Gips-Kunstprojekt: Wie meine Vagina zum politischen Statement wurde

Der Künstler Mirko Hecht macht Gips-Abdrücke vom weiblichen Intimbereich und verwandelt sie mit Farbe zum Protestsymbol. Unsere Autorin hat bei der Kunstaktion mitgemacht.

Eigentlich ist Mirko Hecht Tierarzt. Aber seine Leidenschaft hat der 41-jährige Hamburger in der Kunst gefunden – in ausgefallener Kunst: Er fertigt Intimabformungen von Frauen aus Gips an und bemalt sie mit den Flaggen der Herkunftsländer seiner Modelle. „Ishowflag“ nennt Mirko sein Projekt, „Ich zeige Flagge“. Er betreibt das Kunstprojekt vor allem aus einem Grund: „Ich möchte zeigen, dass wir alle gleich sind, egal woher wir stammen, welche Sprache wir sprechen, welcher Religion wir angehören und welche Hautfarbe wir haben“.

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Jede Frau, die einen Abdruck ihrer Vagina von Mirko erstellen lässt, kann der Gips-Form auch ein politisches Statement mitgeben. „Durch die Intimität des Ganzen, bekommt die Aussage ein besonders Gewicht“, sagt Mirko. Sein großes Ziel ist es, Vagina-Abdrücke und Flaggen aus allen Ländern der Welt zusammenzubringen. Bislang hat er schon 42 Kunstwerke geschaffen, davon 25 Abdrücke mit Länderflagge, zehn mit Bundesländerflagge und sieben mit Statementflagge.

Erst kommt das Alginat, dann die Gipsbinden

Um mir seine Arbeit genauer anzuschauen, treffe ich mich an einem Mittwochabend mit Mirko in seiner Hamburger Wohnung. Fast alle Möbelstücke hat er selbst gebaut. Seine Lampe über dem Esszimmertisch besteht aus Glasflaschen und sein Bücherregal aus Hartholz und Fittings, Zubehörteile der Montagetechnik. Im Hintergrund läuft entspannende Deep-House-Musik. Im Wohnzimmer warten schon Claudia, 24, und Carina, 21, zwei Modelle. Die Freundinnen sind über Instagram auf den Künstler aufmerksam geworden.

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Beide finden „Ishowflag“ toll. Claudia: „Ich bin von dem Projekt begeistert und möchte Mirko mit seiner Aussage, dass alle gleich sind, bestärken.“ Carina findet es interessant, sich die verschiedenen Abdrücke anzusehen. „Als Frau kriegt man eher selten die Möglichkeit, den intimsten Bereich anderer Frauen zu sehen. Das finde ich spannend.“ Claudia möchte mit ihrem Abdruck ein Statement für Frieden setzen und wählt als Motiv für ihren Gips-Abdruck die Friedenstaube. Carina will mit dem WWF-Panda ein Zeichen für Natur- und Umweltschutz setzen.

Erst legt sich Carina, dann Claudia auf einen Tisch. Mirko schafft eine angenehme Atmosphäre, Scham und Unsicherheit kann dabei gar nicht aufkommen. Er verteilt hochkonzentriert das Alginat zwischen den Beinen der Frauen. Es wird auch von Zahnärzten für Zahnabdrücke verwendet, ist rein pflanzlich und nicht schädlich. Er streicht es so lange ein, bis es fester wird, ehe er Gipsbinden auflegt. Keine zehn Minuten und der Negativabdruck ist fertig.

Wer eine sexuelle Atmosphäre vermutet, liegt falsch

Spontan entscheide ich mich, selbst Teil des Projekts zu werden. Ich bin fasziniert davon, dass schon so viele Frauen mitgemacht haben – ich möchte selbst ein Statement hinterlassen. Als Motiv für meinen Abdruck wähle ich den erhobenen Stift für Pressefreiheit. Gerade in diesen Zeiten – voller Gewalt, Terror und Unfreiheiten – ist mir diese Botschaft sehr wichtig.

Ich mache mich frei und lege mich auf den Tisch. Das Alginat ist sehr kalt, als es auf meine Haut trifft. Danach fühlt es sich sehr angenehm an. Ich hatte erst befürchtet, das Ganze hätte eine „Frauenarzt-Atmosphäre“, aber dass die Aktion in Mirkos vier Wänden stattfindet, nimmt ihr die Kälte. Er lockert die Stimmung auf, indem wir uns entspannt nebenbei unterhalten.

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Nachdem das Alginat fester geworden ist, legt Mirko Gipsbinden auf, um Stabilität zu schaffen. Der gesamte Abformungsprozess geht schnell und ist gar nicht unangenehm. Wer einen Fetisch oder eine sexuelle Atmosphäre vermutet, liegt falsch. Mirko muss konzentriert arbeiten. Weder kassiere ich merkwürdige Blicke noch werde ich unanständig angefasst. Nach dem Abformungsprozess umarmt Mirko mich – zum Dank.

Für ein Kunstwerk braucht er circa eine Woche

Kurze Zeit danach kann die Form auch schon mit Gips ausgegossen werden. Mirko rührt den Gips an und pinselt den Abdruck ein. Erst vorsichtig mit wenig Gips, dann immer mehr. Es muss zügig gehen, weil der Gips schnell trocknet. Nach 30 bis 40 Minuten kann er dann die Negativform abziehen und sieht den fertigen Abdruck.

Bis der Gipsabdruck so trocken ist, dass er ihn bemalen kann, dauert es bis zu einer Woche. Dafür nutzt Mirko Acrylfarbenlack. Wie lange er zum Bemalen braucht, unterscheidet sich je nach Motiv. Einfache Flaggen dauern zehn bis 15 Minuten. Komplizierte wie die von Ecuador mit einem filigranen Wappen auch schon mal drei Stunden. Wenn die Muster kompliziert sind, fertigt Mirko sich vorher Schablonen an. Besonders kniffelig macht es die Dreidimensionalität des Abdrucks.

Eine Courchsurferin schob das Projekt mit an

Mirko wurde von dem bekannten Bodycaster Jamie McCartney aus England mit seiner „Great Wall of vagina“ inspiriert. Bodycaster fertigen Körperabformungen von Menschen an – oft wie Mirko aus Gips. Hände, Torsos und Schwangerschaftsbäuche sind die gängigsten Abbildungen. Als Mirko 2014 anfing, war seine eigene „Wall of vagina“ ursprünglich als ein weiteres ausgefallenes Designobjekt für die Wohnung gedacht. Doch dann wurde eine Couchsurferin darauf aufmerksam und wollte auch Teil des Projekts sein. „Sie bestand darauf, dass ich sie mit ihrer Landesflagge bemale“, erzählt Mirko.

So ging es weiter. Die ersten Modelle waren Freundinnen oder Bekannte. Die internationalen Modelle kannte Mirko vom Couchsurfen. Durch Instagram hat er jetzt internationale Aufmerksamkeit erregt. Durch den Hashtag #ishowflag finden sich immer mehr Frauen, die die skurrile Leinwand nutzen möchten, um sich zu etwas zu bekennen und für Frieden einzustehen.

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Als wir gemütlich auf dem Sofa sitzen, erklärt Mirko, warum es gerade der weibliche Intimbereich ist, der ihn fasziniert. „Es ist ein sehr privater und geschützter Körperbereich und bleibt der Öffentlichkeit in der Regel verborgen“, sagt er. “Ich finde den weiblichen Intimbereich ästethischer als den männlichen und er ist leichter abzuformen.”

Weitere Aspekte seien die geometrische Form, die Ähnlichkeit untereinander mit individuellen kleinen Unterschieden und die Tatsache, dass man bei dem gewählten Ausschnitt weder Rückschlüsse auf das Alter oder Hautfarbe, noch der Körpergröße und Körperfülle schließen kann. Auch Mirkos Frau ist von diesem Projekt sehr begeistert. „Sie hat mich von Anfang an bei meinem Projekt unterstützt und teilt meinen Enthusiasmus.“

„Die meisten Leute finden das spannend und sind sehr interessiert“

In Zukunft möchte Mirko seine Abdrücke auch ausstellen. Eine geeignete Lokalität für seine Kunst zu finden, ist aber gar nicht so leicht. „Ich könnte mir auch vorstellen, bei einem Gynäkologen auszustellen.“ Eine andere Alternative wäre ein Erotikshop auf dem Kiez. Sein ganz großer Traum wäre es, eines Tages im erotischen Kunstmuseum auszustellen.

Bisher hat Mirko hauptsächlich positive Rückmeldungen auf das Projekt bekommen. „Die meisten Leute finden das spannend und sind sehr interessiert.“ Viele schauen es sich gerne an, würden aber nicht mitmachen. Seine jüngste Teilnehmerin war 18, die älteste 66. Die meisten Modelle waren bisher Ende Zwanzig bis Ende Dreißig.

Ich bin froh, mitgemacht zu haben. Es fühlt sich so an, als hätte ich nackt für die Pressefreiheit demonstriert. Wenn alle Statements irgendwann ausgestellt werden, bin ich stolz, ein Teil davon zu sein.