Gestresst? Es gibt Alternativen zum Vollzeitjob

Ein Job für die Miete, mehr Stunden für die Kreativität? Warum diese Kombination genauso schwierig wie verlockend ist und trotz allem zu einem besseren Leben verhelfen kann.

Montagmorgen und schon gestresst? Teilzeit könnte eine echte Option sein. © benicce / photocase.de

Ganz ehrlich? So sehr ich mich auch bemühte, nach Thomas‘ Wortmeldung zu meinem vorherigen Text – „So etwas schreiben nur Pussys und faule Säcke, du wirst es zu nichts in deinem Leben bringen, ich arbeite 100 Stunden die Woche“  – beleidigt zu sein. Es funktionierte nicht. Ich kann niemandem böse sein, der zum Glück nichts weiter braucht, als den unumstößlichen Glauben an den Spätkapitalismus und einen ausbeuterischen Arbeitsvertrag. Selbst wenn er dabei nach einer 14-Stunden-Schicht wütende Kommentare schreibt.

Im Grunde sind wir doch alle wie Thomas mit einer ähnlichen Vorstellung von Zukunft aufgewachsen – und wenn dabei der kleinste gemeinsame Nenner Vollzeitstelle heißt. Nach dem Abitur ist vor dem Abitur, das fleißige Punktesammeln wird von leistungsorientierten Netzwerktreffen abgelöst, bei denen einem Vorstandsmitglieder Visitenkarten zustecken, ohne jemals zum Gespräch zu laden. Wie die Pferde im Stall buhlen wir um die Jobs mit den längsten Arbeitszeiten – und wozu das alles? Damit die Nachbar*innen später nicht fragen, warum man freitagvormittags ihre DHL-Pakete annehmen kann?

Teilzeit, das ist doch nur was für Mütter oder Männer mit Kinderwunsch!“

In Zeiten, in denen sich Angestellte darüber definieren, wer als letzter das Büro verlässt, ist es beinahe eine kleine Revolution, nur 20 bis 30 Stunden für ein Unternehmen zu arbeiten. „Teilzeit, das ist doch nur was für Mütter oder Männer mit Kinderwunsch!“ Wie bei allem, das nur für konservative Hardliner*innen – „Wie? Erwerbsarbeit ist nicht der Sinn des Lebens?!“ – als Anecken vernommen werden kann, muss der Mensch in Teilzeitschuhen auch hierbei regelmäßig Vorurteile entkräften. Fangen wir gleich damit an.

„Mensch, du hast es gut! Du arbeitest ja gar nichts“ – oder was die Verwandten sagen

Während Mutter den Sonntagsbraten auf den Tisch stellt, fragt dich Onkel Peter, ob du diese Woche überhaupt schon das Haus verlassen hast, weil du 25 Stunden effizientes Arbeiten 40 Stunden Zeitschinden vorziehst. Gerne wird er auch einen Witz darüber machen, dass diese jungen Menschen heute ganz anders seien und überhaupt, früher hat man auch in den sauren Apfel gebissen und ist zur Arbeit gegangen, selbst mit 39 Grad Fieber, wir hatten ja nichts.

„Aber liebst du deine Arbeit denn gar nicht?“ – oder was die Klassenbeste fragt

Beim Klassentreffen bekommt Tanja Angst, dass du deinem geliebten Job nicht nachkommst, weil du nur drei statt fünf Tagen die Woche da bist, oder – wie ist das denn möglich – überhaupt nur den Vormittag. Bis zum Mittagessen um 13 Uhr. Also: dem Zeitpunkt, nachdem sich 70 Prozent aller Arbeitnehmer*innen ohnehin geistig von den für sie vorgesehenen Aktivitäten verabschiedet haben und bis 17:30 heimlich online neue Bettwäsche shoppen.

Zuallererst: Niemand ist dazu verpflichtet, seine Arbeit zu lieben. Man kann seine Arbeit aber natürlich trotzdem lieben und 25 Stunden arbeiten, Tanja. Der Fakt, dass man etwas gerne macht, darf von der Stundenanzahl entkoppelt betrachtet werden. Ich denke sogar, dass jemand, der*die seine Arbeit liebt, sie vor allem dann gerne macht, wenn sie*er sie nicht die ganze Zeit von ein und demselben Ort unter Druck ausführen muss. Wenn er*sie die Freiheit hat, eigenständig an Ideen zu tüfteln, ihnen Raum zu geben, sie eine Zeit lang wie einen guten Tee ziehen zu lassen.

„Bei 25 Stunden kommen Sie ja zu gar nichts mehr“ – oder was Vorgesetzte befürchten

Das Schönste am Freelancen ist ja, dass man sieht, wie viel man in drei Stunden erledigen kann, um danach in der Sonne zu liegen. So ähnlich kann man das auch dem Chef verkaufen, der sich um den Output sorgt. Es soll auch helfen, ihm auf dem Flur immer und immer wieder denselben Satz aufzusagen, bis er der Stundenreduzierung zustimmt: „Die Anzahl der abgesessenen Stunden sagt nichts über meine Produktivität aus. Die Anzahl der abgesessenen Stunden sagt nichts über meine Produktivität aus. Die An …“ – okay, wir haben es verstanden. Ausnahmen bestätigen die Regel.

„Hast du denn gar kein Verantwortungsgefühl?“ – oder was die Kolleg*innen sagen

Hier wird es wirklich knifflig, denn wie sagt man den Kolleg*innen, dass man die Arbeit, die man zuvor gemacht hat, in weniger Stunden erledigt und noch dazu Freitag frei hat, um sich dem lange vernachlässigten Hobby zu widmen?

Wie wär’s damit: Liebe Kim, ich schätze dein Engagement für die Firma sehr, aber ich liebe mich mehr. Ich bin zu der Auffassung gekommen, dass firmengebundene Erwerbsarbeit nicht das ist, was mein Innerstes erfüllt und wenn ich mit 30 Stunden Arbeit für meinen Lebensunterhalt sorgen kann, dann werde ich einen Teufel tun, um auch nur eine Stunde länger hier auszuharren. Alternativ eignet sich auch das Vorgaukeln eines Lottogewinns. So ist man nicht nur die nervigen Fragen los, sondern erstrahlt auch in einem völlig neuen Licht: „Wow, die macht das hier sogar freiwillig!“

„Dann brauchst du ja gar keinen Urlaub mehr“ – was der*die Partner*in fragt

Richtig. Teilzeitarbeit ist wie verlängertes Wochenende haben – jedes Mal. Egal, wie schwer sich das Excel-Sheet am Montag nach Word exportieren lässt – bei dem Gedanken an einen Feierabendspritzer am Donnerstagabend ist jede Negativität gegessen. Und die gute Laune nutzt letztlich auch den anderen. Die Zeit zum Geldverdienen wird, wenn man das möchte, strikt von der Privatsphäre abgeschirmt und so zu einem Element, das man tatsächlich erfolgreich ignorieren und nicht nur für 48 Stunden im Alkoholrausch oder einmal im Jahr stattfindenden All-inclusive-Urlaub verdrängen kann.

„Und, wie ist es so, dieses Leben ohne 40-Stunden-Arbeit?“ – was du dich fragst

Die Auffassung kommt wie mit jeder Entscheidung im Leben: individuell. Teilzeitarbeit heißt weder, nicht zu arbeiten, noch – zumindest in den meisten Festanstellungsverhältnissen – damit reich zu werden. Sie bietet jedoch eine Alternative zum bisher als erstrebenswert erachteten, klassischen Karrieredenken, das einzig und alleine darin besteht, irgendwann die Leiter hinaufzuklettern und sich ganz oben festzunesseln, bis der Aktienkurs aufgrund eines Medienskandals ins Bodenlose sinkt.

Man muss da nicht hoch, man muss nicht hochwollen. Man kann. Und selbst das sollte 2017 auch mit einer Teilzeitstelle möglich sein, die nicht das ganze Leben frisst. Man kann seine Befriedigung aber auch aus anderen Dingen ziehen. Aus den Projekten zum Beispiel, für die man seit 2007 keine Zeit mehr hatte. Seinen Beziehungen.

Es wird Zeit, Stellen zu schaffen, die von zwei Personen besetzt werden können, ohne dass Unternehmen in bürokratische und finanzielle Engpässe geraten. Flexible Arbeitszeitmodelle salonfähig zu machen und in dem Maße zu entlohnen, dass damit ein würdevolleres Leben bestreitbar ist.