„Gewalt beginnt im Kopf“ – Die gefährliche Sprache der Rechten im Netz

Botschaften im Netz müssen kurz und prägnant sein. Das kommt Rechtspopulisten durchaus entgegen, bei User*innen schnell starke Gefühle zu wecken.

Geht ins Ohr, bleibt im Kopf. Simpelste Sprache, weckt am ehesten Gefühle. Auch bei Rechten. © Mr. Nico/photocase.de

Simpel, prägnant und bildhaft: Die Sprache der AfD bleibt im Gedächtnis und Politiker*innen wie Frauke Petry, Jörg Meuthen oder Björn Höcke prägen bereits seit 2013 mit Begriffen wie Lügenpresse, Überfremdung oder Volksverräterin die Alltagssprache der Deutschen. Wie keine andere Partei setzt die AfD auf Skandale, um für möglichst große Aufmerksamkeit zu sorgen. Dabei ist jede Grenzüberschreitung gewollt und ihre Wortwahl pures Kalkül, um größtmögliche Resonanz zu erzeugen.

Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sind hierbei praktische Werkzeuge und Rechtspopulist*innen haben schon lange erkannt, dass sich die Macht des Wortes heutzutage am besten im Netz ausspielen lässt. Sprachforscher*innen und Publizist*innen erklären, wie wirkungsvoll und gefährlich es sein kann, wenn radikale Botschaften von Rechtspopulist*innen ihren Weg über das Netz in den normalen Sprachgebrauch finden.

Kommunikation auf Sozialen Plattformen

Während Rechtsradikale oder Rechtsextreme ihre Sichtweisen häufig mit Drohungen und Hass artikulieren, setzen rechtspopulistische Parteien wie die AfD auf subtile Botschaften, um bei ihren Anhänger*innen anzukommen. Das bestätigt Monika Schwarz-Friesel, die sich als Professorin für Linguistik und Kognitionswissenschaften an der TU Berlin umfassend mit Hasssprache im Netz auseinandersetzt: „Rechtspopulisten verstecken ihre Inhalte mittels einer Camouflage-Technik: Einfache, schnell zu verstehende Sprüche, Schlagworte wie ‚Wir sind das Volk’ oder ‚Vetternwirtschaft’ und gängige Metaphern wie ‚Überflutung durch Migration’ aktivieren ganz leicht Bilder im Bewusstsein der Leser*innen.”

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Botschaften im Netz müssen kurz und prägnant sein – auf Twitter stehen User*innen pro Tweet lediglich 140 Zeichen zur Verfügung. Das kommt Rechtspopulist*innen durchaus entgegen, erklärt Schwarz-Friesel: „Einfache Sprache wird schneller verarbeitet und erreicht das Bewusstsein ohne größere Anstrengungen. Dieser Sprachgebrauch entspricht der Alltagskommunikation und wird daher von vielen Menschen als authentisch, natürlich und volksnah empfunden.”

Zudem würden Populist*innen bewusst den dialogischen Charakter von Social-Media-Plattformen ausnutzen und es darauf anlegen, bei den Leser*innen intensive Gefühle zu wecken, erklärt Schwarz-Friesel weiter. Rhetorische Fragen wie „Was soll aus Deutschland werden?” und gefühlsgeladene Wörter wie Sorge oder Angst seien neben der klaren Abgrenzung zwischen Wir und Ihr gängige Elemente, um mit Posts im Internet für eine große Resonanz zu sorgen.

Menschen mit Wörtern beeinflussen

Sprache darf als Machtinstrument nicht unterschätzt werden – darauf machen Forscher*innen bereits seit dem 19. Jahrhundert aufmerksam. Sigmund Freud betonte die Macht der Worte und auch die Berliner Linguistin Schwarz-Friesel beschäftigt sich heute in ihren Arbeiten intensiv mit dem Potenzial sprachlicher Äußerungen: „Sprache ist ein gefährliches, oft aber unterschätztes Mittel zur Ausübung von Gewalt. Gewalt beginnt immer in den Köpfen der Menschen und wird dann auf die Straße getragen: Demagogie, Manipulation und Volksverhetzung erwachsen aus Sprache, die bewusst verwendet wird, um zu beeinflussen.”

Aufmerksamkeit durch Provokation

Rechtspopulistische Politiker*innen zeigen sich im Netz immer wieder radikal und provokant, etwa mit rassistischen Kommentaren über die deutsche Nationalmannschaft, pietätlosen Äußerungen zu Tragödien wie dem Weihnachtsmarkt-Anschlag in Berlin oder schamlosen Beleidigungen individueller Personen. Wenn sich bekannte Politiker*innen auf Twitter und Co verbal austobten, dann ließe auch die Reaktion aus der Web-Community nicht lange auf sich warten, meint Schwarz-Friesel. Mit einem solchen Verhalten verstärkten sie nur das Bewusstsein von Internetnutzer*innen, die zu massiven Shitstorms oder Cybermobbing beitrügen: „Seit Jahren sehen wir in der Netzkommunikation verstärkt Hassbotschaften, längst sind alle Schranken durchbrochen und die letzten Tabugrenzen überschritten.“

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Sprachlicher Extremismus, der weder vor Gewalt noch vor Erniedrigungen oder Mordaufrufen zurückschrecke, würde klar durch das Verhalten von Rechtspopulist*innen verstärkt, sagt Schwarz-Friesel, die dieses Phänomen nicht nur in Deutschland, sondern auch auf internationaler Ebene beobachtet. Dabei verweist sie auf Donald Trump: „Mit seinen Beschimpfungen und Verleumdungen im Stakkato-Stil und seinen verbalen Ausfällen wird er als Tabubrecher empfunden. Seine Tweets erreichen viele Menschen, die begeistert davon sind, dass er alle gängigen Konventionen der verbalen Höflichkeit außen vor lässt.“

Sprache kritisch hinterfragen

Aber nicht nur User*innen am heimischen PC, sondern auch die Medien werden immer stärker von rechtspopulistischem Vokabular beeinflusst. Begriffe wie Altparteien oder Überfremdung haben unbemerkt Eingang in die Medien- und Alltagssprache gefunden und werden selbst von Politiker*innen in Spitzenpositionen ohne Anführungszeichen oder kritisches Hinterfragen benutzt. Joachim Scharloth, Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden, sieht darin eine große Gefahr: „Auch wenn man einen Begriff benutzt, um sich davon abzugrenzen, reproduziert man ein bestimmtes Gedankenbild.“ Wichtig sei es, dass man sich bewusst mit der Sprache von Parteien wie der AfD auseinandersetze. Begriffe wie Zersetzung oder Lebensraum, die klar dem Nazi-Jargon entlehnt wurden, dürften nicht unreflektiert wiederholt werden, erklärt Scharloth.

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Auch die Mannheimer Linguistik-Professorin Heidrun Kämper vom Institut für Deutsche Sprache rät zur Vorsicht mit derartigem Vokabular: „Wenn aus dem Populismus beispielsweise unseren gesellschaftlichen Wertekonsens aufkündigende Positionen in den öffentlichen Diskurs kommen, müssen wir etwas dagegensetzen.“ Das bedeute zunächst einmal, entsprechende Begriffe grundsätzlich nicht zu benutzen. Dabei nennt sie die Diskussion um Xavier Naidoos neuen Song Marionetten als Beispiel: „Naidoo nutzt darin Wörter aus der rechten Szene, ohne sich klar davon zu distanzieren. Wer kritiklos solche Wörter übernimmt, zeigt, wo er geistig hingehört.“

Eine Scheinwelt in den Medien konstruieren

Auch die Publizistin Liane Bednarz setzt sich nahezu täglich mit rechtem Jargon und den Äußerungen von AfD-Politiker*innen auseinander. Sie weist als Expertin auf eine ganz neue Entwicklung im Netz hin: „Rechtspopulistische Parteien wie die AfD oder auch die FPÖ in Österreich schaffen sich mit Twitter und Facebook ihre eigene Medienwelt. Sie sind im Grunde genommen nicht wirklich auf die etablierten Medien angewiesen.“ Auf diese Weise könnten sie direkt mit ihrer Wählerschaft kommunizieren und die Medien fielen als Vermittler komplett weg, ergänzt Bednarz. Schon längere Zeit gäbe es den Partei-Sender FPÖ-TV und auch die AfD setze nun auf selbstregulierte Berichterstattung in Form eines eigenen YouTube-Kanals.

Für Bednarz ist klar, dass die AfD auch in Zukunft weiter auf sprachliche Provokation setzen wird, um Aufmerksamkeit in den Medien und bei ihren Wähler*innen zu erreichen. Das beobachte sie zwar mit großem Unmut, aber sicherlich nicht tatenlos: „Ich sehe es als meine Aufgabe, auf diesen Sprachgebrauch aufmerksam zu machen und so der Verrohung der Alltagssprache entgegenzuwirken.“