Berlins größter Graffiti-Fan ist 67 und heißt Angelika

„Stricken ist nichts für mich. Ich jage lieber Bilder an Häuserwänden.“

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Angelika Bruer fotografiert seit zwölf Jahren Streetart in Berlin. © Marieke Reimann

Die 67-Jährige kramt aus ihrer braunen Leder-Damenhandtasche eine grau-lila-gestreifte Ringelsocke hervor, die über eine kleine Digitalkamera gestülpt ist. Sie zieht an einem schwarzen Bändchen, das um den Rand der Kamera geschnürt ist und hält den Fotoapparat vor ihr Gesicht – ihr gegenüber lugt ein Graffiti-Roboter aus einer Hausecke.

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Angelika Bruer fotografiert seit zwölf Jahren Straßenkunst in Berlin. © Marieke Reimann

Knips, knips. Der Verschlusston der Kamera hallt durch den leeren Hinterhof, mittags in Berlin Friedrichshain. Angelika Bruer ist kein Profi. Sie hält ihre Kamera, wie viele ältere Menschen ihre Kameras halten würden, um kurz ein Bild zu schießen: Etwas unbehänd, aber begeistert davon, dass sie gerade etwas festhält.

Nur darum geht es der Rentnerin. Sie interessiert sich für das Motiv vor ihr auf einer Wand. Gefällt es ihr, drückt sie ab. Sie fotografiert Graffiti, Sticker, Cut Outs und Co. (eine Übersicht über verschiedene Streetart-Stile findet ihr zum Beispiel hier). Kurz darauf klebt sie das Bild vom Bild in eines ihrer Fotoalben zuhause.

„Streetart ist Kunst“

„Und wenn es noch so krakelig ist, solange es pur und echt ist, ist es Kunst, Straßenkunst“, sagt Bruer während einer ihrer „Streifzüge“, wie sie ihre Fotospaziergänge nennt. Mehrmals die Woche zieht die Rentnerin durch Berlin und die Außenbezirke der Hauptstadt. Sie ist eine „Jägerin und Sammlerin“, sagt sie – seit 2003 immer auf der Suche nach Bildern, die sie noch nicht vor der Linse hatte, die noch nicht in einem ihrer 70 Fotoalben kleben.

Vor zwölf Jahren nahm Bruer, damals noch Verwaltungsangestellte, an einem Foto-Wettbewerb teil, für den sie eine Einweg-Kamera geschenkt bekam. Ziel war es, möglichst viele schöne Bilder der „Buddy Bären“ in Berlin zu knipsen.

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Sogenannter Buddy Bär vor einem Seitenflügel des Finanzministerium in Berlin. © picture-alliance/Eibner-Pressefoto

Aus Einweg wurde Mehrweg und Bruer zog los, um noch mehr von Berlin, ihrer Heimatstadt zu fotografieren. Dabei stieß sie immer wieder auf Graffiti oder kleine Sticker. Um sich daran zu erinnern, fotografierte sie statt der Bären, irgendwann nur noch Bilder an Hauswänden.

„Graffiti? Was! So’n Scheiß!“

„Es war für mich nicht einfach, in die Szene einzutauchen“, sagt Bruer. „Es hat mich viele, viele Jahre gekostet, damit mir die Leute vertrauen.“ Heute wird sie manchmal zu Vernissagen eingeladen: „Urban Art“, „Streetart Berlin“ – hippe Namen für coole Kunst. Noch ein bisschen hipper findet Bruer die Informationen, die sie bekommt, die so mancher Polizist wohl auch gern hätte.

Mehrmals im Monat klingelt bei ihr Zuhause das Telefon und jemand aus der Szene ruft an. Er sagt ihr Zeit und Ort, wenn wieder was gesprayed oder installiert werden soll. Bruer fährt immer hin, auch wenn sie schon manchmal enttäuscht wurde:

„Es ist schon öfter passiert, dass die Leute nicht da waren, um etwas Neues zu malen und ich umsonst rumgegurkt bin.“ Sie möchte die Erste sein, die ein neues Bild entdeckt und es sofort fotografieren und Zuhause einkleben – andere sammeln Briefmarken, Bruer Streetart.

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Graffiti auf dem RAW-Gelände Berlin, Friedrichshain. © Marieke Reimann

Handarbeit liegt ihr nicht und nur im Garten rumzubutteln, darauf hat Bruer auch keine Lust. Als sie einem ihrer Nachbarn erzählte, dass sie Straßenkunst fotografiert, antwortet der: „Graffiti? Was? So’n Scheiß!“ Das Unverständnis sei groß, sagt sie, aber auch auf der anderen Seite. „Nicht jedem gefällt, dass ich rumstromer und alles ablichte. Genauso wie manche alte Leute Graffitis doof finden, finden manche Sprayer alte Leute doof.“

„Den Künstler in meinem Blackbook haben sich Ashton Kutcher und Demi Moore nach Hause geholt“

Als Bruer anfing, Streetart zu fotografieren, informierte sie sich in Graffiti-Shops über Material und Ausstattung der Sprayer. Als Gag gab ihr ein Verkäufer ein Blackbook mit und feixte: „Hiermit kannst du Bilder sammeln Omi“, erzählt Bruer. Blackbooks sind Skizzenbücher von Sprayern, aber gleichtzeitig auch eine Art „Poesiealben“ – Bücher, in denen sich andere Künstler verewigen.

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Eintrag von Streetart-Künstler Nomad in ein Blackbook von Bruer. © Marieke Reimann

Bruer besitzt heute sieben Blackbooks, randvoll mit persönlichen Zeichnungen und Notizen nur für sie: „Das ist ein echter Nomad“, grinst sie, weil sie genau weiß, wie bekannt der Berliner Künstler ist. „Den haben sich Demi Moore und Ashton Kutcher nach Hause geholt, weil sie ihn so toll finden. Ich hab‘ auch einen!“, sie lacht.

Bruers Sammlung umfasst mittlerweile mehr als 13.000 Bilder. Sie steht in engem Kontakt mit einem Berliner Museum, das „für den Fall der Fälle“, wie sie sagt, ihren Nachlass verwalten und öffentlich zugänglich machen wird. Will sie sich bis dahin vielleicht selbst noch das Sprayen beibringen? „Nein, das ist ganz ganz schwierig, so zu malen, dass es richtig gut aussieht. Aber denen, die das können, bleib‘ ich auf den Fersen.“