Studieren und Medikamente: Gute Noten auf Rezept

Ob Medizin, Jura oder Geisteswissenschaften – vor stressigen Prüfungsphasen ist kein Studierender gefeit. Um gut durch diese Zeit zu kommen, greift jeder auf unterschiedliche Mittel zurück. Manche auch auf Psychostimulanzien.

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Wenn der Stress zu viel wird, greifen manche Studenten zu Aufputschmitteln. © .marqs/photocase.com

Lose Blätter über den Schreibtisch verteilt. Markierungen in grün, gelb und rot. Es ist zwei Uhr nachts. Der Laptop spendet ununterbrochen künstliches Licht, das auf die Netzhaut fällt und dem Hirn suggeriert, die Nacht komme heute später. Noch zwei Tage bis zur Prüfung. An Pause ist nicht zu denken. Eine konstante Überdosis Koffein unterdrückt die aufkommende Müdigkeit. Je später es wird, desto näher rückt die Prüfung und Wachheit ist längst nicht mehr mit Konzentration gleichzusetzen.

Isabel kennt solche Situationen. Die 21-jährige Medizinstudentin trinkt vor den Prüfungen regelmäßig Kaffee oder grünen Tee. „Damit ich auch morgens schon leistungsfähig bin“, sagt sie. In der restlichen Zeit des Semesters nehme sie eher Abstand von solchen Stimulanzien.

Medikamente wie Ritalin gelten als Wundermittel beim Lernen.

Kaffeekonsum ist unter Studierenden nichts Ungewöhnliches. In einer Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) zu Stresskompensation und Leistungssteigerung unter Studierenden aus dem Jahr 2012 gab die Hälfte aller Befragten an, regelmäßiger Kaffeetrinker zu sein. Ein Fünftel mit dem Ziel, besser durch den Studienalltag zu kommen.

Was aber, wenn das nicht reicht – wenn Leistungsdruck die Gedanken ablenkt und Versagensangst sich übers Hirn legt? Oder wenn einfach nur alles andere gerade wichtiger erscheint, als den Prüfungsstoff in den Kopf zu pressen? „Es kommt durchaus vor, dass Studierende zu uns kommen mit der Frage, wie sie ihre Leistung oder Disziplin verbessern können, weil sie beispielsweise dauernd prokrastinieren“, erklärt Isabella Heuser-Collier. Die Professorin leitet eine der Charité-Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie in Berlin und kann aus einem Fundus von Erfahrungen die Sorgen und Probleme von Studierenden nachvollziehen.

Medikamente wie Ritalin gelten als Wundermittel beim Lernen. Die einen bezeichnen die Neuroenhancer, also Hirnverbesserer, bloß als kleine Anschubhilfe für die Neuronen – sozusagen als nützliche Hilfsmittel, mit denen man den großen Leistungsdruck bewältigen kann. Für andere ist die Einnahme von Methylphenidat, dem chemischen Wirkstoff von Ritalin, schlicht Doping und kommt einem Betrug gleich.

In manchen Fällen treten sogar Suizidgedanken und Psychosen auf.

Ritalin wird eigentlich bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) eingesetzt und unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz. Es nur deswegen einzusetzen, um sich besser auf die nächste Prüfung vorbereiten zu können, ist illegal. Häufige Nebenwirkungen sind Schlaflosigkeit, Appetitverlust und Depressionen. In manchen Fällen treten sogar Suizidgedanken und Psychosen auf.

Lisa* ist Mitte Zwanzig und macht gerade ihren Master in einem geisteswissenschaftlichem Fach an der Humboldt-Universität (HU). Sie habe schon mehrmals Ritalin genommen, sagt sie. Aber nie für Prüfungen, sondern „hauptsächlich, um Hausarbeiten zu schreiben und Deadlines zu schaffen“. Als Doping würde sie das jedoch nicht bezeichnen. „Das macht einen nicht besser, sondern gibt einem bloß eine längere Zeitspanne, um sich zu konzentrieren.“ Lisa ist eine Nachtarbeiterin. Sie nahm 20 mg Ritalin um zehn Uhr abends und konnte dann bis vier Uhr morgens durchschreiben. Erst ab sechs Uhr habe die Wirkung nachgelassen, sie wurde erschöpft und unkonzentriert.

Ähnlich wie Kokain

Was Lisa beschreibt, lässt sich auf den Wirkmechanismus von Ritalin zurückführen. Im Gehirn werden ständig Botenstoffe ausgeschüttet, die Nervenzellen erregen. Diese Stoffe werden im Normalfall sofort wieder aufgenommen, um eine Daueraktivierung zu verhindern. Ähnlich wie Kokain sorgt Ritalin dafür, dass die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin Nervenzellen länger erregen. Die Folge: Aufmerksamkeitssteigerung, erhöhte Leistungsfähigkeit und Euphorie.

Ritalin ist ein Aufputschmittel, erklärt Psychiaterin Heuser-Collier. Die konzentrationssteigernde Wirkung kann sie bestätigen, „kreativer oder intelligenter wird man damit jedoch nicht“. Solche verschreibungspflichtigen Mittel seien geeignet für Lernstoff, der entweder sehr langweilig oder besonders umfangreich ist. Nicht nur sie vermutet die meisten Ritalinkonsumenten in Fächern wie Jura oder Medizin. Die HIS-Studie bestätigt: Gerade bei Studierenden aus Gesundheitsberufen ist der Anteil von Hirndopenden am höchsten. Im Mittel konsumiert jeder Zwanzigste nicht frei erhältliche psychoaktive Stoffe – fächerübergreifend.

Isabel hat nach eigenen Angaben noch nie Ritalin genommen. „In der Prüfungsphase nehme ich eher mal eine Schlaftablette, wenn ich unruhig bin“, sagt die angehende Medizinerin. Sie könne es sich aber zumindest vorstellen, Ritalin auszuprobieren, wenn es frei verfügbar wäre. Auch Christoph, 24, hat mit Jura ein lernintensives Fach gewählt. In den Klausurphasen setze er voll auf Kaffee. „Die Einnahme von Ritalin würde ich generell nicht ausschließen, aber mich auch nicht darum bemühen.“ Die beiden gehören zur großen Mehrheit aller Studierenden, die selbst keine verschreibungspflichtigen Substanzen nehmen und auch niemanden kennen, der entsprechende Mittel benutzt.

Ihr wurde kalt und es fühlte sich an, als werde ihr Körper nicht mehr optimal durchblutet

Die Gefahr, Depressionen zu erleiden oder Psychosen zu entwickeln, schreckt viele ab. Doch wie sähe es aus, wenn es die Nebenwirkungen nicht gäbe? Dann wären etwa 80 Prozent der Befragten bereit, eine solche Wunderpille zu schlucken, fanden Klaus Lieb und seine Kollegen von der Universität Mainz in einer Studie von über 1500 Schülern und Studierenden heraus.
Immerhin könnte man mit einer solchen Tablette das Lernen effizienter gestalten und hätte mehr Zeit für andere Dinge. Studierenden, die beispielsweise mit Kindern, Nebenjobs oder privaten Problemen mehrfach belastet sind, könnte durch den konzentrationssteigernden Effekt ein Stück Chancengleichheit ermöglicht werden.

So auch Lisa. Mit zwei Jobs an der Uni und dazu noch einer Stelle als Freelancerin fühlte sich die Master-Studentin überlastet: „An einem Punkt musste ich 40 Artikel schreiben. Dazu kamen noch die Sachen für die Uni.“ Ritalin half ihr, das alles rechtzeitig zu schaffen.

Bekommen habe sie es über einen Freund, dessen Arzt ihm das Medikament auf regulärem Wege verschrieben habe. Als Lisa Ritalin konsumierte, bemerkte sie Nebenwirkungen: Ein starkes Durstgefühl stellte sich ein, ihr wurde kalt und es fühlte sich an, als werde ihr Körper nicht mehr optimal durchblutet. Außerdem konnte sie nach dem Konsum nicht mehr so gut einschlafen. Für sie eher kleinere Übel, die sie für die längere Konzentration billigend in Kauf nahm.

Früh genug anfangen, viel schlafen und ausreichend Ruhephasen einplanen

Vier von fünf Studierenden können sich die Einnahme einer Wunderpille ohne Risiken vorstellen. Genauso viele betreiben derzeit kein medikamentöses Neuroenhancement. Holger Walther von der Psychologischen Beratung der HU erklärt das offensichtliche Bedürfnis danach mit der heutigen Leistungsgesellschaft. Immer mehr Menschen fühlten sich überfordert, hätten das Gefühl, ihren Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden. Während die einen zu Psychostimulanzien griffen, um ihr empfundenes Defizit auszugleichen, würden gerade viele Studierende die psychosomatischen Zusammenhänge erkennen und sich bewusst gegen die Einnahme von produktivitätssteigernden Drogen entscheiden.

Einfacher gesagt: Auch wenn die losen und vollmarkierten Blätter auf dem Schreibtisch scheinbar ein Eigenleben beginnen und der Bildschirm vor den müden Augen verschwimmt, bleibt die alte Weisheit: Früh genug anfangen, viel schlafen und ausreichend Ruhephasen einplanen. So lange psychoaktive Medikamente eher gefährliches Hirndoping als sanftes Neuroenhancement sind, ist das die sicherste Lösung zur Bewältigung von Prüfungen und Hausarbeiten. Vielleicht ist die Forschung in ein paar Jahren weiter. Ob wir dann tatsächlich zur Wunderpille greifen sollten, ist eine andere Frage.


Text: Nils Katzur und Stephan Detert
Unter Mitarbeit von: Markus Klunk und Jasper Riemann
Erschienen in „UnAufgefordert“, Heft 232, Oktober 2015

Dieser Artikel ist einer von zwei Gewinnern eines Schreibwettbewerbs von izt und Politik Digital, den ze.tt unterstützt hat. Weitere Informationen zum Thema Hirndoping findet ihr auf der Website des Projekts supermenschen.info.