Gute Nachricht für Normalos: Super-schlau ist nicht gleich super-happy

Die schlaueste Person im Raum zu sein, kann eine Last sein. Gut für unseren Autor, dass er auf dem deutschen Jahrestreffen des Vereins der Hochbegabten (“Mensa”) in Bonn der Dümmste war.

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Hochbegabte sind nicht unbedingt glücklicher. (Symbolbild) © katha*rina/ photocase

Bei “Mensa” kann nämlich nur Mitglied werden, wer einen IQ von 130 oder mehr hat. 98 Prozent der Bevölkerung (darunter auch ich) haben einen niedrigeren IQ. Mensa ist der größte Verein der Welt für hochbegabte Menschen jedes Alters mit 120.000 Mitgliedern in mehr als 100 Ländern, davon rund 12.500 in Deutschland.

Auch wenn ich zu doof bin, um “Mensa”-Mitglied zu sein, bin ich trotzdem auf das Jahrestreffen des Vereins gegangen, um mit jungen “Mensa”-Mitgliedern über ihr Leben mit Hochintelligenz zu sprechen.

Bei den Hochbegabten will keiner über den genauen IQ-Wert reden

Verena aus Frankfurt sagt mir zu Beginn unseres Gesprächs: “Es zählt zu den Grundregeln des Vereins, dass nicht über den eigenen IQ-Wert gesprochen werden darf.” So wollen die Veranstalter für eine entspannte Atmosphäre sorgen.

Über vier Tage hinweg konnten die Mensaner – so nennen sie sich – unterschiedliche Vorträge und Veranstaltungen besuchen: Schachturniere, Museums-Ausflüge oder eine Bierverkostung standen auf dem Programm.

“Am Ende des Tages ist der IQ-Wert für mich auch nur eine Zahl”, meint Sara, eine Bonner Mathe-Studentin, die seit 2012 dabei ist.

Für einige Teilnehmer kommt “Ich bin hochbegabt” einem Outing gleich

Julia ist Mitte 20, sie arbeitet im Finanz-Sektor in Nordrhein-Westfalen. Ihren ganzen Namen oder gar ein Foto soll nicht auf ze.tt erscheinen. Sie erklärt: “Ich arbeite in einer sehr konservativen Branche. Dass ich hochbegabt bin, könnte da manchen vor den Kopf stoßen.”

Schon mit zehn Jahren wurde Julia “Mensa”-Mitglied, das Abitur machte sie mit 16. Sie sagt: “Wenn man hochintelligent ist, denken viele, man wäre eitel oder sozial-unfähig – diese Klischees will ich vermeiden.”

Für viele der jungen “Mensa”-Mitglieder lässt sich die Teilnahme in dem Hochbegabten-Verein offenbar mit einem Outing vergleichen. So erzählt mir Verena: “Wenn man sich etwas länger kennt, kann man seine Hochintelligenz im Freundeskreis auch mal erwähnen. Das Gefühl, wenn man sagt, “Ich bin in einem Verein für Hochbegabte, und stehe jetzt öffentlich dazu” – das lässt sich schon mit einem Outing vergleichen. Manchmal kommt es mir so vor, als müsste ich mich für meine Intelligenz schämen.”

Hochintelligent zu sein macht das Flirten schwerer

Super-smart macht super-sexy? Gerade für Frauen ist offenbar das Gegenteil der Fall: Viele Männer sind von intelligenten jungen Frauen eingeschüchtert, erzählt mir Alice: “Ich denke, dadurch dass ich selbstbewusst und intelligent wirke, fühlen sich viele Männer nicht stark, nicht männlich genug. Gleichaltrige Männer kamen mit mir oft nicht zurecht. Bei Mensa ist es leichter, Menschen zu finden, die auf der gleichen Wellenlänge sind.”

Die Bonnerin Sara sieht ihre Begabung positiver: “Hochintelligenz kann aber auch als Vorteil in der Liebe wirken, denn man hat sehr viele verschiedene Interessen. Deshalb machen mein Freund und ich auch ganz viele unterschiedliche Aktivitäten, so macht die Beziehung viel mehr Spaß als wenn wir immer nur dasselbe unternehmen würden.“ Und für Julia aus Nordrhein-Westfalen ist klar: “Ein Mann, der sich von meiner Hochbegabung einschüchtern lässt, ist wohl nicht der Richtige für mich.”

Alice Moustier (29), Ariane (20), Autor Philip Buchen (23) und Sara (21) in der Lobby des Bristol-Hotels in Bonn. © Anna Weinhold

Viele sehen den Hochbegabten-Verein als ein “Soziales Netzwerk”

Auf den Veranstaltungen bilden sich Freundschaften, die weit über ein paar Treffen im Jahr hinausgehen, im Netz checken die Teilnehmer*innen die einzelnen Veranstaltungen des Treffens vorab, überlegen genau, wo sie mit wem hingehen.

Sven, Verwaltungsinformatiker aus München: “Die Bedeutung der Mensa-Treffen ist schwer in Worte zu fassen: Ich merke immer erst auf der Abreise im Zug, was da gerade passiert ist.” Und Ariane, eine Studentin aus Erfurt ergänzt: “Du redest dort einfach drauflos und wirst sofort verstanden. Nach so einem Treffen fällt man schon mal in so ein tiefes Loch.” Einige “Mensa”-Mitglieder nennen dieses Gefühl dann auch das “Post Mensa Syndrom” – oder kurz PMS. Das ist wohl der Humor von Hochbegabten…

Die meisten Mensaner sind nicht super-erfolgreich

Ich habe mir den typischen “Mensa”-Vertreter als Karriere-geilen Blackberry- Latte Macchiato-Schmock mit immer griffbereiten Lebenslauf in der überteuerten Aktentasche vorgestellt.

Tatsächlich sind gute Schulnoten und senkrechte Karrieresprünge den Hochintelligenten nicht in die Wiege gelegt. Viele haben ganz normale “durchschnittliche” Berufe.

Zeitdruck und Stress in Prüfungssituationen setzen vielen Hochbegabten so zu, dass sie ihr eigentliches Potential gar nicht zeigen – Alice erinnert sich an ihren ersten IQ-Test: “Als ich den Mensa-IQ-Test ablegte, der unter Zeitdruck ausgeführt wird, versagte ich total: 97! Ich sollte dümmer als der Durchschnitt sein.”

Erst in einem IQ-Test ohne Zeitlimit ließ sich ihre Hochbegabung feststellen. Meine Erkenntnis des Tages: Einige Zeitgenossen sind wahrscheinlich auch ohne hohen IQ sehr erfolgreich.

Das Hochbegabten-Netzwerk ist für viele eine Art Selbsthilfegruppe

Der Münchner Sven organisiert die Treffen der Jugend-Organisation des Hochbegabten-Vereins, er ist sicher: “80 Prozent der Kinder, die in unseren Jugend-Camps unterwegs sind, leben in der Schule ein Außenseiterdasein. Für viele ist „Mensa“ eine Art Ersatzfamilie.”

Das gilt nicht nur für die Kids – vielen Erwachsenen im Verein geht es ähnlich: Sie fühlen sich dort mehr verstanden als im Alltag. Der stellvertretende “Mensa”-Vorsitzende Andreas Wiebusch meint: “Den Charakter der Selbsthilfegruppe hat Mensa lange geprägt, wir versuchen uns jetzt glücklicherweise davon zu entfernen.”

Couchsurfing, ein Dating-Portal, ein Job-Netzwerk, – so will der Verein vom Selbsthilfe-Charakter wegkommen, und Hochintelligente locken, die bisher auch ohne “Mensa” happy durchs Leben gelaufen sind.

Ich lerne: Wer hochintelligent ist, sollte darauf stolz sein – aber bei “Mensa” sind es die meisten nicht. Hochbegabung als soziales Handicap – in einer Gesellschaft, in der das der Fall ist, läuft irgendwas echt schief.