzt ein wirklich tolles Date mit einem sehr reflektierten 24-Jährigen hatte, trotzdem meide ich sie eher) und Männer die älter als mein Vater sind, es sollte ein Standartmaß an Intellekt und Freundlichkeit gegeben sein.

Bis jetzt hat das sehr gut geklappt. 99 Prozent der Männer haben mich respektiert und waren mir dankbar. Offensichtlich schlecht, also respektlos oder sogar gewalttätig hat mich noch keiner meiner Klienten behandelt; manche haben Erwartungen, vor allem emotionaler Art, die ich nicht bedienen kann – in diesen Fällen sehe ich einfach von weiteren Treffen ab. Oft sind die Freier auch sehr schüchtern, können mir in den ersten 30 Minuten kaum in die Augen schauen. Sie zu öffnen, sie so zu entspannen, dass sie sich fallen lassen können, das macht mir Spaß.

Meistens weiß ich nicht sehr viel über ihr Aussehen und es ist mir auch ziemlich egal, viel wichtiger ist dabei Sympathie – unterm Strich schlafe ich beruflich eher mit Männern, die ich privat niemals in Betracht gezogen hätte, auch weil es keine ’natürliche‘ Situation gegeben hätte, in der man sich näher kommen könnte.

Meine Kunden sind ein Querschnitt der Gesellschaft. Es gibt reiche Männer, die einen Begleitservice wollen. Mit schickem Abendessen, langen Gespräche und einer Nacht auf einem Hotelzimmer. Es gibt aber auch Feuerwehrmänner oder einfache Arbeiter, die sich einen solchen Abend zusammen sparen und die ich dann bei ihnen besuche.

Es ärgert mich, dass mein Beruf in der Gesellschaft nicht als solcher wahrgenommen wird. Manche Menschen schauen mich ganz anderes an, nehmen mich ganz anders wahr, nachdem ich ihnen davon erzählt habe. Ich habe auch eine gute Freundinnen dadurch verloren. Meine Familie und die meisten Freunde akzeptieren meinen Job aber und unterstützen mich teilweise sogar.

Auch um das gesellschaftliche Ansehen der Sexarbeit zu verbessern, engagiere ich mich im Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen. Sexarbeiter werden in der Gesellschaft meist nur als Opfer gesehen. Dabei gibt es auch viele selbstbewusste, sehr intelligente Frauen, die freiwillig und gerne in diesem Beruf arbeiten. Sexarbeit ist eine gesellschaftlich wichtige Arbeit – nicht umsonst ist es das älteste Gewerbe der Welt.

Ich treffe mich auf einem Hurenstammtisch auch regelmäßig zum Austausch mit anderen Sexarbeitern. Die offenen Gespräche über unseren Alltag sind mir sehr wichtig und ich empfinde sie als sehr befreiend. Ich dachte am Anfang, ich sei die Privilegierteste und vielleicht auch Schlauste dort. Doch es gibt viele starke, gebildete Frauen, die Sexworker sind. Dicke, dünne – junge und alte.

Für die Zukunft wünsche ich mir eine offenere Diskussion über Prostitution und das Sexarbeiter nicht nur als Opfer gesehen werden. Dennoch kann ich mir aktuell nicht vorstellen, meinen Beruf aufzugeben – dafür gefällt er mir zu gut.

Lydia, 35

Hallo, ich bin Lydia und ich bin 35 Jahre alt. Aktuell arbeite ich im Öffentlichen Dienst einer großen Deutschen Stadt. Meine Studium, habe ich mit Sexarbeit finanziert. Ich bin schon sehr früh sexuell aktiv geworden und war, was das angeht, von Anfang an sehr aufgeschlossen und neugierig. Sex und Liebe kann ich schon immer voneinander trennen und habe auch gegenüber Nacktheit, Pornografie usw. keine Berührungsängste. Die Annoncen in den Anzeigenblättern haben mich neugierig gemacht und ich wollte wissen, was dahinter steckt. Dass es dabei um Sex gegen Bezahlung geht, war mir vollkommen klar. Es reizte mich. Und als ich dann einen guten Zuverdienst ohne viel Aufwand brauchen konnte, war der Anruf dort meine erste Wahl. Ich wollte das einfach ausprobieren. Mich hat nie jemand zu irgendetwas gedrängt oder gezwungen. Nach einem guten Jahr Haus- und Hotelbesuche bin ich umgezogen und wollte die Arbeit im Bordell ausprobieren, war in einem Wohnungsbordell tätig, was mir auch gut gefiel. Auch in FKK-Clubs habe ich ein paar Mal gearbeitet. Später bin ich wieder in den Escort-Bereich zurückgekehrt und habe die letzten fünf Jahre völlig unabhängig Haus- und Hotelbesuche angeboten.

Als ich bei der Agentur gearbeitet habe, haben die Kunden auf von der Agentur geschaltete Zeitungsannoncen angerufen und wurden dann an mich vermittelt. Ich habe zurückgerufen, mit ihnen einen Termin vereinbart und dann der Agenturchefin eine Rückmeldung gegeben sowie den Fahrer angerufen, wann wir wohin fahren müssen.

Im Bordell und in den FKK-Clubs konnten die Kunden aus den anwesenden Frauen wählen. Im FKK-Club hatte man mehr Gelegenheit, sich vor dem Sex zu unterhalten und sich näher zu kommen bspw. im Whirpool oder der Sauna. Im Bordell hat man sich nur kurz über die Konditionen unterhalten und es ging meist relativ schnell zur Sache.

Als ich unabhängig gearbeitet habe, hatte ich eigentlich nur noch Anzeigen im Internet auf entsprechenden Portalen, wo mir die Kunden Nachrichten oder E-Mails geschrieben haben oder mich direkt anrufen konnten. Ich habe mich dann mit ihnen verabredet und sie zu Hause oder im Hotel besucht.

Die Anzahl meiner Kunden war sehr unterschiedlich. Im Bordell waren es zwischen zwei und fünf am Tag und bei den Haus-/Hotelbesuchen zwei bis vier Termine pro Woche. Es gab aber auch immer Tage oder Wochen ganz ohne Kunden – es gibt durchaus Flauten in der Branche.

Gute Erfahrungen hatte ich viele – definitiv mehr, als schlechte. In elf Jahren ist es schwer, etwas herauszupicken. Die Zeit mit einem älteren Herrn, mit dem ich oft verreist bin und bei diesen Reisen shoppen und gut essen war, war toll. Wir haben uns einmal pro Woche getroffen und sind in einem schönen Restaurant essen gegangen. Einmal im Monat sind wir zusätzlich in eine Sole-Therme gefahren und haben es uns gut gehen lassen. Es war auch eine tolle Erfahrung, als mir einmal ein verrückter Kerl 200 Euro für meinen getragenen Slip gab. Im 4-Sterne-Hotel plötzlich in der 40-qm-Suite mit absoluter Luxus-Ausstattung über den Dächern der Stadt zu stehen, war auch großartig. Ich hatte zahlreiche großartige Momente und habe tolle Männer kennen gelernt. Den meisten von ihnen war es wirklich wichtig, dass es mir gut geht und sie mich verwöhnen können. Das ist ein tolles Gefühl, was fast süchtig machen kann.
Schlechte Erfahrungen hatte ich mit den Männern, die mir gegenüber keinen Respekt hatten und mich tatsächlich als Ware betrachteten. Bei denen habe ich dann aber auch nur die vereinbarte Nummer abgezogen und sie dann nie wieder getroffen.

Einmal ganz am Anfang habe ich gemeinsam mit zwei Kolleginnen über die Begleitagentur mehrere Männer nachts besucht, die Drogen genommen hatten. Als die Stimmung gegen Ende unseres Termins aggressive Züge annahm, haben wir uns schnell verabschiedet. Da war mir etwas mulmig zumute, aber es ist nichts passiert.
Weiterhin war es nie schön, wenn ich in dreckige, stinkende Wohnungen gekommen bin oder ein Mann nicht besonders gepflegt war. Im Bordell habe ich mich mal mit einem stark alkoholisierten Russen herumgeärgert, der partout nicht verstehen wollte, dass ich für kein Geld der Welt das Kondom weglasse. Ich habe ihn dann rausschmeißen lassen. Bei einer ähnlichen Situation als die vereinbarte Zeit im Bordell vorbei war, hat mich ein Kunde beschimpft. Er tat das aber in einer Sprache, die ich sowieso nicht verstand.

Bereut habe ich den Schritt aber nie. Obwohl ich nie in meinem gesamten Umfeld offen sein konnte, aus Angst vor Diskriminierung und in meinen Partnerschaften oft genug Probleme wegen meiner Tätigkeit als Sexarbeiterin hatte, kam für mich nie infrage, für irgendjemanden damit aufzuhören, wenn die Intention nicht von mir selbst kommt.

Für mich gehört die Sexarbeit zu mir und ist ein wichtiger Teil in meinem Leben, den ich nicht missen möchte. Auch wenn ich derzeit nicht aktiv bin, sehe ich mich als Sexarbeiterin und werde wohl immer eine bleiben. Sexarbeit ist für mich mehr Berufung als Arbeit und wenn sie in unserer Gesellschaft nicht so ausgegrenzt würde, würde ich viel lieber bis ins hohe Alter hauptberuflich dieser Tätigkeit nachgehen, als meinen jetzigen Job zu machen. Es ist die dankbarste Arbeit, die ich mir vorstellen kann!