Gibt es Diversität im Pop?

Alle sprechen von „Diversität“ und feiern sie – auch in der Musikbranche. Aber gibt es sie dort überhaupt?

Hier begeistert Mykki Blanco in Los Angeles die Crowd © Joe Scarnici/Getty Images for Redd's Wicked Apple/AFP

Dieser Text ist ein Auszug der multimedialen, interaktiven Scrollytelling-Geschichte „Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann“ von detektor.fm.

Frauen im Pop – keine falsche Bescheidenheit

Es braucht Vorbilder, um andere zu ermutigen, Pionierinnen, die vielen anderen den Weg bereiten. Es ist jedoch ein Unterschied, ob die Hillarys, Beyoncés und Helenes dieser Welt sich für die Sache der Frau einsetzen oder nur ein feministisches Image pflegen möchten – ob man für eine Gruppe spricht oder sie lediglich als Zielgruppe ansieht.

Die Musikbranche unterscheidet sich da im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht sonderlich. Allerdings bietet die Popkultur einen besonderen Resonanzraum für feminine Themen. Die Teilhabe am Diskurs, am Produzieren und Verbreiten ist durch soziale Netzwerke, digitale Vertriebswege und erschwingliches Computer-Equipment so unkompliziert möglich wie nie zuvor.

Und so tauchen nach und nach immer mehr weibliche oder Transgender-Musiker und Musikerinnen in den Bestenlisten auf, eher in den progressiven Diskurs-Magazinen wie der Spex – und sogar beim lange Zeit als Altherren-Rock-Magazin verrufenen Rolling Stone stellte 2015 eine Frau das “Album des Jahres“: die Multiinstrumentalistin und Produzentin Julia Holter.

Hat der heterosexuelle Pop-Mann „ausgedient“?

… it’s not about equal rights, it’s about how we think. We have to reshape our own perception of how we view ourselves.“

– Beyoncé, aus der Doku „Life is but a dream“

Der Pop-Theoretiker und Autor Jens Balzer sieht in seinem jüngsten Buch „Pop. Ein Panorama der Gegenwart“ sogar nicht nur den von Männern beherrschten Rock als Auslaufmodell, der am Anfang des Jahrtausends noch einmal mit Bands wie The Strokes oder The Libertines Erfolg hatte – der heterosexuelle Pop-Mann überhaupt hätte ausgedient. Stattdessen werde der Pop der Gegenwart von Frauen wie Adele, Rihanna, Lana Del Rey oder Helene Fischer geprägt.

Zwar sind viele der aktuellen Superstars Frauen, aber eine dominante Phase in den Charts ist längst noch keine weibliche Übernahme des gesamten Business. Viele andere Bereiche der Musikbranche sind immer noch fest in männlicher Hand – seien es Redaktionen, Studios und Mischpulte oder Labels – auch in der Indie-Szene. Die Revolution der Riot Grrrls ist eher ein langsamer, gesamtgesellschaftlicher Prozess als ein schneller Umbruch. Allerdings können die Popkultur und der gesamte Kulturbereich bei diesem Wandel ein Motor sein, weil sie die Freiheiten und die Fähigkeiten besitzen, Ungleichheit anzusprechen, anzuprangern, ein Bewusstsein für Missstände zu schaffen – und so schlussendlich die Gesellschaft zu verändern.

Black is beautiful

Run DMC 2015 in Miami. Foto: © Aaron Davidson/Getty Images for Jazz in the Gardens/AFP

(I’m tired my man) Don’t worry bout what color I am.“

– Run DMC, „Proud to be black“

Wer hierzulande über Pop redet, meint eigentlich die westliche Popkultur. Kein Wunder, ist das Verständnis von Pop doch vor allem anglo-amerikanisch geprägt – und dazu gehört natürlich auch Schwarze Musik, die sich immer wieder Themen wie Unterdrückung und Rassismus gewidmet hat. Leuchtende Beispiele dafür sind Sam Cooke, Billie Holiday, oder in jüngster Zeit Kendrick Lamar.

Im Song “God is Gangsta” thematisiert Kendrick Lamar die Chancenlosigkeit für Schwarze in seinem Heimatort Compton, dem wohl bekanntesten und brisantesten Problemviertel von Los Angeles.

Ethnische Vielfalt

Asiatische, arabische, lateinamerikanische oder afrikanische Musiker sind hingegen eher selten Protagonisten auf dem internationalen Markt, wenn dann im Hip Hop, Soul und Jazz. Selbst der liberale, weltoffene und reflektierte Indie-Sektor ist ethnisch eher so abwechslungsreich wie ein Eishockeyteam. Denn kulturelle Vielfalt ist in westlichen Gesellschaften vielerorts allgegenwärtig, passiert im Pop aber meistens nur dann, wenn sie als Stilmittel benötigt wird.

Pop und Behinderung

Die Band „Pertti Kurikan Nimipäivät“ aus Finnland. Foto: © AFP PHOTO / DIETER NAGL / AFP PHOTO / DIETER NAGL

In der Popmusik sind Menschen mit Behinderung beinahe unsichtbar. Der Eurovision Song Contest 2015 machte da eine Ausnahme. Die Punk-Band Pertti Kurikan Nimipäivät, bestehend aus vier Männern mit geistiger Behinderung, hatte den finnischen Vorentscheid gewonnen und trat in Wien für ihr Land an.

Was hängenblieb, war nicht ihr Song “Aina Mun Pitää”, sondern ihre Behinderung. In der medialen Berichterstattung und besonders in der Werbung sei das ein bekanntes Muster, meint die Musikwissenschaftlerin Beate Flath. Ein vermeintliches Manko werde hier häufig instrumentalisiert.

LGBT im Pop

Seit wir von Pop sprechen, gab es immer wieder Künstler und Künstlerinnen, die das konventionelle Schwarz-Weiß-Denken von Frau und Mann brechen. Dabei hatte die gay community in der Geschichte des Pops häufig Vorbildcharakter und hat sich zudem auch als eine wichtige Zielgruppe etabliert. Speziell von der relativ kleinen Blase New York ging eine immense Strahlkraft aus. Für Künstlerinnen wie Madonna und Lady Gaga ist sie ein Füllhorn der Inspiration. Rufus Wainwright, ANOHNI oder The Scissor Sisters haben aus der Szene heraus bleibenden Einfluss auf verschiedenste Genres genommen.

Queer Rap

Mykki Blanco in Los Angeles. Foto: © Joe Scarnici/Getty Images for Redd’s Wicked Apple/AFP

Nur eine Musikrichtung war für die LGBT-Szene lange Zeit unantastbar, bis vor einigen Jahren Frank Oceans bisexuelle lyrische Äußerungen die Rapwelt erschütterten. Heutzutage erobern queere Künstler wie Le1f oder Mykki Blanco die einstige Männerdomäne.

Diversität in den Medien

Diversität findet immer mehr in den Medien statt, allerdings ist vielfältige Berichterstattung immer noch nicht der Normalfall, häufig werden die nicht der weißen, heterosexuellen Norm entsprechenden Künstler als etwas Besonderes hervorgehoben. Wenn wie zuletzt 2015 bei der TV-Show Germany’s Next Top Model ein Transgender-Model teilnimmt, ist das ein Highlight, wenn auch ohne Erfolgsaussichten.

Auch die SPEX-Redakteurin Jennifer Beck teilt das Gefühl, dass die größer werdende Aufmerksamkeit mit einer unnötigen Besonderheit unterstrichen wird. Ein Mangel an Diversität besteht sicherlich auch bei den Medienmachern. Häufig berichteten weiße, heterosexuelle Männer, so Beck. Wo keine Vielfalt herrscht, ist es natürlich auch schwer, angemessen darüber zu schreiben.