Gezeichnete Konflikte: 40 Comics zeigen, was zurzeit auf der Welt schief läuft

Unsere Welt ist voller Krisen. 40 Zeichner*innen haben sich zusammengeschlossen, um 20 Konflikte zu illustrieren – und um ein in Deutschland vernachlässigtes Genre zu befeuern: den politischen Comic.

© Michael Pogorzhelskiy

Kurden vs. Türkei: 40 Zeichner*innen haben 20 aktuelle Krisen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. © Michael Pogorzhelskiy

Sicher, es gibt gezeichnete Statements, die sich am aktuellen Weltgeschehen abarbeiten. Als Karikaturen in der Zeitung. Als Blödeleien im Mad-Magazin. Selbst in Disneys kinderfreundlichen Enten- und Maus-Storys stolpert man gelegentlich über Referenzen an die reale Welt – zum Beispiel tauchte mal Merkel in einem Micky-Maus-Heft auf.

Doch es ist selten, dass sich deutsche Zeichner*innen in ganzen Bänden aktuellen Krisenthemen stellen. Beispielsweise geht’s Anna Haifisch in „The Artist“ (Reprodukt) um Freud und vor allem Leid im Kunstbetrieb. Nadine Redlich beschäftigt sich in „Paniktotem“ (Rotopolpress) mit Depressionen. Nils Oskamp reist in „Drei Steine“ (Panini) zurück ins Dortmund der 80er, um die Geschichte einer Gruppe Neo-Nazis zu erzählen. Sebastian Rether arbeitet für „Foc/Feuer“ (Edition Büchergilde) die Kriegserinnerungen seines Opas auf. Und Renè Rogge zieht es zeitlich am weitesten zurück, in „Pyramids“ (Rotopolpress) widmet er sich dem Bau der Pharaonen-Gräber.

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Das ist kein Anlass für eine Generalkritik. Die deutsche Comic-Szene ist vielfältiger und spannender denn je, viele junge Talente haben in den vergangenen Jahren stilstarke Bände vorgelegt. Doch es gibt eine vernachlässigte Nische: den politischen Comic. Zwei Berliner Comic-Gruppen haben sie nun erfolgreich verkleinert.

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Die Teams von Moga Mobo und Epidermopyhtie haben 40 Künstler*innen für einen Band gewonnen, in dem sie 20 aktuelle Krisenherde betrachten. Dabei bekamen die Zeichner*innen jeweils eine der Konfliktparteien einer Krise zugeteilt. „Ob sie sich identifizieren, distanzieren, ironisieren oder einfach nur eine Geschichte erzählen, blieb jedem selbst überlassen“, schreiben die Redakteure in ihrem Vorwort. Die Zeichner*innen sollten sich lediglich „mit dem Denken und Handeln, den Motivationen und Ängsten ‚ihrer‘ Partei auseinandersetzen“.

„Comic Culture Clash – In 20 Krisen um die Welt“ ist mit Anhängen 252 Seiten stark geworden. Darin widmen sich unter anderem Autor Tolgahan Kaftan und Zeichner Michael Pogorzhelskiy dem Konflikt zwischen Türken und Kurden. Dafür lässt er zwei Jugendliche an einer Tischtennisplatte aufeinandertreffen – und die Streitereien ihrer Völker vergessen.

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© Michael Pogorzhelskiy

Naomi Fearn beschreibt den Israel-Palästina-Konflikt wie einen Zank zwischen zwei Mitbewohnerinnen. Aus dieser Distanz wirkt der Streit plötzlich furchtbar albern.

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© Naomi Fearn

Richard Pestemer macht Hühner aus artgerechter Haltung zu Held*innen seiner Comic-Episode. Er lässt die Tiere einen Angriff auf eine Legebatterie starten, um auf die Unterschiede zwischen regionalen Anbieter*innen und die Tierhaltung von Wirtschaftsmonopolist*innen hinzuweisen.

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© Richard Pestemer
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© Richard Pestemer

Auch kleine Konflikte finden in dem Buch Platz, so zum Beispiel der ewige Zwist zwischen Ur-Berlinern und den zugezogenen Schwaben. Andreas Hartung alias aha lässt die schwäbische Ziege Ernst in einer Selbsthilfegruppe einen Weg finden, in der Hauptstadt anerkannt zu werden. Zum Leidwesen der eigenen Identität.

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© aha
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© aha
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© Jeff Hemmer

Meist gehen die Geschichten nicht gut aus. Die Zeichner*innen finden selten Lösungen, wie es auch für die echten Krisen keine oder keine leichten Lösungen geben kann. Ab und an gibt es aber kleine Lichtblicke, die uns Leser*innen trotz der schwarz-weißen Düsterstimmung mit einem Lächeln aus dem gelungenen Band begleiten. Etwa bei Jeff Hemmer. Er beschreibt den Konflikt zwischen Presse und Öffentlichkeit, der seinen Protagonisten, einen Journalisten, an nichts anderes mehr denken lässt. Am Ende rettet ihn aus dem Konflikt etwas simples: ein Lächeln.